Weitere Ausführungen zur Inhaltsanalyse in einem älteren Beitrag von Jens Jenker (2007)

1. Was ist Qualitative Inhaltsanalyse?

Die qualitative Inhaltsanalyse (QIA) ist eine Auswertungsmethode für jegliche Form fixierter Kommunikation (Mayring 2010: 13), deren Herzstück die Herausarbeitung der inhaltlichen Strukturierung des Datenmaterials ist (für einen Überblick über die verschiedenen Formen siehe Schreier 2014). Als Hybrid verknüpft sie Logiken quantitativer wie qualitativer Sozialforschung (Schreier 2012: 30): Auf der einen Seite ist ihr Erkenntnisziel die Bedeutung, das was mit im Datenmaterial gemeint ist. Auf der anderen Seite ist ihr methodenpraktisches Ziel, Datenmaterial möglichst schnell zu reduzieren, um auch große Datenmengen bearbeiten zu können. Das geht damit einher, von Anfang an Eindeutigkeiten zu schaffen – einer Textstelle wird eine Bedeutung zugeordnet, nicht mehrere, potenzielle, über weite Teile der Auswertung nebeneinander herlaufende Bedeutungen. Das steht im Gegensatz zum interpretativen Paradigma und bringt der QIA oft Kritik ein. Sie sei zu oberflächlich, keine qualitative Methode im eigentlichen Sinne, der Erkenntnisgewinn zu gering. In soziologischen Einführungsbüchern zu qualitativen Forschungsmethoden sucht man sie deshalb vergebens (etwa Flick 1995, Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014). In anderen Disziplinen, allen voran der Medizin, hat sie sich aber als Auswertungsmethode durchsetzen können.

Wie gehe ich in der Auswertung vor?

Der Auswertungsprozess mittels der QIA enthält sowohl eine zirkuläre als auch eine lineare Phase (Schreier 2012, Kuckartz 2012, Mayring 2010). Die zirkuläre Phase bedeutet ein mehrfaches Überarbeiten des immer wieder selben Materials. Dazu findet zunächst eine Auswahl einiger Fälle aus dem gesamten Datenkorpus nach dem Prinzip der größtmöglichen Variation statt, um eine große Bandbreite der im Datenmaterial vorhandenen Themen einzufangen. Das können bei einem Datenkorpus von 20 Interviews beispielsweise vier Interviews sein, die gegensätzliche Positionen stark machen. Diese vier Interviews werden nun von mindestens zwei Personen (etwa einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin und einer studentischen Hilfskraft) unabhängig von einander durchgearbeitet. Die Diskussion des Datenmaterials ist wichtiges Element zur Herstellung der Intersubjektivität, einem der Qualitätskriterien in der qualitativen Forschung. Es kann aus verschiedenen Gründen vorkommen, dass Forschende eine QIA allein durchführen müssen. Sollte dies der Fall sein, kann der Forschende dasselbe Material zu zwei unterschiedlichen Zeitpunkten durcharbeiten – quasi in Diskussion mit sich selbst. Der Austausch mit anderen ist aber immer unerlässlich für die Qualitätssicherung, entsprechend empfehle ich, wenigstens Ausschnitte der Analyse in offenen Kolloquium wie der monatlichen Forschungswerkstatt am Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung in Tübingen oder der über Quasus angebotenen Forschungswerkstätten in Freiburg zu besprechen. Einen überörtlicher Online-Vernetzungszusammenhang bietet die NetzWerkstatt (http://www.qualitative-forschung.de/netzwerkstatt/index.html).

Es ist möglich, aus dem Interviewleitfaden, der bestehenden Literatur oder dem eigenen Erfahrungswissen, zudem Kategorien deduktiv abzuleiten und an das Material anzulegen. Um aber nicht nur bestehendes Wissen im Datenmaterial zu finden, sondern tatsächlich Neues zu entdecken, ist ein induktives Vorgehen – also die Entwicklung von Kategorien aus dem Material heraus – unerlässlich. Das heißt, die relevanten Textpassagen der Interviews werden in einem mehrschrittigen Prozess immer weiter auf ihre wesentlichen Inhalte reduziert und schließlich zu prägnanten Begriffen – Kategorien – abstrahiert (für ein anschauliches Beispiel siehe Mayring 2010: 72-92). Im Anschluss werden die Interviews gemeinsam diskutiert, Formulierungen, thematische Abgrenzungen, Definitionen besprochen, Kategorien gebildet und in eine hierarchische Ordnung – ein Kategoriensystem – gebracht. Die Hauptkategorien bilden darin die zentralen, allgemeineren Themen ab und die den jeweiligen Hauptkategorien zugeordnenten Unterkategorien sind die inhaltlichen Ausdifferenzierungen der zentralen Themen. Das Kategoriensystem wird danach erneut unabhängig voneinander auf das ausgewählte Material angewendet und in einer nächsten Sitzung gemeinsam diskutiert – Wo gibt es Unklarheiten bei der Anwendung? Was fehlt? Bei Bedarf wird das Kategoriensystem nochmals überarbeitet und erneut am Material erprobt.
Sobald das Kategoriensystem keiner weiteren Überarbeitung bedarf, beginnt die lineare Phase, in der das Kategoriensystem ohne weitere Änderungen auf das gesamte Datenmaterial angewendet wird. Das Kategoriensystem hat dabei die Funktion eines Filters oder eines Kamms, mit dem die Analysierenden das Material durchgehen, an dem manche Teile des Materials hängen bleiben – und andere eben nicht (Schreier 2012: 63). Das ist notwendig, um den Datenkorpus zu reduzieren, bedarf aber auch großer Achtsamkeit, denn alles, was nicht im Kategoriensystem vertreten ist, wird aussortiert und geht damit im weiteren Analyseverlauf verloren. Auch in der linearen Phase wenden die Auswertenden zunächst das Kategoriensystem unabhängig voneinander auf dasselbe Material an und besprechen dann gemeinsam ihre Analysen. Dabei ist es erfahrungsgemäß so, dass bei einem Großteil des Materials deutliche Überschneidungen der Kategorisierungen herrschen und bei einigen Passagen jeden Interviews nochmals vertiefter Diskussionsbedarf besteht. Die Kategorisierungen, auf die sich die Auswertenden in der Diskussion einigen, werden in einer Master-Datei festgehalten, die am Ende als Grundlage für die Queranalyse dient. Es lohnt sich, die Diskussionen grob zu protokollieren, denn hier wird schon einige Vorarbeit für die spätere Queranalyse des Materials gemacht. Die Queranalyse folgt nach der Kategorisierung des gesamten relevanten Datenmaterials. Damit ist die vergleichende Analyse innerhalb der und zwischen den Kategorien gemeint. An deren Ende steht die Deskription zentraler Themen in deren inhaltlicher Vielfalt und Verbindung zueinander, versehen mit besonders prägnanten Textstellen. Weitere qualitative, wie auch quantitative Analysen können, müssen aber nicht angeschlossen werden.

2. Welche Chancen und Grenzen hat das Verfahren?

Wie jede Methode bietet die QIA Chancen, stößt aber auch an Grenzen. Sie bietet klar strukturierte und gut nachvollziehbare Arbeitsschritte und ist entsprechend gerade für Einsteiger leicht(er) zugänglich. Darüber hinaus ermöglicht sie eine transparente Dokumentation des Forschungsprozesses. Sie eignet sich gut für Fragestellungen und Datenformen, in denen der Fokus auf der Beschreibung der inhaltlichen Struktur und Zusammenhänge im Datenmaterial liegt. Denn während die Dokumentarische Methode und die Narrationsanalyse die Fragen „Was wie?“ bzw. „Was wie wozu?“ an das Material stellen, fokussiert die QIA in aller erster Linie auf das „Was?“ Deshalb eignet sie sich vor allem, um abzubilden, was im Material offenkundig(er) genannt wird. Mit den Lücken, dem zwischen den Zeilen oder Ungesagten tut sie sich hingegen sehr schwer. Auch zerreißt die QIA in ihrer Logik einen Fall in Einzelteile, statt ihn in seiner Gesamtheit zu analysieren. Und nicht zuletzt räumt sie der Selbstreflexion der Forscherinnen keinen eigenen methodischen Stellenwert und Arbeitsschritt ein, obwohl diese zentraler Bestandteil in der Arbeit mit qualitativen Forschungsmethoden ist. All das bedingt die geringe interpretative Tiefe der QIA. Das mag für so manche Fragestellung problematisch sein und zum Ausschlusskriterium werden – für andere wiederum nicht. Denn ob die QIA eine geeignete Analysemethode ist, entscheidet letztlich die Gegenstandsangemessenheit.

 

Literatur

Flick, Uwe (1995): Qualitative Sozialforschung.Eine Einführung. Reinbek beim Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.

Helfferich, Cornelia (2004): Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften.

Kuckartz, Udo (2012): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Weinheim: Beltz Juventa.

Mayring, Philipp (2010): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim: Beltz.

Pryziborski, Aglaja; Wohlrab-Saar, Monika (2014): Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. München: Oldenbourg Verlag.

Schreier, Margrit (2012): Qualitative Content Analysis in Practice. New York u.a.: SAGE.

Schreier, Margrit (2014): Varianten qualitativer Inhaltsanalyse: Ein Wegweiser im Dickicht der Begrifflichkeiten. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 15(1), Art. 18.

CHRISTINE PREISER ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmedizin, Sozialmedizin und Versorgungsforschung am Universitätsklinikum Tübingen und führt seit 2012 für die Koordinierungsstelle Versorgungsforschung klinikumsweit Methodenweiterbildungen und -beratungen durch. Kontakt: christine.preiser@med.uni-tuebingen.de
Zitation:

Preiser, Christine (2017). Qualitative Inhaltsanalyse. QUASUS. Qualitatives Methodenportal zur Qualitativen Sozial-, Unterrichts- und Schulforschung. URL (https://quasus.ph-freiburg.de/qualitative-inhaltsanalyse/)

Von Quasus empfohlene Literatur:

Hier kann man einen Volltext zur Qualitativen Inhaltsanalyse von Philipp Mayring vom Forum Qualitative Sozialforschung downloaden.

Hier kann man außerdem eine Hausarbeit zu einer „Auswertung eines Fragebogenpretests nach der Methode der strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse“ von Ulrich Leonhardt im pdf-Format downloaden.

 

Englischsprachige Literatur:

  • Schreier, M (2012): Qualitative Content Analysis in Practice. Los Angeles, London: Sage Publications

Zu den Texten von Jens Jenker:
  1. Kurzdefinition und wissenschaftliche Praxis
  2. Abgrenzung: qualitative und quantitative Inhaltsanalyse
  3. Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring
  4. Erläuterung der Analysetechniken
  5. Einschätzung der qualitativen Inhaltsanalyse