Qualitativ-rekonstruktive Projekte zeichnen sich dadurch aus, dass sie anhand kleiner Stichproben die Tiefenstruktur der ausgewählten Fälle herausarbeiten und teils generalisierbare Aussagen über den Gegenstand hinaus treffen möchten (vgl. auch Koller 2008: 619). Hierbei geht es insgesamt um die Frage danach, wie etwas beschaffen ist. Um diese Frage zu beantworten, ist eine Orientierung am Alltagsgeschehen gegeben.

Als zentrale Merkmale rekonstruktiver Verfahrensweisen in der empirischen Sozialforschung können folgende Aspekte gelten: Erstens die Verwendung offener, nicht-standardisierter Erhebungsverfahren, zweitens die Orientierung an einer rekonstruktiven Methodologie sowie drittens eine gegenstandsbezogene Theoriebildung. Nach der Erläuterung dieser Aspekte wird viertens kurz auf die Gegenstandsangemessenheit, ein zentrales Gütekriterium qualitativer Sozialforschung, eingegangen.

Die folgenden Kriterien sind vielseitig miteinander verwoben und es kommt daher zu gewissen Überschneidungen. Dabei wird eine rekonstruktive Perspektive eingenommen, die sich als Ausschnitt der qualitativen Sozialforschung versteht.

1. Offenheit und methodische Kontrolle

Während standardisierte Methoden in der empirischen Forschung eine methodische Kontrolle durch eine Vorstrukturierung des Kommunikationsverlaufs zwischen Forschenden und Befragten anstreben, erfolgt diese Kontrolle in der rekonstruktiven Forschung durch eine Untersuchung der jeweiligen Differenzen in Sprache und Interpretationsrahmen. Jede Kommunikation ist eine Interpretationsleistung. Wie Harold Garfinkel (1961) durch seine Krisenexperimente eindrucksvoll darlegen konnte, sind alltägliche Interaktionen von impliziten sozialen Normen strukturiert. Garfinkel beauftragte im Zuge dieser Experimente etwa seine Studierenden, ihre Eltern zu siezen und beabsichtigte damit, Alltagssituationen in eine Krise zu führen. Er konnte damit zeigen, wie im Alltag durch den Bruch von Normalitätsvorstellungen, die Regeln sozialen Handelns aufgeführt und mindestens Irritationen herbeiführt werden. Qualitative Verfahren erheben insgesamt den Anspruch methodisch kontrollierten Fremdverstehens. So geht es darum, den Proband_innen die größtmögliche Gelegenheit zur Entfaltung ihrer Sichtweise zu geben. Hierfür eignen sich insbesondere offene Erhebungsverfahren wie etwa narrative lnterviews. Das heißt, um „das Fremde“ in Kommunikation besser verstehen zu können, wird Personen möglichst viel Raum für die Darlegung ihrer Sicht auf die Welt bzw. ihrer Relevanzsysteme gegeben. Dies folgt der Logik, dass weniger Eingriff in der Befragungssituation mehr Kontrollmöglichkeiten schafft bzw. einen ‚kontrollierteren‘ Einblick in das Relevanzsystem der Proband_innen ermöglicht (vgl. auch Bohnsack 2014: 22). Dabei ist die Kontextsensitivität bzw. Kenntnis des Kontextes einer Äußerung hilfreich, um das Verständnis und die Nachvollziehbarkeit zu erhöhen.

2. Re-Konstruktionen sozialer Welt

Wie etwa Ervin Goffman (1977) ausführt, können „natürliche“ Rahmen, als ungerichtete Situationsinterpretationen, von „sozialen“ Rahmen, als auf Verständnis gerichtete Interpretationen, unterschieden werden. Natürliche Rahmen beziehen sich auf Ereignisse (etwa die Haarfarbe eines Jugendlichen), zu denen sich Personen deutend und kommunikativ in Beziehung setzen und damit Bedeutung herstellen. Diese Interpretationen werden soziale Rahmen genannt (etwa die Anziehung zwischen zwei Jugendlichen aufgrund einer spezifischen Haarfarbe; als fiktives Beispiel könnte eine Jugendliche posten: „Ich stehe nur auf Schwarzhaarige!“). Um diese Interpretationsakte – im Beispiel etwa die exklusive Bedeutung einer spezifischen Haarfarbe für Liebesbeziehungen – zu untersuchen, sind andere Methoden nötig als in den Naturwissenschaften. Methodologisch stützt sich die rekonstruktive Sozialforschung insbesondere auf die von Alfred Schütz (1971) vorgenommene Definition von wissenschaftlichen Kategorien als „Konstruktionen zweiten Grades“, die eine Re-Konstruktion jener „Konstruktionen ersten Grades“ vornehmen, die im Sozialfeld von Handelnden gebildet werden. Das Ziel ist somit die Re-Konstruktion der alltäglichen Konstruktionen zu beschreiben, die die soziale Welt formen und ihr Sinn geben. Daraus folgt, dass ein Fokus auf Alltagshandeln oder Sinngebungsprozesse der Akteure gesetzt wird, die anhand weniger Fälle in ihrer Komplexität erfasst werden sollen. Demnach sind auch die Auswertungen Re-Konstruktionen bzw. Interpretationen von Alltagsinterpretationen. Rekonstruktive Sozialforschung untersucht implizite Wissensbestände sowie Regeln sozialen Handelns: „Wir wissen mehr, als wir zu sagen vermögen“ (Polanyi 1985). Dieses geläufige Zitat von Polanyi verweist auf ein wesentliches Interesse qualitativer Forschung an nicht expliziten Wissensbeständen, dem ‚zwischen den Zeilen‘ Liegendem. Diese Rekonstruktion kann durch intensive Fallinterpretationen sowie Sequenzanalysen vorgenommen werden.

3. Zum Verhältnis von Theorie und Empirie

Die vorangehenden Zeilen verweisen bereits auf das Problem der Standortgebundenheit von Beobachtung und Theorie: Es gibt keine neutrale Beobachtungsposition zur Erfassung der sozialen Welt; auch Wissenschaftler*innen machen sich (eigene) Interpretationen der Welt und ihres Gegenstandes. Wie Mannheim (1931) bereits sehr früh festhält und Bourdieu (1997) prominent erneuert, sind Forschende nicht per se objektiver als die Beforschten. Dabei liegt – im Unterschied zu hypothesenprüfenden Verfahrensweisen – die Gewichtung rekonstruktiver Forschung nicht auf der Überprüfung, sondern auf der Generierung von Theorien. Grundlage ist hierbei die im Rahmen der „Grounded Theory“ (Glaser/Strauss 1967) formulierte Annahme, eine Theorie sei ihrem Gegenstand nur angemessen, wenn sie aus ihm heraus entwickelt wurde.

Theoretische Bezüge dienen dabei als „Linsen“ oder „Brillen“ mittels derer eine Sensibilisierung des Gegenstandes vorgenommen werden soll (vgl. insb. Strauss 1991). Wie Lindemann (2008) feststellt, kann aber ebenfalls die wechselseitige Irritation von Theorie und Empirie der Anspruch von qualitativer Forschung sein. So führt sie aus, dass neben der Generierung auch die Befremdung von Theorie sowie basalen sozialwissenschaftlichen Annahmen im Fokus stehen könne (vgl. auch Strübing et al. 2018: 92).

4. Gegenstandsangemessenheit

In einem aktuellen Beitrag benennen Strübing und andere (2018) „Gegenstandsangemessenheit“ als zentrales Gütekriterium. Damit – so führen sie aus – „bezeichnen wir im Sinne eines Basiskriteriums eine Weise der Herstellung des Forschungsgegenstandes, die das empirische Feld ernst nimmt, sich aber zugleich von ihm distanziert und es durch theoretisches Denken unter Spannung setzt“ (Strübing et al. 2018: 85f.). Mit dieser Position übereinstimmend führten wir im vorherigen Punkt aus, dass qualitative Forschung eine Theorie aus ihrer Empirie gewinnen muss. Dafür gilt es auch zu fragen, ob die Methoden angemessen sind, um neue und hinreichend tiefe Einsichten in einen jeweiligen Gegenstandsbereich zu ermöglichen. Auf das obige Beispiel bezogen bedeutet dies, dass eine Frage auf die gewonnenen Daten etwa lauten könnte: Können Einblicke in das Begehren und Interesse von Jugendlichen geleistet werden und wie verändern sich diese durch den Einfluss von neuen Medien?

Ebenso bedarf es auch einer Reflexivität auf den Gegenstand hin. Das heißt nun, dass die Forschenden die eigene Perspektivität systematisch in die Erkenntnisgewinnung einbeziehen sollten, um dem, im vorherigen Gliederungspunkt eingangs, genannten Aspekt der Perspektivität von Beobachtung und Theorie genüge zu leisten. In diesem Sinne geht es um die Frage: Wie wurden die erzeugten Daten durch den jeweiligen Zugang zum Feld hergestellt? Was kommt dadurch in den Blick und was eben auch nicht? Erneut auf das Beispiel bezogen: Welche Kommunikationen über Interesse und Begehren sind Teil meiner Forschung? Wie habe ich durch meine Forschung, etwa durch meine (digitale) Anwesenheit auf diese eingewirkt? Welche Kommunikationen kommen damit nicht in den Blick?

Qualitativ-rekonstruktive Forschung orientiert sich am Einzelfall und untersucht seine Verortung im sozialen Gefüge. Dabei arbeitet sie die Bedeutung alltäglicher Konstruktionen heraus, die als Re-Konstruktionen verstanden werden. Insgesamt geht es dabei um eine Gegenstandsangemessenheit der Methoden und Theoriebezüge, die gerade auch die Rolle und Perspektivität des Forschenden berücksichtigt bzw. in den Prozess der Erkenntnisgewinnung einbindet. Das Ziel rekonstruktiver Perspektiven liegt dabei in der Entdeckung von Neuem sowie der Theoriegenerierung über den jeweiligen Gegenstand.

Literatur

  • Bohnsack, R. (2014): Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. Opladen.
  • Bourdieu, P. (1997): Verstehen. In: Bourdieu et al.: Das Elend der Welt. Konstanz. S. 779-802
  • Garfinkel, H. (1973, Orig. 1961): Das Alltagswissen über soziale und innerhalb sozialer Strukturen. In. Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hrsg.): Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit. Reinbek
  • Glaser, B.; Strauss, A. (1998, Orig. 1967): Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung. Bern
  • Goffman, E. (1977): Rahmen-Analyse. Frankfurt a.M.
  • Koller, H.-C. (2008): Interpretative und partizipative Forschungsmethoden. In: Faulstich-Wieland, Hannelore; Faulstich, Peter (Hrsg.): Erziehungswissenschaft. Ein Grundkurs. Reinbek b. Hamburg, S. 606-621.
  • Lindemann, G., 2008: Theoriekonstruktion und empirische Forschung. S. 107–128 in: H. Kalthoff, S. Hirschauer & G. Lindemann (Hrsg.), Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
  • Mannheim, K. (1931). Ideologie und Utopie. Frankfurt a.M.
  • Polanyi, M. (1985): Implizites Wissen. Frankfurt a. M.
  • Schütz, A. (1971): Gesammelte Aufsätze, Bd. I, Das Problem der sozialen Wirklichkeit. Den Haag.
  • Strauss, A.L. (1991): Grundlagen qualitativer Sozialforschung. München.
  • Strübing, J.; Hirschauer, S.; Ayaß, R.; Krähnke, U.; Scheffer, T. (2018): Gütekriterien qualitativer Sozialforschung. Ein Diskussionsanstoß. In: Zeitschrift für Soziologie 2018; 47(2): 83–100.

Artikel verfasst von Bettina Fritzsche und Florian Weitkämper (2018)