Mayring (2001) ist einer derjenigen Vertreter der qualitativen Forschung, der sich aktiv um die Integration qualitativer und quantitativer Methoden bemüht. Seine Qualitative Inhaltsanalyse (Mayring, 2003) sieht sowohl qualitative Schritte zur induktiven Identifikation relevanter Kategorien und Theorieelemente als auch quantitative Analysemethoden (z.B. Häufigkeitsauszählungen, Kontingenztabellen) zur deduktiven Kategorien- und Theorieanwendung vor. Er postuliert mehrere Ebenen auf denen eine solche Integration erfolgen kann. Diese sind in Abbildung 3 dargestellt.

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Abbildung 3: Ebenen nach Mayring (2001) auf denen eine systematische Integration qualitativer und quantitativer Methoden erfolgen kann.

Auf technischer Ebene unterstützen Auswertungsprogramme wie Atlas.ti und MAXQDA tabellarische und visualisierte quantitative Angaben zu Kategorienhäufigkeiten und dem kombinierten Auftreten von Kategorien. Auf Datenebene werden aus dem empirischen Material heraus relevante Kategorien entwickelt, durch die versucht wird, zentrale ‚Auswertungsgesichtpunkte aus dem Material herauszukristallisieren’ (Mayring, 2001). Hierbei kommt das zirkuläre Forschungsmodell (vg. Abbildung 1) zur Anwendung: Nach Definition eines Selektionskriteriums für relevantes Datenmaterial, wird das Datenmaterial in einem zunehmend abstrahierenden Stufenprozess strukturiert und die Ergebnisse unter ständigem Rückbezug auf die Daten optimiert und validiert. Nachdem ein akzeptiertes Kategoriensystem entwickelt wurde, wird ein Kodierleitfaden für die Zuordnung von Textstellen zu den theoretischen Kategorien erstellt. Mittels quantitativer Methoden (z.B. Cohens kappa, Wirtz & Caspar, 2002) wird dann überprüft, ob die Kategorienzuordung beurteilerunabhängig und zuverlässig erfolgt. Wenn dies der Fall ist, kann davon ausgegangen werden, dass das Kategoriensystem reliabel gebraucht wird und die Kategorien adäquat in Bezug auf das Datenmaterial beschrieben sind. Nach Sicherstellung der Reliabilität können dann Häufigkeiten oder Prozentangaben für die einzelnen Kategorien berechnet und entsprechend geordnet werden sowie Kontingenzen des kombinierten Auftretens von Kategorien angegeben werden. Weiterhin können diese Strukturen zwischen verschiedenen Textquellen (z.B. Befragte) verglichen werden. Gelingt es, ranggeordnete, ordinale Kategorien zu erstellen (z.B. geringe, mittlere, hohe soziale Kompetenz), können weiterführende (z.B. vergleich der zentralen Tendenz einzelner Merkmale zwischen Interviews) Analysen durchgeführt werden. Wie bereits im vorangegangenen Text in Zusammenhang mit Abbildung 1 und 2 dargestellt, wird auch hier eine phasenspezifische Anwendung der unterschiedlichen Analyse­methoden vorgeschlagen, um die jeweiligen Vorteile gezielt nutzen zu können.

Auf Personenebene strebt die Qualitative Inhaltsanalyse auch die Identifikation von Typen an. Hierbei sollen häufig Prototypen identifiziert werden, die eine ähnliche Merkmalskonstellation (z.B. Erlebens- und Verhaltensweisen) aufweisen. Durch das theoretical sampling werden für solche Typen z.B. extreme und konträre Fälle untersucht, um kritische Merkmale zu identifizieren und die Relevanz eines postulierten Typs zu evaluieren. Da in der quantitativen Forschung ebenfalls Modelle zur Analyse von Variablen (Trait- oder Latent-Trait-Ansatz, Bortz & Döring, 2006) oder Typen (Cluster oder Latent-Class-Ansatz, Bortz & Döring, 2006) entwickelt wurden, ergibt sich hierdurch die perfekte Basis zur adäquaten Auswahl der folgenden quantitativen Analysestrategie. Diejenige Betrachtungsebene, die sich bei der qualitativen Analyse einzelner Fälle als adäquat herausgestellt hat, sollte auch der anschließenden quantitativen Modellierung zugrunde liegen. Die durch die qualitative Analyse identifizierten zentralen Merkmale zur Beschreibung von Personen und Textmaterial bilden darüber hinaus die Basis für die Entwicklung standardisierter Fragebögen und anderer Assessmentinstrumente (Bortz & Döring, 2006).

Abbildung 4 zeigt die von Mayring (2001) vorgeschlagenen vier Modelle der Methodenintegration auf Designebene. Das Vorstudienmodell und das Verallgemeinerungsmodell wurden implizit im Zusammenhang mit dem Modell in  Abbildung 1 bereits dargestellt. Im Vorstudienmodell liefern die qualitativen Methoden ein Modell oder eine Theorie, die dann durch hypothesenprüfende Ver­fahren geprüft wird. Das Verallgemeinerungsmodell versucht die mittels qualitativer Methoden identifizierten Strukturen für Einzelfälle auf ihre Generalisierbarkeit mittels quantitativer Methoden zu testen.

Das Vertiefungsmodell hingegen startet mit einer hypothesenprüfenden Untersuchung. Liegt dieser Untersuchung keine Theorie zugrunde oder resultieren theorieinkonsistente Befunde (vgl. Pfad über empirische Widerlegung der Hypothese, Abbildung 1), so muss/sollte die Theoriegrundlage mittels qualitativer Strategien hergestellt oder optimiert werden. Das Triangulationsmodell wird als eine der wichtigsten Methoden zur Validierung qualitativer Forschungsmethoden betrachtet (s. Unterpunkt ‚Qualitätskriterien’ in QUASUS). Durch die simultane Anwendung qualitativer und quantitativer Forschungsstrategien kann überprüft werden, ob qualitative Befunde durch quantitative Ergebnisse gestützt oder in Frage gestellt werden (vice versa). Mayring (2001) formuliert, dass der ‚Schnittpunkt der Einzelresultate … die Endergebnisse’ der Untersuchung darstellt. Es werden also nur methodenunabhängige Befunde akzeptiert. Problematisch ist bei diesem Ansatz, dass methodenspezifische Stärken der Einzelansätze hier nicht akzeptiert würden, wenn die jeweils andere Methode prinzipiell keine entsprechende Aussage liefern kann. Wie mit solchen nicht kongruenten Ergebnislagen umzugehen ist, ist leider in der Regel ungeklärt. Diese Triangulationsmethode kann zudem eingesetzt werden, wenn in einem Schritt theoriengenerierende und -prüfende Elemente realisiert werden sollen.

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Abbildung 4: Modelle der Methodenintegration auf Designebene (übernommen aus Mayring, 2001)

In Bezug auf das Forschungsmodell fordert Mayring (2001), dass der qualitative Forschungsprozess – genau wie es im quantitativen Forschungsprozess Standard ist – als Phasenprozess aufgefasst und dargestellt werden sollte. Abbildung 5 zeigt das Phasenmodell des quantitativen Forschungsprozesses. Kursiv eingetragen sind die Vorschläge von Mayring, wie die entsprechenden Forderungen für quantitative Forschung durch systematische qualitative Schritte unterstützt oder für die qualitative Forschung adaptiert werden können. Dieses Modell kann ein wichtiger Ausgangspunkt zur weiteren Klärung der Integrationsmöglichkeiten qualitativer und quantitativer Methoden darstellen. Konkrete Umsetzungsbeispiele und Good-Practice-Beispiele sind bisher jedoch selten und stellen für die Zukunft eine wichtige Aufgabe dar.

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Abbildung 5: Gemeinsames Ablaufschema qualitativer und quantitativer Forschung nach Mayring (2001)

Literatur:

  • Bortz, J. & Döring, N. (2006). Forschungsmethoden und Evaluation. Berlin: Springer-Verlag.
  • Mayring, P. (2001). Kombination und Integration qualitativer und quantitativer Analyse [31 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [Online Journal], 2(1). Verfügbar über: http://qualitativeresearch.net/fqs/fqs.htm [01.05.07].
  • Mayring, P. (2003). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim: Beltz.
  • Wirtz, M. & Caspar, F. (2002). Beurteilerübereinstimmung und Beurteilerreliabilität. Göttingen: Hogrefe.

Artikel verfasst von Markus Wirtz und Marco Petrucci (2007)