Das Ziel einer Bildanalyse, speziell auch der Fotoanalyse in der Erziehungswissenschaft ist das Verstehen kultureller Produkte in ihrer Eigenlogik. Anhand einer alltagskulturell-hermeneutischen Annäherung an das Bild sollen Weltsicht und Identitätskonstruktion sowie der Habitus des Autors/ Fotografen sowie der abgebildeten Personen erschlossen werden. Das Interesse gilt möglichen Rückschlüssen auf ihre sozialen Wirklichkeitskonstruktionen, auf ihre Wahrnehmung und Interessen. Form und Struktur des ästhetischen Ausdrucks werden dafür analysiert und die Bedeutung eines Fotos (re-)konstruiert.Entscheidend ist der Anspruch einer Trennung von Analyse und Interpretation und gegebenenfalls die Darstellung und Begründung mehrerer Lesarten und ihrer Plausibilität. Der in den ersten Analyseschritten zugunsten einer größtmöglichen Offenheit und Vorurteilsfreiheit auszuklammernde Kontext ist als wichtiger Bestandteil der Plausibilitätsprüfung anzubringen.Die endgültigen Aussagen sollten immer intersubjektiv validiert werden, das heißt Bildanalysen sollten (zumindest in einem zweiten Schritt) im Forscherteam stattfinden und miteinander abgeglichen werden. In manchen Fällen ist es sinnvoll, einen Experten hinzuzuziehen (Kunsthistoriker, Psychologen, Spezialisten für Bildbearbeitung…).Eine kommunikative Validierung der Ergebnisse in Form eines Gesprächs mit dem Bildautor kann ebenfalls dazu beitragen, die eigenen Interpretationen zu überprüfen.Als Voraussetzungen für die Forscher(-gruppe sind also mindestens folgende Wissensbestände und Kompetenzen erforderlich:

  • Vorurteilsfreiheit, Offenheit, Fähigkeit zur Selbstreflexion
  • zeitgeschichtliches Wissen (falls „historische“ Bilder untersucht werden)
  • (Jugend-)kulturbezogene Kenntnisse (Zeichen, Symbole…)
  • Kunstpädagogische Grundlagen bzw. Kenntnisse jugendspezifischer fotografischer Themen und Ausdrucksmittel
  • Fototechnische und gestalterische Grundkenntnisse: „fotoanalytisches Handwerkszeug“
  • u.U. kunstgeschichtliches Wissen, falls zu vermuten ist, dass das Vorwissen des Fotografen solche Aspekte mit berücksichtigen könnte. (Möglichkeit der Einbeziehung eines Experten)
(vgl. Niesyto, 2006, S. 271 ff.)

Die Entwicklung einer einheitlichen Methode zur Analyse visueller Quellen wurde und wird zwar versucht, dennoch gehen die theoretischen Grundlagen der Ansätze verschiedener Disziplinen weit auseinander und können sich wohl bestenfalls überschneiden oder ergänzen, aber wahrscheinlich nie Deckungsgleichheit erreichen. Deshalb ist immer eine Entscheidung zu treffen, auf welcher Erkenntnistheoretischen Basis die eigene Vorgehensweise zur Bildinterpretation aufbaut.

In dem Sammelband von Marotzki & Niesyto (2006) werden verschiedene (für den erziehungswissenschaftlichen Bereich der Analyse jugendlicher Eigenproduktionen relevante und praktizierte) Ansätze aufgezeigt und einander gegenübergestellt.

Literatur:

  • Niesyto, H. (2006). Bildverstehen als mehrdimensionaler Prozess. Vergleichende Auswertung von Bildinterpretationen und methodische Reflexion. In Marotzki, W. & Niesyto, H., Bildinterpretation und Bildverstehen. Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive (S. 253-286). Wiesbaden: SV Verlag

Weiterführende Literatur:

  • Y. Ehrenspeck, B. Schäffer (Hrsg.) (2003). Film- und Fotoanalyse in der Erziehungswissenschaft : ein Handbuch. Opladen: Leske + Budrich.
  • Pilarczyk U. & Mietzner, U. (2005). Das reflektierte Bild: die seriell-ikonografische Fotoanalyse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften. Bad Heilbrunn: Klinkhardt.

Artikel verfasst von Sandra Tell (2007)