Die Vorstellung, dass man empirisch forschen kann, ohne sich dabei vorab immer wieder mit Theorien auseinanderzusetzen, klingt auf den ersten Blick attraktiv. Denn Theorien haben bei Studierenden oft einen schlechten Ruf, sie gelten als abstrakt, schwer verständlich und praktisch wenig nützlich. Demgegenüber verspricht empirische Forschung, einen direkten eigenen Zugang dazu zu ermöglichen, was wirklich der Fall ist, zu den interessanten Tatsachen in der sozialen Welt. Die Idee, dass eine empirische Forschung ohne Theorie möglich wäre, ist aber grundsätzlich falsch und irreführend. Denn jede empirische Forschung setzt notwendig Theorien voraus und ist auch nur dann sinnvoll, wenn ihre Ergebnisse wieder in Theorien eingefügt werden können. Vernünftig streiten kann man nur darüber, wie genau das Verhältnis von Theorie und empirischer Forschung gestaltet werden kann.

Zunächst eine knappe Begründung dazu, warum je empirische Forschung Theorie voraussetzt (vgl. ausführlicher Bonß 1982; Kalthoff/Hirschauer/Lindemann 2008): Empirische Forschung beginnt mit einer Fragestellung und mit Annahmen dazu, was denn die Sachverhalte sind, die beforscht werden sollen. Sie geht von Annahmen darüber aus, was es alles so in der Welt gibt und was nicht. Eine empirische Forschung über die Essensgewohnheiten von Engeln und Teufeln wäre nur dann sinnvoll, wenn es theoretisch plausibel wäre davon auszugehen, dass diese nicht nur in religiösen Erzählungen, existieren, sondern als lebendige Wesen. Wenn wir über Phänomene wie zum Beispiel Armut, Gewalt und soziale Ungleichheit forschen, setzen wir zwingend bestimmte theoretische Konzepte voraus, mit denen diese Phänomene als existent behauptet und mit Vorstellungen dazu verbunden werden, woran diese Phänomene zu erkennen sind. Weiter sind theoretische Vorüberlegungen dazu erforderlich, wo – an welchen Orten oder in welchen sozialen Kontexten – das jeweilige Phänomen sinnvoll zu erforschen ist.

Wenn wir im Alltag die Wirklichkeit erkunden, entnehmen wir solche Vorannahmen unserem Alltagswissen, unseren Alltagsvorstellungen darüber, was es in der sozialen Welt so alles gibt und wie man einen Zugang dazu findet. Wissenschaft besteht nun aber ganz zentral darin, den Sichtweisen des Alltagswissens zu misstrauen, diese zu hinterfragen und sie durch wissenschaftlich begründete Annahmen zu ersetzen. Ein Beispiel dafür: Rassist*innen glauben, dass Menschen unterschiedlichen Rassen angehören, die ihren Charakter und ihre Fähigkeiten festlegen. Denkt man rassistisch, dann wäre es sinnvoll, empirische Forschung dazu zu betreiben, was sich zu den Merkmalen unterschiedlicher Rassen feststellen lässt. Und genau das ist in der pseudo-wissenschaftlichen Rassenforschung auch geschehen. Die wissenschaftliche Forschung hat nun inzwischen aber nachgewiesen, dass es keine Rassen gibt, dass das Denken in Rassenkategorien nicht nur moralisch abzulehnen ist, sondern nachweisbar von falschen Grundannahmen ausgeht. Deshalb ist eine Forschung über die Merkmale von Rassen auch keine wissenschaftliche Forschung, sondern einer Forschung, die von rassenideologischen Vorannahmen ausgeht, also Forschung im Rahmen einer Ideologie. Grundlegend für jede wissenschaftliche Forschung ist im Unterschied dazu die theoretische Klärung der Vorannahmen, mit denen wir darüber entscheiden, was sinnvoll zu erforschen ist. Theoretische Klärung heißt dabei, sich mit dem Stand des verfügbaren Wissens auseinanderzusetzen, das für die eigene Thematik relevant ist.

Ein Merkmal des Wissens, das als wissenschaftliche Theorien bezeichnet wird, besteht darin, dass es den Anspruch erhebt, mit dem verfügbaren Tatsachenwissen, also den Ergebnissen der bekannten empirischer Forschung, vereinbar zu sein. Auch deshalb wäre es falsch davon auszugehen, dass Theorie und Empirie zwei unterschiedliche Welten sind. Vielmehr gilt: Ohne Theorie keine Empirie, ohne Empirie keine wissenschaftliche Theorie. Denn „Theorien“, welche die empirischen Tatsachen ignorieren, z.B. religiöse Glaubenslehren oder politische Ideologien, sind keine wissenschaftlichen Theorien. Gute wissenschaftliche Theorien sind dagegen empirisch fundiert, sie fassen die Ergebnisse älterer und neuerer empirischer Forschung und zeigen die oft komplexen Zusammenhänge der empirischen Sachverhalte auf.

In den Wissenschaften sind Empirie und Theorie also zwei Seiten der gleichen Medaille. Der Forschungsprozess besteht gewöhnlich darin, mit der Aufarbeitung der thematisch relevanten Theorien zu beginnen und auf dieser Grundlage zu fragen, was und wie durch eigene empirische Forschung sinnvoll herausgefunden werden kann.

Diesbezüglich ist es sinnvoll, zwischen Methodologien und Methoden zu unterscheiden: Methodologien sind Aussagen dazu, welche Gegenstände wir sinnvoll erforschen können und was deren Eigenschaften sind. Wenn wir zum Beispiel über Vorurteile forschen, gehen wir davon aus, dass die Theorie der Vorurteilsforschung methodologische Aussagen dazu ermöglicht, welche Eigenschaften von Vorurteilen zu berücksichtigen sind, wenn wir empirische Methoden entwickeln wollen, die eine Forschung über Vorurteile ermöglichen. Methoden der Forschung konkretisieren die theoretisch begründeten Annahmen der Methodologien, machen also mehr oder weniger genaue Aussagen dazu, wie in der jeweiligen Forschung vorzugehen sei. Unterschiedliche Forschungsmethoden haben also unterschiedliche Methodologien zur Grundlage, die ihrerseits Ergebnis unterschiedlicher Theorien sind. Wer also verstehen will, warum zum Beispiel in der Biografieforschung andere Erhebungs- und Auswertungsmethoden verwendet werden als in der Erforschung sozialer Netzwerke, muss sich damit auseinandersetzen, was die Grundannahmen von Theorien der Biografieforschung oder der Netzwerkforschung sind, zu welchen Annahmen über die Eigenschaften des jeweils zu Erforschenden, also z.B. von Biografien und Netzwerken, dies führt und welche Forschungsinstrumente deshalb dazu geeignet sind, diese empirisch zu erforschen. Grundlegendes Prinzip ist dabei die Gegenstandsangemessenheit der Forschungsmethode. D.h.: Die Art der Datenerhebung und Datenauswertung muss für die jeweiligen Forschungsgegenstand (z.B. Vorurteile, Biografien, soziale Netzwerke) geeignet sein.

Forschungsstile in der qualitativen Forschung unterscheiden sich dahingehend, wie stark und in welcher Phase des Forschungsprozesses theoretische Vorannahmen in Anspruch genommen werden. Herbert Blumer (1954) hatte für die qualitative Forschung vorgeschlagen, Theorien nicht als sicheren Boden, sondern als sensibilisierte Konzepte zu verstehen, die im Forschungsprozess immer wieder überprüft und gegebenenfalls weiterentwickelt werden. Theoretisch sensibilisieren meint dabei vor allem die Fähigkeit zu stärken, genau hinzuschauen und mögliche Zusammenhänge zu entdecken. Der international sehr einflussreiche Forschungsstil der sog. „Grounded Theory“ schlägt vor, die Arbeit an Theorien und die empirische Forschung als Phasen im Forschungsprozess zu verstehen, die immer wieder neu aufeinander folgen (Strübing 2014). Die Forschung ist demnach ein Prozess, in dem nicht zuerst die Arbeit an der Theorie und dann die empirische Forschung erfolgt (oder umgekehrt), sondern in dem es immer wieder erneute Phasen der Theoriearbeit und der empirischen Forschung gibt. Man beginnt die Arbeit mit theoretischen Vorüberlegungen, führt erste empirische Erhebungen durch, wird durch diese bei der Interpretationsarbeit zu weiterer Theoriearbeit veranlasst, bei der dann weiterer empirischer Forschungsbedarf erkennbar wird, usw. Dies geht solange weiter, bis man zu einem befriedigenden Ergebnis gelangt ist. D.h.: zu einer stimmigen, empirisch gehaltvollen und theoretisch fundierten Interpretation der eigenen Forschungsergebnisse.

Eine Stärke der qualitativen Sozialforschung (im Unterschied zu quantifizieren) besteht darin, dass sie auf allzu starke theoretische Vorannahmen verzichten kann und deshalb in der Lage ist, bislang unbekannte Sachverhalte und Zusammenhänge zu entdecken. Dazu benötigt man gleichermaßen eine theoretisch informierte Sensibilität und die kompetente Beherrschung von Forschungsmethoden. Auch hier gilt: nur auf einem Bein kann man nicht gut stehen.

Nachbemerkung: In seiner Kritik der reinen Vernunft hatte Immanuel Kant bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts das Folgende formuliert:

„Ohne Sinnlichkeit [= empirische Forschung A.S.] würde uns kein Gegenstand gegeben und ohne Verstand [= Theorie, A.S.]  keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind. Daher ist es eben so nothwendig, seine Begriffe sinnlich zu machen (d. i. ihnen den Gegenstand in der Anschauung beizufügen), als seine Anschauungen sich verständlich zu machen (d. i. sie unter Begriffe zu bringen). Beide Vermögen oder Fähigkeiten können auch ihre Functionen nicht vertauschen. Der Verstand vermag nichts anzuschauen und die Sinne nichts zu denken. Nur daraus, daß sie sich vereinigen, kann Erkenntniß entspringen.“ (Kant 1781: 75)

Genau so ist es, und deshalb lassen sich theoretisches Denken und empirisches Forschen nicht sinnvoll voneinander trennen.

 Zitierte Literatur

Blumer, H. (1954). What is wrong with Social Theory? American Sociological Review, 19, 1, 3–10.

Bonß, W. (1982): Die Entdeckung des Tatsachenblicks. Frankfurt: Suhrkamp

Kalthoff, H./Hirschauer, S./Lindemann, G. (Hrsg.) (2008): Theoretische Empirie. Zur Relevanz qualitativer Forschung. Framkfurt: Suhrkamp

Kant, I. (1781): Kritik der reinen Vernunft [ https://korpora.zim.uni-duisburg-essen.de/kant/aa03/075.html]

Strübing, J. (2014): Grounded Theory. Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fundierung eine pragmatistischen Forschungsstils. 3., überarb. u. erw. Aufl.. Wiesbaden: Springer VS.

Weiterführende Literatur

Denzin, N. K. (2017): The Research Act. A Theoretical Introduction to Sociological Methods. Routledge

Strübing, J./Schnettler, B. (Hrsg.) (2004): Methodologie interpretativer Sozialforschung. Klassische Grundlagentexte. Konstanz: UTB

Artikel verfasst von Albert Scherr (2020)

Zitation:

Scherr, Albert (2020). Keine Empirie ohne Theorie: Warum empirische Forschung immer auch Arbeit mit und an Theorien ist. QUASUS. Qualitatives Methodenportal zur Qualitativen Sozial-, Unterrichts- und Schulforschung. URL (https://quasus.ph-freiburg.de/keine-empirie-ohne-theorie-warum-empirische-forschung-immer-auch-arbeit-mit-und-an-theorien-ist/)