1. Zur methodologischen Entwicklung des Gruppendiskussionsverfahrens

Das Gruppendiskussionsverfahren ist ein bewährtes Instrument qualitativer Forschung und stützt sich auf eine lange Tradition methodologischer Fundierung. In Abgrenzung zum Einzelinterview, das auf individuelle Erfahrungen zielt, findet man durch Gruppendiskussionen stärker Zugang zu kol-lektiven Einstellungen und Gruppenorientierungen, die bspw. milieu- oder generationenspezifisch zurückgebunden werden können. Klar zu unterscheiden ist das Gruppendiskussionsverfahren (GDV) von anderen Erhebungsmethoden wie Fokusgruppen, Gruppeninterviews oder Gruppengesprächen, die zwar ebenfalls mit Gruppen als Erhebungseinheiten arbeiten, jedoch regulierend in interaktive Dynamiken während der Erhebung eingreifen, bzw. Bezugnahmen der SprecherInnen aufeinander nicht in der Datenanalyse berücksichtigen.

Das Gruppendiskussionsverfahren, ab Ende der 40er Jahre im angelsächsischen Raum zunächst als Erhebungsinstrument und exploratives Verfahren im Rahmen der Umfrageforschung eingesetzt, wurde in vielfältiger Weise weiterentwickelt. Zunächst durch Werner Mangold in den 60er Jahren, mit seinem Konzept der „informellen Gruppenmeinungen“, die sich in „sozialen Großgruppen“ ausbildeten, eröffnete er die Möglichkeit eines Paradigmenwechsels: Wurden Gruppendiskussionen bis zu diesem Zeitpunkt in erster Linie unter dem Aspekt der besseren Ermittlung der Meinungen und Einstellungen Einzelner, „unter Gruppenkontrolle“ eingesetzt, so bereitete Mangold das Terrain für die Erforschung kollektiv verankerter Orientierungen, die er „Gruppenmeinungen“ nannte, zunächst ohne diesen Zugang grundlagentheoretisch zu begründen. Die methodisch-methodologische Diskussion wurde dann Ende der 70er Jahre vom Symbolischen Interaktionismus wiederaufgenommen. Mitte der 80er Jahre erfuhr die Gruppendiskussion vor allem in der Jugendforschung vermehrten Zuspruch, Ende der 80er Jahre wurde dann das Paradigma der Rekonstruktion kollektiver Orientierungen von Bohnsack et al. grundlagentheoretisch fundiert. Es dient gegenwärtig als wichtigster Bezugspunkt in der Begründung und Anwendung des Verfahrens.

2. Worauf zielt das Gruppendiskussionsverfahren?

Als wichtigste Prämisse des Ansatzes gilt die Abkehr von der vor allem durch den Symbolischen Interaktionismus, aber auch von der Ethnomethodologie geprägten Vorstellung, dass Meinungen, Einstellungen und Orientierungen sich überwiegend erst situativ innerhalb des Gruppendiskussionskontextes ausbilden. Aus dieser Perspektive werden dem Verfahren üb-licherweise Mängel in Hinsicht auf dessen Reliabilität vorgeworfen (Lamnek 1998). Erst die von Ralf Bohnsack entwickelte dokumentarischen Methode (1989, 2000), die sich maßgeblich auf die Mannheimsche Wissenssoziologie stützt, führte zu einer Integration der Prozess- und der Strukturperspektive:
Gruppendiskussionen werden nun als „repräsentante Prozessstrukturen“ begriffen. Damit ist ge-meint, dass die Kommunikations- u. Interaktionsprozesse die in Gruppendiskussionen stattfinden, auf kollektiv geteilte „existentielle Hintergründe“ (K. Mannheim) der Gruppen verweisen, d. h. auf gemeinsame biografische und kollektivbiografische Erfahrungen. Diese schlagen sich u.a. in milieu-, geschlechts- und generationsspezifischen Gemeinsamkeiten nieder und werden in einer Gruppendiskussion in Form „kollektiver Orientierungsmuster“ (Bohnsack 1997) artikuliert. Dabei handelt es sich bei „kollektiven Orientierungen“ jedoch nicht um einen inhaltlichen Konsens, also um Übereinstimmung darüber, „WAS“ man in der Gruppe aufgrund der eigenen Erfahrungen bspw. über die Vollerwerbstätigkeit von Müttern denkt, sondern um Übereinstimmungen darüber, „WIE“ über das Thema geredet werden kann und „WELCHE“ Kategorien des Denkens, die bspw. als Argumente vorgebracht werden, dabei überhaupt relevant sind. Bezogen auf das zuvor genannte Beispiel könnten das Mutterschaftskonzepte, Auffassungen zur Geschlechterrollen usw. sein.

Damit zielt das Gruppendiskussionsverfahren eben nicht auf die Erhebung von Einstellungen und Meinungen, die sich ggf. zeitnah wieder verändern können, sondern primär auf die relativ stabilen kollektiven Orientierungsmuster, also die Arten des Denkens und Verhandelns einer Thematik in einer natürlichen Gruppe.

3. Zur praktischen Umsetzung

Das Verfahren erfordert entsprechend der methodologischen Zielsetzung eine gewisse Passung zwischen der Auswahl der Untersuchungseinheiten (Sampling), der Moderation der Diskussionen (Erhebung) und dem Vorgehen in der Auswertung (Datenanalyse).

  1. Sampling: Realgruppen befragen
  2. Gruppendiskussionsstimuli
  3. Auswertung von Gruppendiskussionen

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Literatur:

  • Bohnsack, R. (1997): Gruppendiskussionsverfahren und Milieuforschung. In:
    Barbara Friebertshäuser u. Annedore Prengel (Hg.): Handbuch qualitativer
    Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Juventa Verlag GmbH,
    Weinheim u. München. S. 492-502.
  • Bohnsack, R. & Schäffer, B. (2001). Gruppendiskussionsverfahren. In: T. Hug (Hrsg.), Wie kommt Wissenschaft zu Wissen? Bd.2 Einführung in die Forschungsmethodik und Forschungspraxis (S. 324-341). Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren.

  • Schäffer, B. (2003). Gruppendiskussion. In: R. Bohnsack; W. Marotzki & M. Meuser (Hrsg.), Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Ein Wörterbuch. Opladen: Leske+Budrich.
  •  Lamnek S. (2005). Gruppendiskussion. Theorie und Praxis. Stuttgart: UTB.

Weiterführende Literatur:

Eine exemplarische Textinterpretation, die einen Einblick in Analysepraxis ermöglicht findet sich in:

  • Bohnsack, Ralf/Nohl, Arnd-Michael (2013):  Exemplarische Textinterpretation: Die Sequenzanalyse der dokumentarischen Methode. In: Diess. (Hrsg.), Die dokumentarische Methode und ihre Forschungspraxis. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Beispiele für Gruppendiskussionsstudien:

  • .Bohnsack, Ralf/ Przyborski, Aglaja/ Schäffer, Burkhard (2010): Das Gruppendiskussionsver-fahren in der Forschungspraxis. Opladen: Barbara Budrich.
  • Bohnsack, Ralf/Nohl, Arnd-Michael (2013):Die dokumentarische Methode und ihre For-schungspraxis. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Englischsprachige Literatur:

  • Hollander, Jocelyn A. (2004): The social contexts of focus groups. Journal of Contemporary Ethnography, 33, 602-637

Artikel verfasst von Debora Niermann (2013) mit Rückbezügen auf eine erste Version von
Regine Langenbacher-König und Jens Jenkner (2007)