Zum Entstehungskontext der Grounded Theory: Empirie als Ausgangspunkt für Theorie

Die Grounded Theory (GT) wurde in den 1960ern von Barney Glaser und Anselm Strauss in den USA entwickelt, um einer Theoriebildung, die maßgeblich auf empirischen Untersuchun-gen beruht, einen neuen Stellenwert zu geben. Dies war insofern revolutionär, als in soziolo-gischen Debatten in dieser Zeit Empirie vorrangig dafür eingesetzt wurde, bereits vorhandene umfassende Theorieentwürfe (wie von Parson) zu überprüfen und ggf. leicht zu modifizieren. Diesen Entstehungskontext für die Entwicklung einer “Grounded Theory”, also eines Programms und einer Methode zur Produktion einer gegenstandsbezogenen Theorie, beschreiben Glaser und Strauss 1967 in „The Discovery of Grounded Theory“ folgendermaßen:

»Im Ergebnis verwandelten viele unserer Lehrer die soziologischen Institute in bloße Ruhe-stätten der Theorien der „Großen Männer“. (…) Zur Zeit werden Studenten darin ausgebildet, die Theorien der „Großen Männer“ zu beherrschen und sie häppchenweise zu testen, kaum aber darin, die Theorie als Ganze in Hinblick auf ihre Stellung oder Generierung in Frage zu stellen. Im Ergebnis haben sich viele potentiell kreative Studenten darauf beschränkt, sich mit den kleinen Problemen zu befassen, die ihnen von den „großen Theorien“ hinterlassen worden sind« (Glaser/Strauss 1998, 19).

Grounded Theory wird zu einem Gegenprogramm dieser Entwicklungen und gehört heute zu den wichtigsten und am häufigsten genutzten Zugängen qualitativer Forschung. Grundlegend wurzelt ihr Zugang zum einen in den Denk- und Arbeitsweisen des Amerikanischen Pragma-tismus, der Forschung in den Dienst von Problemlösungsprozessen stellt, und zum anderen dem in der Tradition der Chicagoer Schule stehenden Symbolischen Interaktionismus mit seinen handlungstheoretischen Grundlagen (Denzin 2005, 137ff).

Grounded Theory ist als methodologisches Rahmenkonzept mit dem Ziel einer gegenstandsbegründeten Theoriebildung zu verstehen, wobei flexibel auf Forschungsstrategien gerade im Hinblick auf Vorschläge zur Datenerhebung und Datenauswertung zurückgegriffen werden kann. „Die“ Grounded Theory als eindeutiges Programm gibt es jedoch nicht, vielmehr wurde die GT in ihrer Anwendung von ForscherInnen im Verlauf ihrer Entwicklung unterschiedlich positioniert, interpretiert und umgesetzt. So besteht eine zentrale inhaltliche Differenz bspw. zwischen der sehr systematisch angelegten GT im Stil von Strauss/Corbin (1996) und dem eher positivistisch anmutenden GT-Ansatz von Barney Glaser. Strauss und Glaser hatten sich nach ihrer anfänglichen Zusammenarbeit über den Stellenwert und Nutzen der Einbindung von Vorwissen und Literatur überworfen. Glaser vertritt bis heute den Standpunkt, es sei an-zustreben, möglichst ohne breites Vorwissen zum Forschungsgegenstand in den Erkenntnis-prozess einzutreten (s. Glaser 2002). Von dieser ersten Generation von GT-EntwicklerInnen lässt sich die darauffolgende so genannte 2nd Generation von SchülerInnen von Strauss und Glaser differenzieren. Als zentrale Figuren sind dabei Adele Clarke (2005), die für eine post-moderne Ausrichtung des GT-Forschungsstils einritt, und Kathy Charmaz (2006) zu nennen, die mit „Constructing Grounded Theory“ deutlich konträre Positionen zu Glaser vertritt.

Welche Forschungsfragen kann ich mit GT bearbeiten?

Zu Beginn von GT-Studien stehen häufig Fragen, die aufgrund von Problemstellungen oder herausfordernden Situationen in der Praxis zu Forschungsfragen werden. So gehen Glaser und Strauss in ihrer Untersuchung „Awareness of Dying“ (1965) der Frage nach wie die Interakti-on zwischen Pflegenden und Sterbenden in klinischen Kontexten gestaltet wird. Als zentrales Ergebnis stellen sie bestimmte Bedingungen vor, die den Handelnden spezifische Interakti-onsmuster ermöglichen oder verschließen.

Zu Beginn des Forschungsprozesses steht dabei typischerweise eine offene und weite Frage-stellung, die zwar das Phänomen bestimmt, welches untersucht werden soll, aber keine weite-ren Festlegungen erfordert. Grounded Theory-Fragestellungen weisen darüber hinaus meist eine Handlungs- und Prozessorientierung auf, die es entsprechend dem Kodierparadigma ermöglicht, Verbindungen zwischen Ausgangsbedingungen, Ursachen und Handlungsstrate-gien bzw. Konsequenzen zu ziehen. Eine Fragestellung könnte also bspw. lauten: „Wie bewältigen Frauen eine Schwangerschaft, die durch eine chronische Erkrankung gefährdet ist?“ (Corbin/Strauss 1996, 23)

Welche Daten kann und soll ich sammeln?

Grundsätzlich gilt in der Grounded Theory das Prinzip des „all is data“, d.h. alle Formen von Daten, bereits vorhandene, wie auch noch zu generierende, sind relevant, solange sie dabei helfen, dem Phänomen stärker auf die Spur zu kommen. Auch wenn in GT-Prozessen über-wiegend qualitativ geforscht wird, ist das Programm nicht unbedingt darauf angelegt und ermöglicht auch den Einbezug quantitativer Vorgehensweisen. Daten können also Feldnotizen, Beobachtungsprotokolle, Interviews, Gruppendiskussionen, Diagramme, Leitbilder, Statistiken usw. sein.

Wie komme ich von Daten zu theoretischen Konzepten?

Charakteristisch für GT-Studien ist die enge Verzahnung von Datenerhebung und Datenana-lyse, die als „theoretical sampling“ bezeichnet wird, weil die Auswahl der nächsten Unter-suchungseinheit auf den Auswertungen der bisher erhobenen Daten basiert (Strübing 2008, 30f). Da zu Beginn der Forschung noch keine begründete Auswahl praktiziert werden kann, erfolgt die Festlegung der ersten Fälle auf der „Basis theoretischer und praktischer Vorkennt-nisse […], die hier als ‚sensibilisierende Konzepte‘ (Blumer 1954) zum Tragen kommen. Als solche haben sie lediglich die Funktion, tentativ Fragen und Untersuchungsperspektiven zu generieren (…)“ (Strübing 2008, 30f). Mit dem Voranschreiten der Forschung verändern sich die sensibilisierenden Konzepte (sensitizing concepts) und werden theoretisch dichter zu Ka-tegorien zusammengeführt.

Beispiel für ein theoretical sampling:
Untersuchungsgegenstand ist die Interaktion zwischen Pflegenden und sterbenden Patienten auf Intensivstationen. Sensitizing Concept ist das „Wissen um das eigene Sterben“ als theoriegeleitete Stichprobendimension (vgl. Glaser & Strauss 1965).

Wie werte ich im GT-Stil Daten aus?

Beim Vorgehen nach der Grounded Theory wird im ersten Schritt offen kodiert. Dabei wird kein vorgefertigtes Kategorienschema an die Texte herangetragen, sondern das Material wird ‘analytisch aufgebrochen’, es wird konzeptualisiert und es werden auf diese Weise Kodes aus dem Material entwickelt. Jede Textstelle wird als Indikator für ein zu Grunde liegendes Phä-nomen betrachtet. Im zweiten Schritt des axialen Kodierens werden bereits vorhandene Kodes differenziert, Beziehungen zwischen den Kodes hergestellt und diese zu Kategorien zusammengefasst. Dabei wird nicht linear, wie die Metapher des Schreitens es nahelegt vor-gegangen, sondern zirkulär. Im dritten Schritt des selektiven Kodierens wird eine Kernka-tegorie herausgearbeitet, die einen Abstraktionsgrad hat, der es erlaubt, dass alle bereits ge-fundenen Kategorien enthalten sind und so die zentralen Phänomene des Untersuchungsge-genstands und ihre Zusammenhänge erfasst werden können und eine gegenstandsbegründete Theorie formuliert werden kann. Aus Zeitgründen können gerade Qualifikationsarbeiten die-sem Anspruch oft nicht gerecht werden, so dass allenfalls von einer Theorieskizze gesprochen werden kann.
Zentral für das Vorgehen nach der Grounded Theory sind permanente Vergleichsprozesse. Textstellen, Ereignisse, Strategien, und Personen werden verglichen. Es werden Minimal- und Maximalkontrastierungen vorgenommen und auf diese Weise Ähnlichkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Das schlägt sich nieder in der Formulierung hypothetischer Beziehungen und einer weiteren Spezifizierung von Kategorien, aber auch im Memoschreiben, welches im Forschungsprozess der Grounded Theory eine große Rolle spielt. Immer neue Einfälle, die dort niedergeschrieben werden, entstehen aufgrund des Vergleichens und der Aktivie¬rung von Kontextwissen der Forscherin. Es findet eine theoretische Sensibilisierung statt, d.h. es wird zurückgegriffen auf bereits vorhandene für das Feld relevante theoretische Konzepte. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage, wann genügend verglichen und ausgewertet wurde. Wann ist es gerechtfertigt das Vergleichen abzubrechen? Glaser und Strauss sprechen vom Prinzip der Sättigung, die sowohl bei der Wahl der Interviewpartner, also des Samples ein¬tritt, aber auch im Auswertungs- bzw. Kodierungsprozess. Wenn keine neuen Erkenntnisse mehr gewonnen werden, ist anzunehmen, dass eine Sättigung erreicht ist (Flick 1995, 82).

(1) Vgl. zur Diskussion zur theoretischen Sensibilität und der Bedeutung von Hintergrundwissen: Strauss und Corbin (1996, S. 25-30 ) sowie Kelle (1998, S. 305-341).

(2) Konkrete Vorschläge zum Vorgehen im Forschungsalltag machen Böhm, Legewie und Muhr (1992).

Hier geht es zur „Auswertungsmethodik“ der Grounded Theory

Literatur:

      • Blumer, Herbert (1954): What is wrong with social theory? American Sociological Re-view 19(1): 3-10.
      • Charmaz, Kathy (2006): Constructing grounded theory. A practical guide through quali-tative analysis. London.
      • Clarke, Adele (2005): Situational analysis. Grounded Theory after the Postmodern Turn. London.
      • Denzin, Norman (2005): Symbolischer Interaktionismus. In: Uwe Flick/Ernst von Kardoff/Ines Steinke (Hg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
      • Flick, U. (1995). Qualitative Forschung. Theorie, Methoden, Anwendung in Psychologie und Sozialwissenschaften. Reinbek: Rowohlt.
      • Glaser, B. G., Strauss, A. L. (1967). A Discovery of Grounded Theory. Chicago: Aldine Publi-shing Company.
      • Glaser, Barney/ Strauss, Anselm (1965) Awareness of Dying Chicago: Aldine.
      • Kelle, U. (1998). Empirisch begründete Theoriebildung. Zur Logik und Methodologie interpretativer Sozialforschung (2.Aufl.).Weinheim: DVU.
      • Strauss, A. & Corbin, J. (1996). Grounded Theory. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz.
      • Strübing, Jörg (2008): Grounded Theory. Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fundierung des Verfahrens der empirisch begründeten Theoriebildung. Wiesbaden.

Weiterführende Literatur:

Für einen grundlegenden Überblick:

    • Mey, Günther/ Mruck, Katja (Hrsg.) (2011): Grounded Theory Reader. Positionen und Kontro-versen zur Grounded Theory. 2. überarbeitete Auflage. Wiesbaden.
    • Strübing, Jörg (2008): Grounded Theory. Zur sozialtheoretischen und epistemologischen Fun-dierung des Verfahrens der empirisch begründeten Theoriebildung. Wiesbaden.

Hilfreiche Hinweise und Anregungen für die Forschungspraxis:

    • Breuer, Franz (2011): Reflexive Grounded Theory. Eine Einführung für die Forschungspraxis. 2. überarbeitete Auflage. Wiesbaden.
    • Böhm, Andreas, Legewie, Heiner,& Muhr, Thomas  (1992). Kursus Textinterpretation: Grounded Theory. Textinterpretation und Theoriebildung in den Sozialwissenschaften. Lehr- und Arbeitsmaterialien zur Grounded Theory. Bericht aus dem interdisziplinären Forschungsprojekt  ATLAS. Forschungsbericht Nr. 92-3.

Beispiel für eine GT-Studie:

    • Dieris, Barbara (2006). „Och Mutter, was ist aus dir geworden?!“ Eine Grounded-Theory-Studie über die Neupositionierung in der Beziehung zwischen alternden Eltern und ihren erwachsenen, sich kümmernden Kindern [52 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 7(3), Art. 25, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0603253.

Literatur zur 2nd Generation:

    • Morse, Janice et al. (2009): Developing Grounded Theory: The Second Generation. Walnut Creek.
    • Clarke, Adele (2005): Situational analysis. Grounded Theory after the Postmodern Turn. London.
    • Charmaz, Kathy (2006): Constructing grounded theory. A practical guide through qualitative analysis. London.

Englischsprachige Literatur:
  • Strauss, Anselm; Corbin, Juliet (1998) Basics of Qualitative Research Techniques and Procedures for Developing Grounded Theory (2nd Edition). Sage Publications: London.
  • Charmaz, Kathy (2014): Constructing Grounded Theory. A Practical Guide through Qualitative Analysis (2nd Edition. Sage Publiations: London.
  • Clarke, Adele (2005): Situational Analysis. Grounded Theory after the Postmodern Turn. London.
  • Bryant, Antony/ Charmaz, Kathy (2007). The Sage Handbook of Grounded Theory. Sage Publications.

Link:

Petra Muckel, Annika Maschwitz, Sebastian Vogt in Zusammenarbeit mit dem Projekt Offene Hochschule: Grounded Theory (Audio-Podcast) https://groundedtheoryoldenburg.wordpress.com/

Franz Breuer/ Petra Muckel/ Barbara Dieris: Website zur Reflexiven Grounded Theory
https://reflexivegroundedtheory.wordpress.com

Artikel verfasst von Debora Niermann (2013) mit Rückbezügen auf eine Fassung von Hildegard Wenzler-Cremer (2007)