1. Forschen heißt entscheiden

Forschungsprozesse sind das Ergebnis unterschiedlichster Entscheidungen, die es in der Planung von Projekten, insbesondere aber während ihrer Durchführung, immer wieder neu zu fällen gilt:

Wie lautet meine Forschungsfrage?
Anhand welcher Personen, Gruppen, Institutionen, Orte, Situationen lässt sich die Frage untersuchen?
Mit welchen Erhebungsinstrumenten lässt sie sich beantworten? (Interviews, Gruppendiskussionsverfahren, teilnehmende Beobachtung etc.)
Wie entwickle ich meine Instrumente in der Datenerhebung? (Interviewleitfäden, Gruppendiskussionsstimuli, Beobachtungsfokussierungen)
Welche Art der Datendokumentation wende ich an? (Transkriptionssysteme/ Überarbeitung von Beobachtungsprotokollen)
Wie werte ich meine Daten aus? (rekonstruktiv/inhaltsanalytisch)
Wie stelle ich Ergebnisse dar? (fallrekonstruktiv/ kontrastierend/ thematisch/ narrativ)
Welche Verbindungslinien kann ich wie zwischen Empirie und Theorie ziehen?

Nicht selten verweist die Bereitschaft, eine anfänglich getroffene Entscheidung im Verlauf der Datenerhebung noch einmal zu revidieren – bspw. indem Leitfadenfragen umformuliert oder andere Methoden eingesetzt werden – auf eine spezifische Qualität. Die Entscheidungsprozesse gestalten sich damit in der qualitativen Sozialforschung eher zirkulär als linear. Vermieden werden soll damit vor allem eine Haltung, in der, was nicht passt, passend gemacht wird.

2. Drei Strategien für gegenstandsangemessene Entscheidungen

Gute Forschungsentscheidungen werden an dem zentralen Gütekriterium der „Gegenstandsangemessenheit“ festgemacht. Für Forschende bedeutet das eine fortwährende Auseinandersetzung mit durchaus selbstkritischen Fragen: Werde ich meinem Untersuchungsgegenstand gerecht? Sind meine gewählten Erhebungsinstrumente dem Forschungsfeld angemessen? Zwinge ich dem Feld mit der eingesetzten Methodik etwas auf, das gar nicht seiner ‚natürlichen’ Erscheinungsform entspricht? Ist meine Rolle als Forschende(r) für alle Anwesenden ausreichend sinnhaft und passt sich in die üblichen Abläufe ein? Erlaubt mir der angewandte Auswertungszugang die notwendige Offenheit, um die Deutungen meiner Befragten zu verstehen?

2.1 Früh ins ‚Feld’

Das Ziel, gegenstandsangemessen vorzugehen, erscheint vielen Forschenden wie die Quadratur des Kreises. Schließlich muss das so dringend benötigte Wissen über das Feld erst gesammelt werden, um daraus gut begründete, gegenstandsadäquate Entscheidungen abzuleiten. Umso bedeutsamer ist es, noch vor der Festlegung und Realisierung des Untersuchungsdesigns sich durch Literatur, Vorgespräche, erste Beobachtungen in explorativen Settings einen Eindruck vom Forschungsfeld zu verschaffen (Przyborski/Wohlrab-Sahr 2014, 39-40). Für eine geplante Studie, in der das Professionsverständnis von Mitarbeiter_innen der offenen Kinder- und Jugendhilfe untersucht werden soll, kann es entsprechend hilfreich sein, sich als Forschende in einem der Jugendzentren zunächst eine Vorstellung von den dort alltäglichen Begegnungen und Aktivitäten zu machen. Leitend ist dabei immer die von dem Ethnologen Clifford Geertz einmal prägnant formulierte Frage: „What the hell is going on?“ (Geertz). Sich also mit einem befremdeten Blick zu fragen: „Was zum Teufel ist hier eigentlich los“? Verschaffen Sie sich früh einen Eindruck von Ihrem Forschungsfeld und lassen Sie sich hierfür von den Methoden der teilnehmenden Beobachtung inspirieren.

2.2 Kreativ sein

Abhängig davon, ‚was eigentlich los ist’, fordern die zu beforschenden Institutionen, Orte, Gruppen und Individuen uns Forschende zu durchaus kreativen Wegen des Methodeneinsatzes heraus. Hier gilt es ein letztlich recht komplexes Passungsverhältnis herzustellen zwischen der beforschten Gruppe, dem Erkenntnisinteresse, den eingesetzten Methoden und der möglichen Rolle des/der Forschenden im gesamten Prozess. Die qualitative Sozialforschung bietet einerseits ein Spektrum an methodologisch bewährten Erhebungsinstrumenten, auf das zurückgegriffen werden kann; gleichzeitig gilt es, sich methodenreflexiv damit auseinanderzusetzen, dass es sich hier nicht um ‚neutrale’ Instrumente handelt, sondern jeder dieser Zugänge eine bestimmte Art von Ergebnis produziert und damit einen spezifischen Blick auf den Untersuchungsgegenstand formt. Auch deshalb ist Triangulation, also die Verbindung verschiedener methodischer Zugänge, in größer angelegten Forschungsprojekten sinnvoll, um Multiperspektivität herzustellen.

Gerade weil es für die Entwicklung von Forschungsdesigns keine ‚Blaupause’ geben kann, werden im Folgenden eine Reihe von Beispielen zur Inspiration vorgestellt:

Um die Strukturen eines schwarzen Ghettos zu verstehen, verschreibt sich Loïc Wacquant einer radikalen Form der teilnehmenden Beobachtung und schlägt sich jahrelang in einem Box-Club in der Chicagoer South Side die Fingerknöchel wund (vgl. Wacquant 2006/ 2009).

Nena Helfferich et al. verwenden in der Befragung obdachloser Frauen im Freiburger Raum so genannte ‚Narrative Landkarten’, lassen die Interviewten also beim Erzählen aufzeichnen, wann sie sich wo in der Stadt aufhalten, um deren sozialräumliche Nutzung nachvollziehen und visuell abbilden zu können (vgl. Helfferich et al. 2000).

Für seine Forschung zur Gesundheitsversorgung von Personen mit gendernonkonformen Auftreten in medizinischen Kontexten befragt Todd Sekuler Ärzt*innen und Trans*Aktivist*innen. Vor jedem Interviewtermin hält er seine durchaus bewusst variierende Selbstpräsentation in Form eines Selfies fest, um später seinen eigenen Umgang mit konformem Auftrittsverhalten und geschlechtsidentitären Kleidungsnormen forschungsethisch zu reflektieren (vgl. Sekuler 2014).

Stephanie Bethmann arbeitet in ihrer soziologischen Analyse zur Liebe nicht wie sonst in diesem Feld üblich mit Paar- oder Einzelinterviews, sondern setzt bewusst auf die Methodik des Gruppendiskussionsverfahrens, um der sozialen Kontextgebundenheit der vermeintlichen Dyadenstruktur von Liebesbeziehungen auf die Spur zu kommen (Bethmann 2013).

2.3 Irritationen ernst nehmen

Gelingt der Feldzugang kaum, erzählen die Befragten in Interviews nur stockend oder hat man in der teilnehmenden Beobachtung wiederholt den Eindruck, die eigentlich ‚wichtige’ Szene gerade verpasst zu haben, führt das für Forschende häufig zu Frustrationserfahrungen. Nicht selten wächst bei Qualifikationsarbeiten der Zeitdruck und damit auch die Notwendigkeit, ein brauchbares Ergebnis zu produzieren. Dabei liefern gerade vermeintliche Störungen und Irritationen oft zentrale Hinweise. Prozesse des Missverstehens zwischen Forscher_in und Feld verdeutlichen häufig implizite Erwartungen seitens der Forschenden, die ansonsten unreflektiert bleiben. Jan Kruse demonstriert dies anschaulich an einer schwierigen Interviewsituation, bei der die Interviewerin den Einstiegsimpuls „Erzählen Sie mir doch, wie Sie ihren jetzigen Partner kennengelernt haben“ setzt, woraufhin die Befragte sich mühsam an einer Erklärung zum Zustandekommen ihrer arrangierten Verwandtenehe abarbeitet, anstatt ihre Geschichte frei und ohne Orientierung an der Norm der seriellen Paar-Monogamie entwickeln zu können (vgl. Kruse 2009). Die reflexive Analyse dieser Einstiegssequenz liefert der Forscherin einen wichtigen Anhaltspunkt auf ihre eigenen in der Eingangsfrage enthaltenen Normalitätsannahmen. Sie kann ihren Leitfaden daraufhin umformulieren und gegenstandsangemessener, d.h. in diesem Fall offener fragen.

Grundsätzlich gilt es Irritationen und Erwartungsenttäuschungen ernst zu nehmen, eben nicht als unerwünschte Störungen auszublenden, sondern zu nutzen. Werden wir im Forschen nicht überrascht, irritiert oder befremdet, sollte uns das sogar skeptisch stimmen. Bestätigt Forschung ohnehin nur, was wir bereits zu glauben wissen, sind wir vermutlich mit unserem Forschungsfeld übervertraut und müssen stärker Strategien der Distanzierung einsetzen.

Literatur:

  • Bethmann, Stephanie 2013: Liebe. Eine soziologische Kritik der Zweisamkeit. Juventa.
  • Kruse, Jan (2009): Qualitative Sozialforschung – interkulturell gelesen: Die Reflexion der Selbstauslegung im Akt des Fremdverstehens [30 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 10(1), Art.16, http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114- fqs0901162.
  • Przyborski, Aglaja/ Wohlrab-Saar, Monika (2014): Qualitative Sozialforschung. Ein Arbeitsbuch. München: Oldenbourg Verlag.
  • Sekuler, Todd (2014): Täuschung und Ent-Täuschung: zu Fragen der Selbstpräsentation in der ethnografischen Forschung. In: Hella von Unger/ Petra Narimani/ Rosaline M´Bayo: Forschungsethik in der qualitativen Forschung. Reflexivität, Perspektiven, Positionen. Springer VS.
  • Wacquant, Loïc (2006): Body & soul: Notebooks of an apprentice boxer. Oxford: Oxford University Press.
  • Wacquant, Loïc (2009): Chicago fade: Putting the researcher’s body back into play. City, 13(4), 510-516.

 

Artikel verfasst von Debora Niermann (2017)

Zitation:

Niermann, Debora (2017). Forschungsdesign entwickeln. QUASUS. Qualitatives Methodenportal zur Qualitativen Sozial-, Unterrichts- und Schulforschung. URL (https://quasus.ph-freiburg.de/forschungsdesign-entwickeln/)