Forschen mit Kindern ist wichtig! Wer sich für bildungswissenschaftliche und didaktische Fragen interessiert, entwickelt häufig irgendwann den Wunsch, nicht nur über Kinder, sondern auch mit Kindern zu forschen. Damit das gelingen kann, stellt die soziologische Kindheitsforschung seit einigen Jahren einen spezifischen Methodenkanon bereit, der die Sichtweisen und Handlungen von Kindern zu erfassen versucht. Zur Auswahl stehen verschiedene Befragungsformen, Beobachtungsverfahren und visuelle Methoden (vgl. Heinzel 2012; Evans et al. 2017).

Dieser empirische Zugang auf Kinder ist alles andere als selbstverständlich und entwickelte sich erst in der Folge einer Erweiterung des wissenschaftlichen Verständnisses von Kindheit. Noch bis vor wenigen Jahrzehnten war die Erforschung von Kindheit Pädagog*innen und Psycholog*innen vorbehalten. Dies änderte sich mit der Anerkennung von Kindheit als eine eigenständige Lebensform – und nicht mehr nur als Übergangsphase. Es waren insbesondere konstruktivistisch-argumentierende, akteurszentrierte Untersuchungen ab den 1980er Jahren, mit deren Hilfe Kinder ihren wissenschaftlichen Status als „unfertige Erwachsene“ ablegten und zu kompetent handelnden Akteuren und Expert*innen ihres eigenen Lebens aufstiegen – über das auch sie selbst am besten Auskunft geben können. Als eine zentrale Inspirationsquelle für jüngerer Ansätze der Kindheitsforschung dient die Lebensraumstudie von Martha Muchow, mit der bereits in den 1920er Jahren ein innovatives methodisches Vorgehen zur Analyse der Eigengesetzlichkeit kindlicher Lebenspraxis im städtischen Raum erprobt wurde (Muchow und Muchow 2012 [1935]). Wesentliche Forderungen für eine Veränderung der Beziehung zwischen Forschenden und Beforschten kommen darüber hinaus von feministischen Ansätzen und aus den postcolonial studies (z. B. Diaz Soto und Swadener 2005; Alanen 2002). Sie zeigen auf, dass Kinder in unserer Gesellschaft weder über die gleiche Machtposition wie Erwachsene verfügen, noch die Möglichkeit haben, ihr Wissen als objektiv und wahr erscheinen zu lassen. Ein wichtiges Anliegen qualitativer Forschung mit Kindern ist darum auch immer, Kindern ein Recht auf Selbstartikulation einzuräumen.

Forschen mit Kindern ist anspruchsvoll! Kindheit wird in unserer Gesellschaft sehr ambivalent verhandelt. Die Wahrnehmung von und der Umgang mit Kindern bewegt sich im Spektrum von Spektakularisierung, über Marginalisierung bis hin zu ihrer Kriminalisierung. Wir haben alle mehr oder weniger reflektierte Bilder vom Kind im Kopf – und waren zudem ja mal selber eines. Hinzu kommt, dass sich Kinder anders ausdrücken als Erwachsene. Das alles nimmt Einfluss auf den Forschungsprozess, auf die Art, wie wir Kindern gegenübertreten, welche Methoden wir einsetzen und welchen Wert wir ihren Mitteilungen zugestehen (vgl. Punch 2002). Forschen mit Kindern erfordert zurecht, das Forschungsdesign, die Forschungsumgebung und die Instrumentarien an die Perspektive und die Artikulationsformen von Kindern anzupassen. Die Diskussion, ob dadurch das Dilemma einer stellvertretenden Übersetzungsarbeit überwunden werden kann, muss Bestandteil jeder qualitativen Forschung mit Kindern sein (vgl. Honig et al. 1999; Christensen und James 2017).

Forschen mit Kindern ist etwas anderes als Unterrichten von Kindern! Für angehende Lehrer*innen ist die qualitative Forschung mit Kindern mit besonderen Herausforderung verbunden. Letztlich gilt – zumindest für den Zeitraum des Forschungsprozesses – all das zu negieren, was im Studium mühsam antrainiert wurde. Denn qualitative Forscher*innen wollen nicht vermitteln, sondern erfahren; nicht sie sind die Expert*innen, sondern die Kinder. Wer ehrlich mit Kindern forschen möchte, muss eine uneingeschränkt neugierige, geradezu naiv-unwissende Haltung gegenüber Kindern einnehmen. Angehende Lehrer*innen sind daher ständig gefordert, die eigene Positionalität sorgfältig zu reflektieren und Kinder im Forschungsprozess nicht als Schüler*innen zu adressieren, sondern als gleichwertige Partner*innen. Das klingt einfacher als es ist: Wer innerhalb der Institution Schule forscht, bewegt sich zwangsläufig in einem von Machtgefällen geprägten Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern, Lehrer*innen und Schüler*innen. Und selbst durch die beste Vorbereitung ist man nicht davor gefeit, dass Kinder eine Forschungssituation als Unterrichten interpretieren und in der Weise kommunizieren, auf die sie in Unterrichtskontexten konditioniert wurden (vgl. auch Heinzel 2012, S. 26ff.).

Forschen mit Kindern bereichert – Forschende und Beforschte! Allen Unwägbarkeiten zum Trotz: Wer zukünftig mit Kindern arbeiten will, sollte die vielfältigen Möglichkeiten qualitativer Forschung bereits im Studium nutzen, um die Perspektive des Kindes vom Kinde aus zu erschließen. Wer bereits frühzeitig eine forscherische Haltung gegenüber Kindern einnimmt, ist auch in seinem zukünftigen erzieherischen und schulischen Berufsfeld besser in der Lage, vermeintliche Sachzwänge zu hinterfragen und seinem Gegenüber auf Augenhöhe und mit Neugier zu begegnen. Und umgekehrt bieten qualitative Methoden für Kinder das Potenzial, emanzipatorische Bildungsprozesse zu initiieren, indem sie Zusammenhänge ihres Lebensumfelds aufzeigen und dazu kritisch Stellung beziehen. Die nachfolgend aufgeführten Werke bieten einen guten Ausgangspunkt, sich den konzeptionellen und methodischen Herausforderungen des Forschens mit Kindern zu stellen.

 

 

Literatur und Leseempfehlungen:

  • Alanen, Leena (2002): Women‘s Studies – Childhood Studies. Anknüpfungspunkte, Parallelen und Perspektiven. In: Olympe. Feministische Arbeitshefte zur Politik 16, S. 46-56.
  • Christensen, Pia Monrad und Allison James, (Hrsg., 2017³): Research with children. Perspectives and practices. New York: Routledge.
  • Diaz Soto, Lourdes und Beth Blue Swadener (Hrsg., 2005): Power & voice in research with children. New York: Lang.
  • Evans, Ruth, Louise Holt und Skelton (Hrsg., 2017): Methodological Approaches (= Geographies of Children and Young People, Vol. 2). Singapur: Springer.
  • Heinzel, Friederike (Hrsg., 2012²): Methoden der Kindheitsforschung. Ein Überblick über Forschungszugänge zur kindlichen Perspektive. Weinheim/Basel: Beltz/Juventa.
  • Honig, Michael-Sebastian, Andreas Lange, und Hans Rudolf Leu, (Hrsg., 1999): Aus der Perspektive von Kindern? Zur Methodologie der Kindheitsforschung. Weinheim: Juventa.
  • Muchow, Martha und Hans Heinrich Muchow (2012 [1935]): Der Lebensraum des Großstadtkindes. Weinheim/Basel: Beltz/Juventa.
  • Punch, Samantha (2002): Research with Children: The Same or Different from Research with Adults? In: Childhood 9 (3), S. 321–341.

 

Artikel verfasst von Verena Schreiber (2017)

Zitation:

Schreiber, Verena (2017). Forschen mit Kindern. QUASUS. Qualitatives Methodenportal zur Qualitativen Sozial-, Unterrichts- und Schulforschung. URL (https://quasussite.wordpress.com/forschen-mit-kindern/)