1. Einsatz von Experteninterviews

Das Experteninterview ist ein häufig eingesetztes Verfahren in der empirischen Sozialforschung, kommt insbesondere zur Anwendung in der Policy- und Implementationsforschung, in der Industriesoziologie, in der Eliten- und Verwendungsforschung und in vielen Bereichen angewandter Sozialforschung.
Die Bestimmung des Expertenbegriffs knüpft an die wissenssoziologische Unterscheidung von Experten und Laien und die entsprechende Unterscheidung von Allgemeinwissen und spezialisiertem Sonderwissen an (vgl. Schütz 1972b, Sprondel 1997). Expertenwissen ist in einer arbeitsteiligen Gesellschaft ein „als notwendig erachtetes Sonderwissen“ und lässt sich als „sozial institutionalisierte Expertise“ begreifen. Als Experte wird interviewt, wer sich durch eine „institutionalisierte Kompetenz zur Konstruktion von Wirklichkeit“ (Hitzler/Honer/Maeder 1994) auszeichnet. Historisch ist die Entwicklung des Expertentums eng an die Ausdifferenzierung von Berufsrollen geknüpft. In spätmodernen Gesellschaften wird Expertenwissen in zunehmendem Maße auch in außerberuflichen Kontexten generiert.

Im Experteninterview tritt die Person des Experten in ihrer biografischen Motiviertheit in den Hintergrund, stattdessen interessiert der in einen Funktionskontext eingebundene Akteur. Das Experteninterview zielt auf den Wissensvorsprung, der aus der privilegierten Position des Experten in einem Funktionskontext resultiert. Da sich die Experten der Relevanzen ihres Handelns keineswegs durchweg bewusst sind, kann Expertenwissen nicht einfach abgefragt werden; es muss aus den Äußerungen der Experten rekonstruiert werden.

Als angemessenes Erhebungsinstrument wird vielfach ein leitfadengestütztes offenes Interview angewandt. Der Leitfaden wird flexibel und nicht im Sinne eines standardisierten Ablaufschemas gehandhabt, um unerwartete Themendimensionierungen durch den Experten nicht zu unterbinden. Somit wird den Experten die Möglichkeit gegeben, zu berichten, wie Entscheidungen getroffen werden, anhand von Beispielen zu erläutern wie sie in bestimmten Situationen vorgehen, zu extemporieren etc. Die Auswertung hat zum Ziel, im Vergleich der Interviews überindividuell-gemeinsame Wissensbestände herauszuarbeiten, die gleichsam das allgemeine Wissensniveau der Interviewten definieren. Die Äußerungen der Experten werden von Anfang an im Kontext der institutionell-organisatorischen Handlungsbedingungen betrachtet, sie erhalten von hierher ihre Bedeutung und nicht von daher, an welcher Stelle des Interviews sie fallen. Dieser Kontext soll die Vergleichbarkeit der Interviews sichern. Die institutionell-organisatorischen Handlungsbedingungen sind dabei als Komponenten zu verstehen, welche Verhalten, Denkmuster und Gestus der Interviewten selbst und damit auch deren Äußerungsmodus im Interview beeinflussen. Gleichzeitig beziehen sich die institutionell-organisatorischen Handlungsbedingungen nicht nur auf den einzelnen Sprecher: Entstammen Gesprächsteilnehmer den gleichen institutionell-organisatorischen Handlungsbedingungen, wird das Gespräch ein andere inhaltliche Qualität gewinnen als ein Gespräch zwischen Sprechern aus stark unterschiedlichen institutionell-organisatorischen Handlungsbedingungen.

2. Leitfadenentwicklung bei Experteninterviews

ExpertInnenterviews sind im Vergleich zu narrativen Interviews in der Regel deutlich strukturierter, d.h. es werden mehrere Fragen gestellt und auch spontane, geschlossene Nachfragen sind durchaus möglich. Während das narrative Interview zu weiten Teilen von der Zurückhaltung des/der Interviewenden und dem monologischen Redebeitrag des/der Befragten lebt, prägt das Experteninterview in der Regel eine in den Redeanteilen ausgeglichenere Dynamik. Vorab reflektiert werden sollte dabei von dem/der InterviewerIn, in welcher Rolle er/sie sich in der Erhebungssituation positionieren möchte: als Ko-ExpertIn, interessierte Laiin/Laie, unerfahrene(r) StudentIn oder als TheoretikerIn, die sich für Perspektiven der PraktikerInnen interessiert.

Wenn zu einer Fragestellung ausreichend Literatur zur Verfügung steht, empfiehlt es sich grundsätzlich, diese Ressourcen erst einmal nutzen und darauf aufbauend interessante Fragen für die ExpertInnen zu formulieren. So vermeiden Sie es auch, eine bereits vorhandene Forschung lediglich noch einmal zu reproduzieren. Bei sehr explorativen Fragestellungen ist dieses Vorgehen nicht möglich. So lautete der Titel der Bachelorarbeit einer Studierenden: „Täterinnen als Tabu? Eine qualitative Studie zu geschlechtsspezifischen Strategien und Formen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen durch Frauen.“ Die Studentin interessierte sich für eine bislang kaum untersuchte Fragestellung und entschied sich daher dafür, die wenigen in Deutschland mit der Thematik vertrauten BeraterInnen per Telefon zu interviewen. Für die Entwicklung ihres Leitfadens konnte sie kaum auf Literatur oder/und verlässliche Statistiken zurückgreifen, allerdings nur auf spontane Ideen und Assoziationen wollte sich die BA-Schreiberin auch nicht verlassen. Entsprechend entschloss sie sich, mit dem ersten Berater ein sehr offenes, stärker narrativ gehaltenes ExpertenInterview durchzuführen, analysierte dieses und entwickelte auf dieser Grundlage den Leitfaden für die Gespräche mit den anderen BeraterInnen.

Hinweis: Für die Überlegung, wie viele Fragen der Leitfaden umfassen sollte, gibt es keine „Idealformel“. In der Regel wird der zeitliche Rahmen von den ExpertInnen bestimmt und ist daher meist eher knapp gehalten. „Üblich“ ist eine Gesprächsdauer zwischen 30 bis 60 Minuten. Entscheiden Sie sich für ein teilstrukturiertes Interview, also für ein Interaktionsmuster, bei dem der/die Befragte relativ viel Raum zur Darstellung seiner/ihrer Expertise erhält, aber auch Zwischenfragen möglich sind, wäre die Vorbereitung von ca. 6 bis 8 Fragen empfehlenswert. Unter jeder „großen Frage“ können vorab mögliche Formulierungen für Nachfragen gruppiert werden. In der Reihung der Fragen empfiehlt es sich, grundsätzlich mit Fragen nach Erfahrungen, z.B. aus der Beratungspraxis, zu beginnen und evtl. kritische Fragen oder auch „Positionierungsfragen“ eher an das Ende des Interviews zu platzieren.

Leitfadenbeispiel für ein Experteninterview

Artikel verfasst von Debora Niermann (2014), Regine Langenbacher-König (2004)