Die Ethnografie kommt aus der Forschungstradition der Ethnologie und wurde erst allmählich in die Soziologie unter dem Stichwort ‘lebensweltliche Ethnografie’ integriert. Diese steht keineswegs im Widerspruch zum qualitativ-interpretativen Konzept, sondern weist viele Parallelen auf. Ethnografen ziehen hinaus in die ‘Fremde’ und machen Feldforschung (Fischer, 1992, S. 79-81). Dabei verwenden sie das gesamte Methodenarsenal der empirischen Sozialforschung, um zu Erkenntnissen über die „Anderen“ (1) zu kommen. Erforscht werden soziale und ethnische Gruppen, Institutionen und einzelne Personen in ihrer natürlichen Umgebung mit dem Ziel einer möglichst ganzheitlichen Erfassung des Untersuchungsgegenstands. Ein Kernelement ethnografischen Vorgehens ist die teilnehmende Beobachtung, d.h. die Forscherin nimmt aktiv am Leben der Untersuchten teil und lernt deren Kontext aus der Innenperspektive kennen. Bedeutsam ist die Fremdheitshaltung, die sich bei den Ethnologen, die in das Leben einer anderen ethnischen Gruppe eintauchen, gewissernmaßen automatisch ergibt. Die Forscherin sollte sich dabei einerseits auf die Probleme, Situationen und Personen im Feld einlassen, aber auch das, was ihr vertraut erscheint, exotisieren und das Eigene als Fremdes wahrnehmen (Breuer, 1996, S. 15). Soziologen, die in der eigenen Gesellschaft Forschung betreiben, müssen sich eine solche Haltung erst bewusst machen und aneignen (Hitzler, 2003, S. 48). Clifford Geertz (1983, S. 11), ein einflussreicher Ethnologe der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, fordert, dass der Forscher das vielfältige Material nicht nur dokumentiert und damit die Situation aufzeichnet, sondern dass er daraus einen literarischen Text schafft und zu einer ‘dichten Beschreibung’ (2) kommt, um tieferliegende Sinn- und Bedeutungsmuster zu rekonstruieren.

Ziel der Ethnografen ist es, ‘fremde Welten’ zu erkunden (Hitzler, 2003, S. 48), das bezieht sich allerdings nicht nur auf fremde Kulturen, sondern auf alle Lebensbereiche, die fern der Lebenserfahrung der Forscherin liegen, in denen sie das vertraute Feld verlässt und in eine neue Lebenswelt eintaucht. Charakteristisch für die Ethnografie ist außerdem die „Geh-Struktur“ (Breuer, 1996, S. 20), das bedeutet, die Forscherin begibt sich zu dem Phänomen hin und wird Teil des zu untersuchenden Feldes, in dem sie sich interaktiv auf Situationen in ihrem Forschungsfeld einlässt. Auf diese Weise sind bereits die kontextuellen Umstände der Kontakte (der Ort des Interviews, der Beobachtung, die Art der Begrüßung usw.) Daten.

(1) Einen Abriss über die historische Entwicklung der ethnografischen Ethnologie geben Berg und Fuchs ( 1999 S. 11-108).

(2) Diesen Begriff hat Geertz von Gilbert Ryle übernommen (Geertz, 1983, S. 11)

Literatur:

  • Fischer, H.(Hrsg.). (1992). Ethnologie. Berlin: Reimer.
  • Geertz, C. (1983). Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur. In: Dichte Beschreibung. (S. 7- 43). Frankfurt: Suhrkamp.
  • Hitzler, R. (2003). Ethnografie. In R. Bohnsack, W. Marotzki, & M. Meuser (Hrsg.). Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Opladen: Leske+Budrich.

Englischsprachige Literatur:
  • Atkinson, Paul; Coffey, Amanda; Delamont, Sara; Lofland, John; Lofland, Lyn (2007). Handbook of Ethnography. Sage Publications: London.
  • Emerson, Robert M.; Fretz, Rachel I; Shaw, Linda L. (2011): Writing Ethnographic Fieldnotes (2nd Edition). University of Chicago Press: Chicago.

Beispiele:

  • Khan, Shamus (2015). Privilege. The Making of an Adolescent Elite at St. Paul’s School.
  • Lareau, Annette (2011): Unequal Childhoods Class, Race, and Family Life, With an Update a Decade Later. University of California Press.

Artikel verfasst von Debora Niermann (2016) mit Rückbezügen auf eine erste Version von Hildegard Wenzler-Cremer (2007)