Soziales Engagement und ein Interesse an gesellschaftlichen (Ungleichheits-)Verhältnissen sind gängige Motive, die Menschen in die Qualitative Sozialforschung führen. Das wissenschaftliche Arbeiten ermöglicht sodann einen Freiraum, sich beispielsweise dem Verstehen von Wirkungen und Formen sozialer Differenzierung zu widmen; im Idealfall stehen Zeit und Ressourcen zu Verfügung, Fragestellungen zu definieren und ihnen empirisch nachzugehen. Genaue Blicke, bescheidenes Zuhören, informierte Nachfragen, Verschriftlichungen von Datenerhebungen, methodologisch kontrollierte Auswertungen, reflexive Schlaufen der Vergegenwärtigung eigener Positionierungen und Perspektiven, Peer-Reviews, Gespräche mit Kolleg:nnen zu möglichen Lesarten oder blinden Flecken und die anhaltende Involvierung in verschiedene Theoriearchitekturen verhelfen schließlich der Erkenntnis auf die Sprünge. Daraus können Texte entstehen, die den Lesenden Interpretationen sozialer Wirklichkeit anbieten und dabei Analysen zur Disposition stellen, aus denen sodann wiederum Neues folgen kann: weitere Forschungsfragen zum Beispiel, innovative analytische Denkfiguren durch die Rückbindung an Erkenntnisse anderer Forschung, oder auch Empfehlungen an das politische Feld oder die pädagogische Praxis.

Qualitative Sozialforschung bewegt sich in all diesen Schritten von der Fragestellung bis zur Diskussion der Ergebnisse nicht im luftleeren Raum. Sowohl ihre Gegenstände als auch ihre Methoden haben eine Geschichte und damit immer auch eine politische Dimension (darauf haben bereits so unterschiedliche Philosoph:nnen wie Max Horkheimer (1937) oder Hans-Georg Gadamer (1960) übereinstimmend hingewiesen). Doch was heißt es für uns Forscher:nnen, dass unsere Arbeit „immer schon politisch ist“, wie oft gesagt wird? Mit welchem Selbstverständnis sollen wir auf die Tatsache reagieren, dass gerade in Forschungsfeldern, denen eine politische Brisanz zuteilwird, nicht nur unsere Forschung auf dem Prüfstand steht, sondern mit ihr auch – besonders eindrücklich durch Donna Haraway (1988) in die Debatte eingeführt – immer mehr die Personen hinter den Texten mit ihrem jeweiligen „situated knowledge“? Unterschiedliche methodologische Traditionen haben diese Frage der politischen Situiertheit der Forschung in ganz unterschiedlichen Weisen bearbeitet. In der Ethnografie beispielsweise wird schon lange die Frage nach der engaged anthropology gestellt; epistemologisch finden wir dabei auch Auseinandersetzungen zur Befremdung von vermeintlich Bekanntem und Eigenem, und darin verstrickt auch die Hinterfragung des eigenen Blicks auf Gesellschaft (Delamont, Atkinson & Pugsley, 2010), was sich teils in autoethnografischen Radikalisierungen aufzulösen versucht hat (siehe dazu kritisch: Walford (2021)). Interessant werden epistemologische Reflexionen hierbei auch, wenn Ethnograf:nnen das empirisch Erlebte persönlich politisch nicht gutheißen (z.B. Lems, 2020). Die Dokumentarische Methode wiederum hat sich fruchtbar mit Fragen nach Standortgebundenheit und der Einklammerung des Geltungscharakters auseinandergesetzt. Mit Verweis auf Mannheim wird methodisch die Kontrolle des eigenen Wissens damit bearbeitet, dass Interpretationssouveränität mitunter aus der Hand gegeben resp. geteilt wird (Fritzsche, 2013, mehr zur Standortgebundenheit gibt es auch schon hier bei QUASUS, Fritzsche & Weitkämper, 2018). 

Nun ist Qualitative Sozialforschung nicht hinsichtlich jeder Fragestellung gleichermaßen politisch aufgeladen. Man stelle sich vor, dass eine Arbeit zu Polizeigewalt und Migration tendenziell stärker zu politisieren vermag als eine Arbeit zu Tanzstilen und Körperlichkeit. Ebenso sind nicht alle Wissenschaftler:nnen auch politisch engagiert, und so stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zwischen politischer Relevanz und wissenschaftlichem Status von Forschung nicht für jede Forscher:n in gleicher Weise. Die Frage nach der Person hinter der Qualitativen Forschung ist daher nicht generell zu beantworten, sondern muss von dieser selbst für ihre je spezifischen Forschungsvorhaben immer wieder neu beantwortet werden.

Dieser Beitrag möchte einen Vorschlag für jene Fälle vorlegen, in denen sowohl Forschende wie auch ihre Fragestellung eine politische Verwicklung vermuten lassen, und dabei zu analytischer Entlastung in stürmischen Zeiten beitragen. Dieser Vorschlag lautet zunächst einmal recht profan, dass sich Qualitative Sozialforscher:nnen darum bemühen, das Wissenschafter:nnen-Ich – mindestens temporär – vom politischen Ich zu trennen. Wird diese Trennung vorgenommen, können das politische Ich und das Wissenschafter:nnen-Ich mitunter divergierende Ansichten haben, und in einen Austausch kommen, der für beide Seiten fruchtbar gestaltet werden kann. Das Potential vermuten wir dabei u.a. in den Möglichkeiten des Prae-Politischen der Sozialforschung. Diese Idee entnehmen wir einem Text von Matei Candea, der in einer ethnographischen Studie zur Sprachenpolitik in Schulen Korsikas (note: ein hoch-explosives, bisweilen bewaffnet und blutig ausgetragenes Politikum!) feststellt, dass auch politisch überaus aktive Lehrpersonen ihren Unterricht immer wieder ganz entschieden als nicht politisch verstanden. Der Verweis auf das Nicht- oder Prae-Politische ermöglicht es ihnen, überhaupt vor einer Klasse zu stehen und diese sprachlich zu adressieren; ohne diese Trennung sei die Durchführung pädagogischer Aufgaben schlechthin unmöglich. Candea symmetrisiert diese Konstellation in seinem Text Our Division of the Universe mit der Qualitativen Sozialforschung, und insistiert, diese müsse ihre „unverwechselbare Fähigkeit beibehalten, (zumindest vorübergehend) ethnographische Sensibilität von kritischer Absicht zu trennen” (2011, S. 321, eigene Übersetzung).

Folgt man Candea und will dabei als Wissenschaftler:n Terrains bearbeiten, zu denen man auch eine persönliche politische Meinung hat, gälte es also konkret, das eigene politische Ich mit seinen Prägungen, Neigungen und eigenen Schrullen nicht immer zu laut mitreden zu lassen. Die kritische Absicht läge einem nämlich häufig nahe, bereits zu wissen, wie sich die interessierende soziale Situation gestaltet, und was es daran zu ändern gälte. Mit Eintritt in ein bestimmtes Forschungsfeld wäre ohne eine solche Trennung der Blick schon mit einer spezifischen sozialkritischen Schleifung geschärft, Sympathien verteilt, (Vor-)Urteile rasch bekräftigt.

Wird das politische Ich jedoch vom wissenschaftlichen Ich getrennt und seine Teilhabe mindestens temporär sistiert, kann in der Forschungspraxis die Chance vergrößert werden, Neues zu erfahren. Gesprächspartner:nnen werden angefragt und angehört, denen man als politisches Ich möglicherweise das Gespräch verweigert hätte. Die vorgeschlagene Trennung lässt einen in Kontexte eintreten und Fragen formulieren, auf die man noch keine Antworten hat, und bescheiden(er) die Ausführungen des jeweiligen Gegenübers entgegennehmen, ohne (direkt) Paroli bieten zu müssen. Sie lässt einen beobachten, ohne bereits alles zu sehen.

Ein eindrückliches Beispiel für die forschungspraktischen Potentiale der Trennung von politischem und wissenschaftlichem Ich ist Arlie Hochschilds (2017) „Reise ins Herz der amerikanischen Rechten“, auf der die links-liberale Berkeley-Soziologin neue Freund:nnen unter den Tea-Party-Wähler:nnen fand. Wäre ihr politisches Ich stets als sichtbare Begleiterin mit am Tisch gesessen, hätten ihr die Cajuns vielleicht nicht so offen und nicht so detailliert über ihren Alltag an den durch Chemieabfälle und jahrelange Misswirtschaft hoch toxischen Flussläufen des Bayou d’Inde erzählt, und sie hätte keine Erklärungen auf ihre Fragen gefunden, wieso sich diese Menschen trotz bekannter klimatischer Bedrohungen gegen staatliche Umweltschutz-Interventionen wehren. Das temporäre Aussetzen des Urteilens ließ sie schließlich auch die Frage stellen, was das moralische Überlegenheitsgefühl ihres Alltagsmilieus mit der gesellschaftlichen Spaltung in Nordamerika zu tun hat. Dadurch ist ein Buch entstanden, das politisch nicht zwingend entschieden ist, sondern zunächst einmal eine solide Analyse anbietet. Es sind solche Lesarten des Prae-Politischen der Qualitativen Sozialforschung, auf deren Basis sich das politische und das wissenschaftliche Ich wieder gemeinsam ins Gespräch bringen können. Gegenseitig mögen sie sich dann wieder Einiges zu sagen haben und Aktionen aushecken: in der Politik und sozialem Aktivismus oder in Form von neuen intellektuellen Bezugsfeldern.

Literatur:

Candea, M. (2011). “Our Division of the Universe”: Making a Space for the Non-Political in the Anthropology of Politics. Current Anthropology, 52(3), 309–334. doi:10.1086/659748

Delamont, S., Atkinson, P., & Pugsley, L. (2010). The concept smacks of magic: Fighting familiarity today (Anthropological Perspectives on Learning and Teaching: Legitimate Peripheral Participation Revisited). Teaching and Teacher Education, 26(1), 3–10. doi:10.1016/j.tate.2009.09.002

Fritzsche, B. (2013). Anerkennungsverhältnisse vergleichend, transkulturell und reflexiv gedacht. In M. Hummrich & S. Rademacher (Hrsg.), Kulturvergleich in der qualitativen Forschung (S. 193–209). Wiesbaden: Springer. doi:10.1007/978-3-531-18937-6_11

Fritzsche, B. & Weitkämper, F. (2018). Qualitativ-rekonstruktive Sozialforschung. QUASUS. Qualitatives Methodenportal zur Qualitativen Sozial-, Unterrichts- und Schulforschung. URL: https://quasussite.wordpress.com/qualitativ-rekonstruktive-sozialforschung/.

Gadamer, H.-G. (1960). Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen: Siebeck.

Haraway, D. (1988). Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective. Feminist Studies, 14(3), 575–599. doi:10.2307/3178066

Hochschild, A. R. (2017). Fremd in ihrem Land: eine Reise ins Herz der amerikanischen Rechten. (U. Bischoff, Übers.). Frankfurt: Campus.

Horkheimer, M. (1937). Traditionelle und kritische Theorie. Zeitschrift für Sozialforschung, 6(2), 245–309.

Lems, A. (2020). Phenomenology of Exclusion: Capturing the Everyday Thresholds of Belonging. Social Inclusion, 8(4), 116–125. doi:10.17645/si.v8i4.3282

Walford, G. (2021). What is worthwhile auto-ethnography? Research in the age of the selfie. Ethnography and Education, 16(1), 31–43. Routledge. doi:10.1080/17457823.2020.1716263

Artikel verfasst von Ursina Jaeger und Kai Wortmann (2021)

Zitation:

Jaeger, Ursina/Wortmann, Kai (2021). Das Prae-Politische Momentum der Qualitativen Sozialforschung. QUASUS. Qualitatives Methodenportal zur Qualitativen Sozial-, Unterrichts- und Schulforschung. URL (https://quasus.ph-freiburg.de/das-prae-politische-momentum-der-qualitativen-sozialforschung/).