1. Komplexität und Vernetztheit

Aus der Perspektive der Forschung zeichnet sich Kommunikation im Internet allgemein durch vielfältige Navigationsmöglichkeiten, Hypertextualität und die quasi-grenzenlose Vernetzung von Online-Gegenständen aus. Kommunikation und Medien sind sehr stark kontext- und verweisbezogen und Verweise spielen eine immer wichtigere Rolle, so dass auch kleine Beiträge mit vielen anderen Medien und Inhalten verknüpft sind und die Forschenden klare Strategien entwickeln müssen, welchen Pfaden sie (nicht) folgen. Unter Umständen ist es schwer bis unmöglich, einzelne Inhalte für sich alleine zu verstehen und zu interpretieren. Das gilt auch für viele Mikroblogs. Andererseits sind Verweise im Internet leichter nachzuvollziehen, als solche in Gesprächen oder anderen analogen Umgebungen. Qualitative Verfahren sind sehr gut in der Lage, mit weiteren Pfaden und weiterem Material umzugehen.

2. Multimedialität (Multimodalität)

Kommunikation im Internet und damit Analysematerial ist multimedial (oder multimodal); Kommunikationswerkzeuge sind von ihrer Medienvielfalt und ihren Verbreitungsmöglichkeiten gekennzeichnet. Sie verknüpfen (Untersuchungs-)Materialien, die bisher in der Forschung oft getrennt sind; Text, Symbole, Schaubilder, Bilder, Filme, Verlinkungen. Weil Plattformen multimodal werden und weil Nutzer*innen sich über verschiedene Bereiche und Plattformen im Netz bewegen verschmelzen diese Medienformen zunehmend. Dies kommt dem Alltagshandeln viel näher, muss aber in der Forschung und in der empirischen Analyse berücksichtigt werden! Viele qualitative Ansätze stellen die Notwendigkeit und Möglichkeiten heraus, mit vielen verschiedenen Quellen und Materialien zu arbeiten, besonders Ansätze der sogenannten Grounded Theory Methodologie (GTM) tun dies.

3. Zugänglichkeit und Verfügbarkeit

Während sich Zugänglichkeit grundsätzlich die Frage, ob es einen Zugriff gibt, bezieht, beschreibt die Verfügbarkeit eher den organisatorischen Aspekt. Ein Zeitungsarchiv ist beispielsweise grundsätzlich öffentlich zugänglich, wenn aber vom Schreibtisch aus Archive durchsucht oder gar genutzt werden können, also verfügbar sind, reduziert dies den Aufwand und macht manche Recherchen überhaupt (nur so) möglich. Viele Inhalte sind grundsätzlich (nur) online verfügbar, weil Inhalte nur im Internet verbreitet oder überhaupt ausschließlich für das Internet erstellt werden. Außerdem sind heute Äußerungen öffentlich zugänglich, die ansonsten nicht öffentlich sind und zu denen Forschende keinen Zugang erhalten würden (s.a. Intimität). Dies gilt, wenn bestimmte Gruppen oder Netzwerke nicht bereit sind, mit anderen zu sprechen oder wenn sie nicht offen sind.

4. Flüchtigkeit

InternetMedien haben ihre eigenen Formen von Zeitlichkeit. Ein wichtiges Kennzeichen vieler Materialien ist ihr Grad der Flüchtigkeit, die Inhalte in „Echtzeit“ liefert, was häufig Aktualität, aber auch Schnelllebigkeit bedeutet. Das berührt die Erhebung und Bearbeitung, die Forschungsqualität, Identifizierbarkeit und Vergleichbarkeit und die inhaltliche Charakteristik. Material kann nur für sehr kurze Zeit überhaupt greifbar sein oder faktisch nicht sichtbar und kaum auffindbar sein, obwohl es technisch länger verfügbar ist. Das gilt für viele Mikroblog-Plattformen, wie z.B. Twitter. Zum einen verschwinden Tweets sehr schnell aus dem Sichtfeld und damit aus dem Aufmerksamkeitsfeld. Außerdem sind Tweets auch für die Datenerhebung nur für sehr kurze Zeiträume verfügbar, abhängig allerdings davon, ob sich ein Forschungszugang auf Mikroblog-Autor*innen oder auf Themen konzentriert. Für alle Zugänge gilt, dass sie nicht verlässlich sind, so dass nicht alle Beiträge vollumfänglich zur Verfügung stehen. Es kann also wichtig sein, früh eine gute Datenbasis herzustellen. Im Gegensatz zu den sehr flüchtigen Inhalten von Mikroblogs ist der genaue Zeitpunkt von Veröffentlichungen statischer Internetseiten meist nicht so wichtig – sie haben längere Zeiträume der Aktualität und somit Dokumentencharakter. Dennoch ist Aktualität nicht leicht – häufig überhaupt nicht – nachzuvollziehen. Viele Inernetauftritte werden über Jahre gepflegt und verändert ohne dass ersichtlich ist, welche Änderungen wann vorgenommen wurden. Veränderungen können in verschiedener Frequenz erfolgen, so dass Inhalte eher statischen oder eher flüchtigen Charakter haben. Aus methodischer Sicht ist auch relevant, dass es verschiedene Abstufungen von Synchronität bis Asynchronität gibt. Der Aspekt der Veränderlichkeit betrifft alle Internetmaterialien, spielt aber je nach Medium eine unterschiedliche Rolle.

Die Formen der Zeitlichkeit sind für die Analyse nutzbar. So transportieren beispielsweise Mikroblogs (Kurznachrichten) und Miniblogs (längere Kommentare) sehr unterschiedliche Äußerungsformen und Reflexionsgrade. Spontane, häufig emotional und unüberlegt erstellte Beiträge sind vor allem in Mikroblogs zu finden, während längere Beiträge meist einen höheren Reflexionsgrad und genauere Formulierungen aufweisen. Webseiten sind in der Regel sorgfältig und strategisch erstellte Informationsinhalte, die offizielle Standpunkte einer Organisation oder Gruppe (re-)präsentieren. In einer Studie zur Protestbewegung gegen die Öffnung der Ehe in Frankreich 2013 habe ich statisches und flüchtiges Internetmaterial kontrastiert (also gegenübergestellt und verglichen), indem ich den Diskurs dieser Bewegung in eine offizielle und eine subjektive Seite zerlegt und offizielle Stellungnahmen und subjektive Äußerungen kontrastiert habe (s. die zweidemensionale Auswahl in der Rubrik „Sampling“). Es gibt viele „statische“ Seiten, die über lange Zeiträume nicht oder nicht maßgeblich geändert werden, sowie anderes statisches Material. Es ist dennoch im Internet verfügbar. Das gilt übrigens auch für Material, das eigentlich kein Internetmaterial ist, beispielsweise Artikel und Archive von Zeitungen und Zeitschriften. Sie sind heute mehr oder weniger stark im Internet vertreten und erfüllen somit Charakteristiken des Internet, vor allem die Reichweite und Erreichbarkeit der Beiträge (übrigens bei einigen Zeitungen auch von Beiträgen vor dem Internetzeitalter), aber auch andere, wie z.B. Kommentarfunktionen, Blogs, Hypertextualität (also Verknüpfung mit anderen Quellen im Internet), Verknüpfung und Einbindung anderer Formate (z.B. Film) usw.

5. Intimität

Intimität beschreibt die Offenheit von Inhalten, aber auch die Offenherzigkeit von Autor*innen. Viele Äußerungen waren der Forschung früher nicht zugänglich. Entweder, weil es sich um beiläufige Äußerungen handelte, die situativ und persönlich waren und die nicht aufgezeichnet wurden, sondern sich „im Vorbeigehen“ ereigneten. Oder es handelte sich um interne Äußerungen, die Mitglieder einer Gruppe ausschließlich untereinander tätigten, nicht gegenüber Fremden und schon gar nicht gegenüber Forschenden. Viele Bereiche der Internetkommunikation, vor allem auch Kommentare und soziale Medien, sind aber nicht nur öffentlich, sondern die Kommunikation ist von einer Offenherzigkeit geprägt, die sehr intime Einblicke ermöglicht.

6. Spezifische Referenzialität

Referenzialität fragt nach dem Bezug von Äußerungen: Auf wen oder was beziehen und an wen oder was richten sich Äußerungen explizit oder implizit? Im Internet ist Interaktivität weder zeitlich noch örtlich gebunden. Wo zeitliche und örtliche Ungleichheit und ein größeres Publikum lange Frontalinformation und fehlende Interaktivität bedeutete, findet Interaktion im Internet nun in einem größeren Kontext statt. Beiträge und Äußerungen haben zudem, je nach Plattform und Medium, unterschiedliche Bezüge. So sind beispielsweise Blogs und Blog-Umgebungen wenig neutral; sie haben ein ganz spezifisches Publikum und werden relativ gezielt gelesen und verbreitet. Damit ist der Kreis derer, die einen Blog lesen und kommentieren, eingeschränkt. Kommentare sind hier stärker reaktiv, also abhängig von dem Beitrag, auf den sie sich beziehen und auf den konkreten Sachverhalt, der angesprochen war; sie entsprechen eher Reaktionen auf geschlossene Fragen in Interviews. Dagegen sehe ich eine relative Neutralität der Beiträge auf Twitter insofern, als die Plattform die verschiedensten Positionen (re-)präsentiert.

7. Automatische Dokumentation

Inhalte im Internet haben dokumentarischen Charakter; sie liegen der Forscher*in direkt vor, so dass das Speichern, Ordnen und Sortieren zwar komplex, aber weniger aufwändig ist. Besonders hilfreich sind Inhalte in Textform, deren Verarbeitung leicht ist. Somit „stellt sich“ Internet-Material der qualitativen Forschung häufig in einer Form zur Verfügung, die ihr zentrales Forschungsmedium ist.

Je nach Forschungszusammenhang werden weitere Charakteristiken genannt, die aber in der hier diskutierten Arbeit mit InternetMaterial keine zentrale Rolle spielen und deshalb hier nicht diskutiert werden. Sie betreffen die Quantität bzw. Materialfülle, die Anonymität, Alokalität und Synchronität vs. Asynchronität von Internetmaterial sowie die Textbasiertheit, Reichweite und Interaktion (Mensch und Technologie) bzw. Ko-Konstruktion (Medium und Kommunikation). Ich möchte an dieser Stelle nur auf zwei Punkte eingehen, die sehr häufig genannt werden.

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Weiterlesen:

Qualitative Analyse von Internetmaterial – die Auswahl

Literatur

  • Marwick, Alice E. Ethnographic and Qualitative Research on Twitter. In: Weller, Katrin/Axel Bruns/Jean Burgess/Merja Mahrt/Cornelius Puschmann (eds.) 2014. Twitter and Society. New York. Peter Lang: 109–121.
  • Schirmer, Dominique 2015: Ehe für Alle – Gleichstellung oder Geschlechterkampf? In: Schirmer, Dominique/Nadine Sander/Andreas Wenninger (Hg.). Die qualitative Analyse internetbasierter Daten: Methodische Herausforderungen und Potenziale von Online-Medien. Wiesbaden. Springer VS: 89-131. http://dx.doi.org/10.1007/978-3-658-06296-5_4
  • Seko, Yukari 2013. Picturesque Wounds: A Multimodal Analysis of Self-Injury Photographs on Flickr [50 paragraphs]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(2), Art. 22. http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs1302229.
  • Welker, Martin/Monika Taddicken/Jan-Hinrik Schmidt/Nikolaus Jackob (Hg.) 2014. Handbuch Online-Forschung. Sozialwissenschaftliche Datengewinnung und -auswertung in digitalen Netzen. Köln. Halem.

 

Artikel verfasst von Dominique Schirmer (2017)

Zitation:

Schirmer, Dominique (2017). Charakteristiken von Internetmaterial aus methodischer Sicht. QUASUS. Qualitatives Methodenportal zur Qualitativen Sozial-, Unterrichts- und Schulforschung. URL (https://quasus.ph-freiburg.de/charakteristiken-von-internetmaterial-aus-methodischer-sicht/)