Für die Auswertung von Gruppendiskussionen ist eine Tonbandaufzeichnung nahezu unerlässlich, vorausgesetzt, die Diskussionsteilnehmenden willigen geschlossen einer solchen Aufnahme ein. Daneben erweist sich die Beobachtung der Diskussion durch eine Hilfskraft, welche mit keinen anderen Aufgaben betraut ist, als hilfreich. Von dieser Beobachtungsperson kann die nonverbale Kommunikation der Diskutanten sowie die emotionale Dynamik der Diskussion für die spätere Auswertung dokumentiert werden.

Bohnsack beschreibt die Auswertung von Gruppendiskussionen auf der Basis der dokumentarischen Methode in drei bzw. vier Arbeitsschritten:

  • Zu Beginn erfolgt eine formulierende Interpretation, aus der ein thematischer Verlauf und die thematische Feingliederung einzelner Passagen resultiert – die wesentliche Tätigkeit dieser formulierenden Interpretation besteht dabei in der zusammenfassenden, sinngemäßen Paraphrasierung der Diskussionsinhalte. Während des Arbeitsschrittes des thematischen Verlaufs werden die Bänder vorab einer Transkription grob abgehört. Ziel ist es dabei, Themen zu identifizieren und Passagen mit erhöhter Diskursdichte sowie dramaturgische Höhepunkte zu markieren, die dann zur Transkription ausgewählt werden. Zusätzlich werden weitere Passagen von sekundärer Bedeutung, die aufgrund ihrer Thematik für das inhaltliche Interesse der Forschenden relevant sind, ausgewertet. Es erfolgt dann eine detaillierte formulierende Interpretation der transkribierten Passagen. Unterschieden wird hierbei zwischen dem „Dokumentsinn“ – der entsprechend unmittelbaren und unausgelegten Formulierung – und dem „Ausdrucksinn“ – also dem weiter interpretierten Aussagegehalt.
  • Der zweite Arbeitsschritt erfasst durch reflektierende Interpretation den Dokumentsinn. Erst in diesem Arbeitsschritt wird die Analyseeinstellung auf das gerichtet, was sich in dem, wie etwas gesagt wird, über den dahinter stehenden konjunktiven Erfahrungsraum, die kollektive Handlungspraxis, dokumentiert. Die zentralen bzw. übergreifenden Orientierungsrahmen einer Gruppe kommen in den sog. Fokussierungsmetaphern zum Ausdruck. „Metaphorisch“ sind diese Passagen deshalb, weil sie aktuelle Handlungs- u. Orientierungsprobleme nicht explizit (wörtlich), sondern in der erzählerischen oder beschreibenden Darstellung von Szenerien, also bildhaft zum Ausdruck bringen. Wichtig für die reflektierende Interpretation ist auch die Rekonstruktion der Diskursorganisation, der Art u. Weise also, wie die Sprechenden aufeinander Bezug nehmen.
  • Im Anschluss an die reflektierende Interpretation erfolgt die Typenbildung, oder der jeweilige Fall wird im Rahmen der Diskursbeschreibung zunächst genau rekonstruiert. Die Diskursbeschreibung ist dabei eine Zusammenfassung der gesamten Diskussion im Sinne einer Fallbeschreibung. Diese beinhaltet eine verdichtende Darstellung der zentralen Rahmenkomponenten der Gruppe sowie die Offenlegung der Dramaturgie des Diskurses, ebenso wie ein Überblick über die in der Gruppe vorherrschende Diskursorganisation. Bei genauerer Betrachtung fließen in die Rahmenkomponenten in Bezug auf die Gruppe und die Diskussion eine Vielzahl von Facetten ein: Handelt es sich um eine natürliche oder unnatürliche Gruppe, wie kann die Freiwilligkeit der Diskussionsteilnahme der einzelnen Diskutanten eingeschätzt werden, wurde die Diskussion unter Zeitdruck geführt, welchen Einfluss hat die Räumlichkeit auf die Gesprächssituation gehabt?
  • Im Zuge der Typenbildung wird, in Übereinstimmung mit dem „idealtypischen Verstehen“ bei Max Weber (1968), nach der Genese kollektiver Orientierungsmuster gesucht. Unter diesen kollektiven Orientierungsmustern sind im Wesentlichen gemeinsame Identifikationskomponenten und geteilte Normen zu verstehen – sie wurden im Zuge der reflektierenden Interpretation bereits herausgearbeitet.
    Bedeutsam ist dabei, die unterschiedlichen Faktoren oder Dimensionen dieser Genese voneinander unterschieden zu können. Die Eindeutigkeit und Validität der Herausarbeitung typischer Merkmale ist davon abhängig, inwieweit deren Beziehung zu und Abgrenzung von anderen typischen Merkmalen herausgestellt werden kann (Bohnsack, 2001).

Literatur:

  • Bohnsack, R. & Schäffer, B. (2001). Gruppendiskussionsverfahren. In: T. Hug (Hrsg.), Wie kommt Wissenschaft zu Wissen? Bd.2 Einführung in die Forschungsmethodik und Forschungspraxis (S. 324-341). Baltmannsweiler: Schneider-Verlag Hohengehren.
  • Schäffer, B. (2003). Gruppendiskussion. In: R. Bohnsack; W. Marotzki & M. Meuser (Hrsg.), Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Ein Wörterbuch. Opladen: Leske+Budrich.
  • Lamnek S. (2005). Gruppendiskussion. Theorie und Praxis. Stuttgart: UTB.

Artikel verfasst von Jens Jenkner (2007)