Formulierende Interpretation

Im ersten Interpretationsschritt wird herausgearbeitet, welche Themen und Unterthemen in der Gruppendiskussion angesprochen werden. Die Analyse bleibt auf der Ebene des „immanenten“ Sinngehalts. ”Hierbei geht es darum, zunächst konsequent innerhalb des Relevanzsystems, des Rahmens der Gruppe zu bleiben“ (Bohnsack 2003, 34; Hervorh. i. O.).

Es wird jedoch nicht Stellung zum Gesagten und dessen Geltungsansprüchen bezogen, es wird kein Wahrheits- oder Realitätsgehalt geprüft.

Es „interessiert nicht, ob die Darstellungen (faktisch) wahr oder richtig sind, sonder es interessiert, was sich in ihnen über die Darstellenden und deren Orientierungen dokumentiert. Die Suspendierung der mit den immanenten Sinngehalt verbundenen Geltungsansprüchen, die ‚Einklammerung des Geltungscharakters’ ist konstitutiv für eine Methode, die auf den Prozess der […] Herstellung von Wirklichkeit, also auf die Frage nach dem Wie zielt und nicht darauf, Was diese Wirklichkeit jenseits des milieuspezifischen Er-Lebens ist“ (Bohnsack 1999, 75; Hervorh.i.O.)

Die formulierende Interpretation bewegt sich somit innerhalb des Rahmens der Handelnden, und deren Texte sind Gegenstand der Interpretation. Mit Hilfe von zusammenfassenden „Formulierungen“ (Oberbegriffen, Überschriften, Themen) soll eine Übersicht über den Text gewonnen werden. Dies ist bereits eine Interpretation, da im Text Implizites begrifflich-theoretisch expliziert wird. Es werden die thematische Struktur erarbeitet und die verschiedenen Ebenen der Darstellung ausdifferenziert.

Für die konkrete Fallarbeit bedeutet dies:

Es werden die Gruppendiskussions- oder Interviewmitschnitte abgehört, ganz oder teilweise transkribiert und der thematische Verlauf nach Ober- und Unterthemen gegliedert.

Anschließend werden die Passagen ausgewählt, die im Schritt der reflektierenden Interpretation genauer analysiert werden sollen. Orientierung für diese Auswahl ist zunächst die thematische Relevanz einer Passage im Hinblick auf die Forschungsfrage. Des Weiteren werden Abschnitte ausgewählt, die sich mit gleichen Themen befassen, wie sie sich in Passagen aus anderen Aufzeichnungen auch finden. Dies ist wichtig für die komparative Analyse (s.u.). Schließlich werden solche Stellen hinzugezogen, die eine besondere Dichte hinsichtlich Kommunikation, interaktiven Bezugnahmen oder „Metaphorik“, d.h. Bildhaftigkeit und Plastizität der sprachlichen Äußerungen, aufweisen. Bohnsack nennt dies „Fokussierungsmetaphern“.

”Dort, wo in dramaturgischer Steigerung die interaktive Bezugnahme ihre höchste Intensität und Dichte erreicht, […] verschmelzen die Einzelbeiträge am deutlichsten ineinander, und es treten die Individuen, die Charaktere der einzelnen Sprecherpersönlichkeiten zurück hinter das gemeinsame Erleben, das hier seinen Fokus hat“ (Bohnsack 2003, 139; Hervorh.i.O.).

Hieran schließt sich eine detaillierte formulierende Interpretation der ausgewählten Passagen an, um so die thematische Feingliederung zu rekonstruieren.

Forschungspraxis:

Es hat sich bewährt, gerade die Anfänge von Interviews/Gruppendiskussionen sehr gründlich zu bearbeiten. Gewöhnlich lässt sich in der ersten halben Seite eines Transkripts der überwiegende Teil der Orientierungen rekonstruieren, die im Verlauf der Aufzeichnung dann nur noch weiter entfaltet werden.

Reflektierende Interpretation

Ziel der reflektierenden Interpretation ist es, den Rahmen der Erzählung zu rekonstruieren und die zugrunde liegenden Orientierungsmuster herauszuarbeiten.

Die „spezifische Weichen- und Problemstellung bei der Behandlung des Themas und damit der für die Behandlung des Themas ausschlaggebende Rahmen [wird] dadurch sichtbar gemacht, dass ich Alternativen dagegenhalte, dass ich dagegenhalte, wie in anderen Gruppen die Weichen bei der Behandlung desselben bzw. eines vergleichbaren Themas anders gestellt werden“ (Bohnsack 2003, 34; Hervorh.i.O.).
Es wird, um dies noch einmal zu betonen, nicht danach gefragt, ob die dargestellten Inhalte des Interviews den Geltungskriterien Wahrheit oder normative Richtigkeit entsprechen. Faktische Wahrheit oder Richtigkeit werden nicht untersucht – rekonstruiert wird, was sich in den Texten über die Darstellenden und deren Orientierungen dokumentiert. Dies geschieht durch komparative Analyse.

In dieser zweiten Ebene, dem „dokumentarischen Sinngehalt“, dokumentieren sich die Orientierungsrahmen der Gruppe oder der interviewten Person. Bei der Rekonstruktion der Orientierungen spielt die Kontrastierung eine entscheidende Rolle.

Komparative Analyse

Der komparativen Analyse, dem Vergleich zwischen unterschiedlichen Fällen, kommt in der dokumentarischen Methode eine große Bedeutung zu. Im Vergleich mit den Orientierungsrahmen eines weiteren Falls tritt die Besonderheit des ersten schärfer zu Tage. Daher werden bereits im zweiten Analyseschritt andere Fälle zur Kontrastierung des gerade vorliegenden Falls herangezogen. IN diesem Schritt werden Gegenhorizonte zu Hilfe genommen. Gegenhorizonte sind andersgeartete Vergleichshintergründe (positiver oder negativer Art).

”Negative und positive Gegenhorizonte […] sind wesentliche Komponenten des Erfahrungsraums einer Gruppe. Sie konstituieren den Rahmen des Erfahrungsraums. Zwischen diesen Komponenten bzw. innerhalb dieses Rahmens ist die von diesem Erfahrungsraum getragene Orientierungsfigur gleichsam aufgespannt. Die Orientierungsfigur ist eingelassen in Erlebnisdarstellungen, in die Darstellung von Erlebnisprozessen“ (Bohnsack 2003, 136; Hervorh.i.O.).

Doch auch im jeweiligen Fall selbst entfaltete negative oder positive Gegenhorizonte helfen, die rekonstruierten Orientierungsrahmen klarer zu fassen. So beschreibt beispielsweise ein Proband seinen beruflichen Werdegang vor dem Hintergrund des Werdegangs seiner Schwester. Indem er diese als von den Eltern Verhätschelte, zum Nichtstun angeleitete darstellt (negativer Gegenhorizont), konturiert er seine eigene Biographie. Er stellt seinen engen Bezug zur Arbeit als Kontrast zur Schwester dar. Auf diese Weise lässt sich ein Orientierungsrahmen identifizieren: seine Orientierung auf Arbeit bzw. Leistung.

„Die Orientierungsmuster, wie sie in den Diskursen explizit oder in Form von Beschreibungen und Erzählungen metaphorisch entfaltet werden, gewinnen ihre Konturen dadurch, dass sie an derartigen Gegenhorizonten festgemacht werden.“ (Bonsack 1999. 151).

Grundlegend bildet auch das handlungspraktische Wissen der Interpretierenden selbst den Vergleichshorizont zum „atheoretischen Wissens des Individuums oder des Kollektivs“ (Bohnsack 2003, 195). Eigene oder fiktive Gegenhorizonte zu entwerfen (z.B. „Wie könnte man noch auf diese Frage antworten?“) helfen, das Spezifische eines Falls zu rekonstruieren. Die Fremdheit zwischen Interpretierenden und Erforschten stellt somit eine Voraussetzung zur Rekonstruktion der Orientierungen dar.

Diskursverlauf

Nicht nur aus dem „Inhalt“ der Gespräche lassen sich Orientierungen rekonstruieren. Auch der Diskursverlauf gibt Aufschluss über die unterschiedliche Entfaltung eines Themas und damit über die Rahmen einer Gruppe: Bei gleichen oder vergleichbaren Themen finden Unterschiede und Gemeinsamkeiten zweier Fälle ihren Niederschlag in Unterschieden und Ähnlichkeiten des Diskursverlaufs.

In der Analysemethode der dokumentarischen Interpretation spielt somit die Rekonstruktion der Diskursorganisation mit eine zentrale Rolle. Um den Orientierungsgehalt einer Gesprächspassage herausarbeiten zu können, wird untersucht, „wie“ die Teilnehmenden miteinander interagieren. Dies geschieht auf zwei Ebenen:

Einerseits wird – wie oben beschrieben – gefragt, auf welche Art und Weise Inhalte vorgebracht werden, welche Rahmen und welche Gegenhorizonte entfaltet werden. Andererseits verweist diese Analyse bereits auf die zweite Ebene, die Interaktionsform: ”In welchem formalen Bezug steht der semantische Gehalt der einzelnen Interaktions- bzw. Äußerungszüge?“ (Przyborski 2004, 61). Das bedeutet, dass sich Orientierungen immer sowohl auf verbal-inhaltlicher Ebene als auch auf formaler Ebene zeigen.

Przyborski (2004) stellt folgende Modi der Diskursorganisation zusammen:

  • Als inkludierende Modi beschreibt Przyborski jene ”Formen, wie das ’Kollektiv‘ gemeinsame Orientierungen hervorbringt“ (2004, 96). Der Diskurs kann hierbei parallel, antithetisch oder univok verlaufen.
    • Im parallelen Diskursverlauf lässt sich in aneinander gereihten Darstellungen immer wieder dieselbe Orientierung rekonstruieren. Für Außenstehende haben die Erzählungen oftmals auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun.
    • Im antithetischen Verlauf dokumentieren sich zwar auch gemeinsame Orientierungen, diese werden von der Gruppe jedoch durch Widerstreit oder Konkurrenz entfaltet. Oft erweisen sich die unterschiedlichen Positionen im Gespräch erst „in der Synthese [. . . ] als einander ergänzende Komponenten einer Orientierung“ (Przyborski 2004, 168).
    • Im univoken Diskursverlauf schließlich werden gemeinsame identische Erfahrungen ausgedrückt. Die Begebenheiten werden aus derselben Perspektive beschrieben, die Diskursbewegungen gemeinsam realisiert. ”Das Besondere an dieser gemeinsamen Realisierung ist das gleichzeitige Sprechen. Die ganze Gruppe spricht sozusagen ‚unisono‘ bzw. ‚univok‘“ (Przyborski 2004, 196).
  • Unter den exkludierenden Modi fasst Przyborski (2004, 216) jene Diskurse zusammen, in denen „unterschiedliche, unvereinbare Orientierungen zum Ausdruck kommen.“ Hier gibt es zwei Möglichkeiten der Organisation:
    • Im oppositionellen Modus verfügen die Teilnehmenden über keine gemeinsamen Erfahrungen. Die einander widersprechenden Orientierungen können so nicht in einer Synthese zusammengeführt werden (wie beim antithetischen Diskurs). Themen werden abgeschlossen, ohne Bezug auf die Themen selbst. Es erfolgt eine „rituelle Konklusion“ – beispielsweise durch die Frage nach einem neuen Thema.
    • Im divergenten Modus schließlich haben die Teilnehmenden ebenfalls keine gemeinsamen Erfahrungen, sie knüpfen in den Diskursbewegungen aber dennoch aneinander an. Die „Rahmeninkongruenzen“ werden meist verdeckt und die unterschiedlichen Orientierungen münden ebenfalls in eine rituelle Konklusion.

Forschungspraxis:

Die beiden Rekonstruktionsschritte formulierende und reflektierende Interpretation wurden oben nacheinander dargestellt. In der Forschungspraxis hat sich nach einer Grobgliederung in Oberthemen und der Auswahl der zu interpretierenden Sequenzen ein Vorgehen bewährt, in dem ein ständiger Wechsel zwischen den beiden Schritten stattfindet. Es wird erst die Frage „was wird hier eigentlich gesagt?“ gestellt um anschließend zu fragen: „wie wird es gesagt? Welche Rahmen und Orientierungen zeigen sich darin?“ Der Text bzw. die Sequenz werden dann wort-, satz- und abschnittsweise bearbeitet.

Bei der Interpretation ist dringend zu beachten, dass die Frage danach, warum etwas gesagt wird, hier keine Rolle spielt. Aus dem alltäglichen Umgang mit Interaktionen sind wir gewohnt, Interpretationen möglicher Begründungen anzustellen. Beim Interpretieren ist es daher nahe liegend, immer wieder in Spekulationen darüber „abzutauchen“, warum wohl jemand etwas sagt. Dies führt jedoch bei der Rekonstruktion der Orientierungsrahmen/-muster nicht weiter. Zudem kann diese Frage ohnehin meist nicht beantwortet werden. Maßgeblich ist also immer die Frage nach dem ‚wie’.

Fall- oder Diskursbeschreibung

Im Zuge dieser beiden obigen Interpretationsschritte wurden die Aufzeichnungen in ihre Komponenten zergliedert. In der darauf folgenden Diskurs- oder Fallbeschreibung wird all dies wieder zusammengesetzt und eingebunden in einen zusammenhängenden Text. Dieser ist einerseits eine inhaltliche Wiedergabe. Ebenso, und das ist der Schwerpunkt, sollen die zentralen Orientierungen oder Rahmenkomponenten („Inhalt“) in Kombination mit der Beschreibung von Dramaturgie und Erzählebenen („Form“) in einer Gesamtcharakteristik des Falls dargestellt werden. Mit diesem Schritt beginnt die Vermittlung der Ergebnisse der Textinterpretation an die Öffentlichkeit. Ziel ist somit eine vermittelnde Darstellung, Zusammenfassung und Verdichtung.

In „den Fallbeschreibungen sollte das Spannungsverhältnis zwischen der Sprachebene der Erforschten […] einerseits und derjenigen der Interpreten andererseits und damit die Fremdheitsrelation erkennbar bleiben und möglicherweise pointiert herausgearbeitet werden. Die Auswahl von Transkriptzitaten dient somit nicht allein dem Beleg und der Illustration der Interpretation, sondern auch der Vermittlung dieser Spannung, die über den Standort und Erfahrungsraum der Interpreten mit deren Aspekthaftigkeit bisweilen ebensoviel aussagt wie über den der Erforschten“ (Bohnsack 1999, 157; Hervorh.i.O.)

Forschungspraxis:

Dies ist der zentrale Schritt zum Verfassen einer qualitativen Studie. Die rekonstruierten Fälle müssen nachvollziehbar dargestellt werden. Mögliche auf diese Weise bei rekonstruktiven Arbeiten entstehende Textformen sind für Ungeübte möglicherweise etwas fremd. Es empfiehlt sich daher, in fertige Untersuchungen „hineinzulesen“. So finden sich möglicherweise auch Ideen, wie die eigenen Ergebnisse adäquat wiedergegeben werden können.

Typenbildung

In diesem Schritt werden Bezüge herausgearbeitet zwischen „spezifischen Orientierungen einerseits und dem Erlebnishintergrund oder existentiellen Hintergrund, in dem die Genese der Orientierungen zu suchen ist, andererseits“ (Bohnsack 1999, 158). Diese generierten Typiken ergänzen sich dann zu einer Typologie. Während für die Diskursbeschreibung die Gesamtcharakteristik eines Falls oberster Bezugspunkt bleibt, erhalten beim Ausformulieren der Typologie die Fälle den Stellenwert von Beispielen einer Typik.

Forschungspraxis:

Eine Typenbildung ist meines Erachtens nur dann sinnvoll, wenn eine größere Fallzahl bearbeitet wird. Es ist zudem zu beachten, dass eine Typenbildung von den individuellen Fällen abstrahiert. Eine detaillierte Darstellung von Einzelfällen ist dann nicht mehr gut möglich.