Die Qualitative Inhaltsanalyse versteht sich als ein Verfahren, das das Material streng methodisch kontrolliert d.h. nach vorab festgelegten Regeln analysiert. Das Kategoriensystem wird theoriegeleitet vor der Auswertung des Materials entwickelt. Es ist damit ein deduktiv – klassifikatorischer Ansatz. Auch wenn Mayring (2000) in seinen Analyseschritten versucht, sinnrekonstruktive Elemente mit einzubeziehen (Gewinnung von zusätzlichen Kategorien aus dem Material), so folgt seine Forderung nach trennscharfen Kategorien, unter die sich die Inhalte subsumieren lassen, eher einem hypothesenprüfenden Forschungskonzept (Meuser, 2004, S. 90). In der Praxis sieht das Vorgehen häufig so aus, dass sich die Forscherin aufgrund der theoretischen Beschäftigung mit dem Forschungsgegenstand Vorwissen aneignet und einen Interviewleitfaden entwickelt. Die im Leitfaden formulierten Fragen werden dann verkürzt, abstrahiert und zu einem Kategoriensystem umformuliert, mit dem das Material „durchgekämmt“ wird (Kruse, 2007, S. 109). Die Kategorien sind damit nicht wie in der Grounded Theory das Ergebnis induktiver Analyse, werden also nicht aus dem Material heraus entwickelt, sondern von außen an das Material herangetragen. Die Textstellen werden unter die deduktiv gewonnenen Kategorien subsumiert und zur Illustration der Kategorien verwendet. Das Prinzip der Offenheit und die Priorität der Relevanzsetzungen der Untersuchten sind damit nicht wirklich gegeben. Eine Interpretation im Sinne eines hermeneutischen Verstehensprozesses, bei der der Sinn und die Bedeutung des Geäußerten aus dem Material herausgearbeitet werden, findet auf diesem Wege nicht statt. Allerdings muss eingeräumt werden, dass auch die sinnrekonstruktiv vorgehenden Forscher bei ihren Interpretationen ebenfalls auf Vorwissen zurückgreifen. Der Vorwurf an die qualitative Inhaltsanalyse kann entkräftet werden, wenn bei diesem Verfahren dem vertieften Verstehen kommunikativer Prozesse mehr Rechnung getragen wird und grobe Kategorien als Suchheuristiken verwendet werden, anhand derer das Material in einem zweiten Durchgang nochmals geprüft wird und weitere Kategorien entwickelt werden.

Literatur:

  • Meuser, Michael (2003). Inhaltsanalyse In: R. Bohnsack, W. Marotzki & M. Meuser (Hrsg.), Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Ein Wörterbuch. Opladen: Leske+Budrich.

Artikel verfasst von Hildegard Wenzler-Cremer (2007)