Das Laute Denken ist eine Methode, die verwendet wird, um kognitive Vorgänge erfassbar zu machen, die sonst implizit und damit unausgesprochen bleiben. Durch das Bearbeiten einer Aufgabenstellung sollen vor allem bei Problemlösungsprozessen Gedankengänge und Handlungsstrategien sichtbar werden.

Was ist Lautes Denken?

Theoretisch ist es laut Konrad (2010) den introspektiven Erhebungsmethoden zuzuordnen, bei denen Individuen – oft im therapeutischen Kontext – dazu aufgefordert werden ihre „Gedanken, Wahrnehmungen und Empfindungen“ (ebd.: 476) zu verbalisieren. Ein Problem für eine methodologische Verortung stellen die unterschiedlichen Einordnungen des Laute Denkens in der Literatur dar. Konrad (2010) selbst fasst drei Formen zusammen: die Introspektion (direkte Versprachlichung der Gedanken in einer Situation), die unmittelbare Retrospektion (sich direkt an die Introspektion anschließend) und die verzögerte Retrospektion (anschließend an die Bearbeitung von Problemen, sogar erst einige Tage später) (vgl. ebd.: 476). Dieser Definition entsprechend regen viele qualitative Erhebungsmethoden – vor allem die gesprächsbasierten Interviewformen – Varianten des Lauten Denkens an. Zudem können bei der Literaturrecherche unterschiedliche Begriffe und Herangehensweisen auftauchen. So gibt es bspw. das Think-Aloud-Protocol (vgl. Sasaki 2008) als englischen Begriff oder im Deutschen das Denke-Laut-Protokoll, je nach Erhebungskontext auch das Labor- bzw. Feld-Denke-Laut-Protokoll (vgl. Buber 2009). Bei der Internetrecherche begegnet einem auch die Think-Aloud-Methode als Usability-Test zum Prüfen der Benutzerfreundlichkeit von Programmen (vgl. bspw. Hunkirchen 2005). In diesem Beitrag wird auf das Laute Denken allerdings insbesondere als Instrument in qualitativen Forschungsdesigns eingegangen deren Erkenntnisinteresse auf Problemlöse- und Lernprozesse gerichtet ist. Empirisch gut erfasst ist es im Methodenkanon der Fremdsprachendidaktik (vgl. bspw. Sasaki 2008; Knorr & Schramm 2012) und Medienpädagogik (vgl. bspw. Bilandzic & Trapp 2008). Es findet aber auch Verwendung in der naturwissenschaftlichen Didaktikforschung (vgl. bspw. Völzke 2012; Sandmann 2014).

Was passiert beim Lauten Denken?

Ausschlaggebend beim Lauten Denken als Erhebungsmethode ist, dass damit kognitive Vorgänge beobachtbar werden sollen. Dabei handelt es sich um ausgewählte Informationen aus dem Langzeitgedächtnis, die zur Lösung eines Problems in das Kurzzeitgedächtnis geholt werden (vgl. Bilandzic & Trapp 2008: 187). Die Kapazität des Kurzzeitgedächtnisses ist begrenzt. Das hat zur Konsequenz, dass immer nur die jüngsten dort eingegangenen Informationen vorhanden sind (vgl. ebd.: 187). Also handelt es sich bei den durch das Laute Denken erhobenen Daten sozusagen um eine Momentaufnahme von Gedanken während einer Handlung. Oftmals wird die Methode allerdings zusätzlich durch ein nachträgliches Interview ergänzt, um zu rekonstruieren, wie Gedankenprozesse und Handlungen während der Problemlösung entstanden sind (vgl. Völzke 2012: 34 f.). Knorr und Schramm (2012) unterscheiden hier die Art und Weise der Kognition von der im Lauten Denken. Der kognitive Prozess während einer nachträglichen Befragung sei ihrer Meinung nach ein Lautes Erinnern, da dabei Informationen aus dem Langzeitgedächtnis abgerufen werden (vgl. ebd.: 185), womit die damit erhobenen Daten als eine Retrospektion, eine nachträglich und subjektiv mit Sinn verliehene Wiedergabe von Erinnerungen, einzustufen sind. Durch die Triangulation der beiden Erhebungsmethoden Lautes Denken und Interview können zwei kognitiv unterschiedliche Vorgänge einer so designten Studie genutzt werden, um Erfahrung und Erleben während einer problemlösenden Tätigkeit in den Sinnzusammenhang der TeilnehmerInnen selbst zu stellen.

Methodologische Anmerkungen zum Lauten Denken

Im Bezug auf die Aussagekraft der mit dieser Methode erhobenen Daten, gibt es methodische Besonderheiten:

  1. Die TeilnehmerInnen können nicht die tatsächlichen Operationen ihres Gedächtnisses und ihrer Wahrnehmung beschreiben, sondern nur das, was ihnen selbst bewusst ist und was sie in sozialen Prozessen erlernt haben (vgl. Bilandzic & Trapp 2008: 190). Die Reichweite der Methode ist also auf das subjektiv bewusste Erleben fokussiert und bildet nicht die kognitiven Vorgänge an sich ab. Innerhalb eines qualitativen Forschungsdesigns deren Fragestellung daher auf das Erleben des Gedächtnisprozesses ausgerichtet sein wird, spricht das aber eher für die Angemessenheit der Methode.
  2. Beim Lauten Denken ist es eine Voraussetzung, dass die Informationsverarbeitung bewusst abläuft. Demnach können keine routinierten Handlungskognitionen beschrieben oder begründet werden, da sich diese dem Bewusstsein entziehen (vgl. Bilandzic und Trapp 2008: 190). Daher empfiehlt es sich auch die TeilnehmerInnen mit einem Problem zu konfrontieren, das keine automatisierten und geübten Kognitionsprozesse anstößt (vgl. Völzke 2012: 34). In der Praxis bedeutet das, dass eine Aufgabe gestellt werden muss, die nicht zu einfach ist, um bewusste Denkprozesse auszulösen, die verbalisiert werden können. Zu schwer – und damit frustrierend – sollte sie jedoch auch nicht sein. Um die geeignete Aufgabenstellung zu finden, können Informationen zur Zielgruppe und ein Pretest hilfreich sein.
  3. Um die möglichst unmittelbare Momentaufnahme der Gedankengänge gewährleisten zu können, sollen sich die TeilnehmerInnen während dem Lauten Denken nicht selbst reflektieren, also keine Metakognition abseits der Aufgabenbearbeitung vornehmen (vgl. Bilandzic & Trapp 2008: 186). Auch dies spricht dafür den Schwierigkeitsgrad der Aufgabe so zu wählen, dass er die TeilnehmerInnen vollständig beschäftigt. Zudem spielen auch die sozialen Bedingungen der Erhebungssituation selbst eine wichtige Rolle und müssen miteinbezogen werden (vgl. Sasaki 2008).
Praktisches Vorgehen: Wie kann ich das Laute Denken durchführen?

Die Gestaltung der Erhebungssituation ist von der gewählten Fragestellung und dem Feld abhängig. Das Laute Denken an sich lässt sich überall dort anwenden, wo Gedanken bzw. Problemlöse- und Lernprozesse während einer Handlung erhoben werden sollen. Völzke (2012) lässt SchülerInnen während der Durchführung von Experimenten laut denken. Bilandzic und Trapp (2008) haben das Mediennutzungsverhalten von Kindern- und Jugendlichen im Fokus. Uwe Frommann (2005) stellt einen Artikel zur Gestaltung der Erhebungssituation mit einer Aufgabenbearbeitung durch E-Learning Programme am Computer bereit. Der Ablauf der Erhebung gestaltet sich allerdings gleich. Er lässt sich allgemein in drei Schritte aufteilen: Einstieg, Beobachtung und Interview (vgl. Knorr & Schramm 2012; Frommann 2005; Sandmann 2014).

Einstieg

Zum Einstieg sind drei Dinge wesentlich. Erstens muss eine offene Atmosphäre geschaffen und Sicherheit vermittelt werden. Zweitens wird auch empfohlen, dass er gemäß eines genauen Ablaufplans standardisiert wird, um zu verhindern, dass sich unterschiedliche Einstiege auf die Ergebnisse auswirken können (vgl. Frommann 2005: 3). Dies empfiehlt sich vor allem dann, wenn mehrere ForscherInnen an der Durchführung beteiligt sind. Während dem Lauten Denken selbst wie auch im nachfolgenden Interview wird möglichst nicht eingegriffen, um die TeilnehmerInnen in ihren Aussagen nicht zu beeinflussen. Drittens wird auch eine Übungsaufgabe zur Heranführung an die Methode empfohlen (vgl. Knorr & Schramm 2012; Bilandzic & Trapp 2008; Frommann 2005; Sandmann 2014). Frommann (2005) stellt sehr nützliche Formulierungen bereit, die den TeilnehmerInnen als Beispiel zur Gedankenformulierung vorgelesen werden können (vgl. ebd.: 4). Um aber nicht von der eigentlichen Aufgabe abzulenken, sollten sie diese nicht in Form eines Zettels an die Hand bekommen.

Beobachtung

Ist die Einstiegsphase abgeschlossen, folgt die eigentliche Aufgabenbearbeitung mit Lautem Denken. Bis hier hin haben die TeilnehmerInnen verstanden, was von ihnen erwartet wird und haben die beim Lauten Denken zu lösende Aufgabenstellung erhalten. Wichtig ist außerdem ein klares Start- und Stop-Signal, damit die TeilnehmerInnen einen Rahmen haben und nicht verunsichert werden. Die Bearbeitungszeit sollte außerdem variabel gestaltet sein (vgl. Frommann 2005: 5). Um die geeignete Bearbeitungszeit mit entsprechenden Puffern zu ermitteln, ist auch hier wieder ein Pretest zu empfehlen. So können auch technische Bedingungen und der erstellte Ablauf zum Einstieg getestet werden. Abschließend sollen die TeilnehmerInnen kurz durchatmen können, bevor das Interview beginnt.
Dokumentiert wird die Erhebung einerseits mit Notizen der ForscherInnen, um Besonderheiten etwa zur sozialen Situation oder Ereignissen und formale Informationen (Zeit und Ort) festzuhalten (vgl. Frommann 2005). Zudem sollte das Laute Denken mindestens mit einer Audioaufnahme aufgezeichnet werden. Bei den hier vorgestellten Forschungsprojekten kamen jedoch auch zusätzlich Videoaufnahmen (vgl. bspw. Völzke 2012), im Falle der Aufgabenlösung am Computer auch Desktop-Aufnahmen zum Einsatz (vgl. Frommann 2005). Die Entscheidung, was hier forschungsökonomisch sinnvoll und forschungsethisch vertretbar ist, ist je nach Art und Umfang des Forschungsvorhabens abzuwägen.

Interview

Das Interview dient wie o. g. zur Triangulation des Lauten Denkens. Frommann (2005) stellt einen ganzen Fragenkatalog für die dritte Erhebungsphase bereit. Dies ist je nach Herangehensweise aber vielleicht ein zu stark vorstrukturiertes und standardisiertes Vorgehen. Es ist ebenso möglich ein offenes und teilnarratives Leitfadeninterview nach Helfferich (2011) direkt an das Laute Denken anzuschließen. Auch hier muss entsprechend der Fragestellung und nach zur Verfügung stehenden (Zeit-)Ressourcen abgewägt werden – im Pretest lässt sich dies am besten ermitteln. Denkbar ist auch eine Variante, bei der ein Interview einige Tage nach der Erhebung durch Lautes Denken durchgeführt wird. Nach Konrad (2010) handelt es sich dann um eine verzögerte Retrospektion. Geht es also bspw. darum das Moment der Selbstreflexion und die Nachhaltigkeit von Lernprozessen verstärkt aufzugreifen, könnte es sinnvoll sein die TeilnehmerInnen einige Zeit nach der Lernerfahrung zu befragen. Hier sollten sich die ForscherInnen allerdings die Frage stellen, ob und inwiefern das Laute Denken vorher notwendig zur Beantwortung der Fragestellung ist.

Literatur

  • Bilandzic, Helena & Trapp, Bettina (2008): Die Methode des lauten Denkens. Grundlagen des Verfahrens und die Anwendung bei der Untersuchung selektiver Fernsehnutzung bei Jugendlichen. In: Paus-Haase, Ingrid; Schorb, Bernd (Hrsg.): Qualitative Kinder- und Jugend-Medienforschung. Theorie und Methoden: Ein Arbeitsbuch. München: KoPäd Verlag: 183-209.
  • Buber, Renate (2009): Denke-Laut-Protokolle. In Buber, Renate & Holzmüller, Hartmut (Hrsg.): Qualitative Marktforschung. Konzepte-Methoden-Analysen. 2. Aufl.: Wiesbaden: Gabler: 555-567.
  • Knorr, Petra & Schramm, Karen (2012): Datenerhebung durch Lautes Denken und Lautes Erinnern in der fremdsprachendidaktischen Empirie. In: Doff, Sabine (Hrsg.): Fremdsprachenunterricht empirisch erforschen. Grundlagen – Methoden – Anwendung. Tübingen: Narr Verlag: 184-201.
  • Konrad, Klaus (2010): Lautes Denken. In: May, Günter; Mruck, Katja (Hrsg.): Handbuch Qualitative Forschung in der Psychologie. Wiesbaden: Springer Verlag: 476-490.
  • Sandmann, Angela (2014): Lautes Denken – die Analyse von Denk-, Lern- und Problemlöseprozessen. In: Krüger, Dirk; Parchmann, Ilka; Schrecker, Horst (Hrsg.): Methoden in der naturwissenschafts-didaktischen Forschung. Berlin & Heidelberg: Springer Verlag: 179-188.
  • Sasaki, Tomomi (2008): Concurrent think-aloud protocol as a socially situated construct. In: International Review of Applied Linguistics in Language Teaching, Jg. 46, Nr. 4: 349-374.
  • Völzke, Katja (2012): Lautes Denken bei kompetenzorientierten Diagnoseaufgaben zur naturwissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung. Reihe Studium und Forschung. Kassel: Kassel University Press.

Artikel verfasst von Maria Hofmann (2017)

Zitation:

Hofmann, Maria (2017). Die Erhebungsmethode des Lauten Denkens. QUASUS. Qualitatives Methodenportal zur Qualitativen Sozial-, Unterrichts- und Schulforschung. URL (https://quasus.ph-freiburg.de/2217-2/)