1. Was sind Interpretationswerkstätten?

Das gemeinsame Interpretieren gilt als eine bewährte Arbeitsform qualitativ Forschender und wurde maßgeblich von Anselm Strauss, einem der „Väter“ der Grounded Theory, geprägt (Strauss 1987; Riemann 2005). Im Wesentlichen geht es darum, im Austausch über die Daten Interpretationen zu formulieren, zu hinterfragen und in der Gruppe weiterzuentwickeln. Wegen ihres Arbeitscharakters werden Interpretationsgruppen häufig auch Forschungswerkstätten genannt. Abhängig von dem Auswertungsvorgehen entwickeln sich unter den Mitgliedern jeweils eigene Stile des Interpretierens und der gemeinsamen Kommunikation (Reichertz 2013). Während manche Analysegruppen einen langjährigen Arbeitszusammenhang konstituieren, kommen in Tagungssettings Interpretierende meist nur für wenige Stunden zum kollaborativen Auswerten zusammen. Das Arbeiten in der Gruppe bietet für die Einzelnen dabei nicht nur einen positiven Unterstützungszusammenhang, sondern dient vor allem der Qualitätssicherung von Verstehensprozessen. In dem Entwickeln und der Diskussion von Lesarten werden zentrale Akte der Herstellung von intersubjektiver Nachvollziehbarkeit (Steinke) geleistet: Die Forschenden stellen Transparenz hinsichtlich ihres Vorgehens her, diskutieren datenzentriert die Belegkraft ihrer Interpretation und lassen sich letztlich auf einen geteilten Reflexionsprozess ihrer Forschungserfahrungen ein. Damit sind Interpretationsgruppen auch Orte, an denen reflexive Offenheit, gegenseitiges Vertrauen und Anerkennung eine zentrale Rolle spielen (Dausien 2007).

2. Interpretationsgruppen an der Pädagogischen Hochschule Freiburg

An der Hochschule arbeiten erfahrungsgemäß pro Semester zwischen vier und sieben Interpretationsgruppen an der Analyse von qualitativen Daten, die sie im Rahmen ihrer Qualifikationsarbeiten erhoben haben.

Das Quasus-Modell: 4×4

Das Quasus-Modell sieht vor, dass vier Studierende mit ähnlichen Auswertungsanliegen sich verbindlich zu vier Auswertungssitzungen à 90 Minuten treffen. Bei jeder Sitzung wird das Datenmaterial einer Person ausgewertet. Die/der Studierende entscheidet vorab, welchen Datenausschnitt er/sie gerne in der Gruppe bearbeiten möchte, und bringt die entsprechende Kopie für alle Gruppenmitglieder mit. Bei der ersten Sitzung leitet die Projektbearbeiterin von Quasus, Debora Niermann, am Beispiel des Datenausschnitts einer/eines Studierenden in das Auswertungsvorgehen ein. Die weiteren drei Sitzungen trifft sich die Gruppe unter sich. Nach den ersten vier Sitzungen entscheiden die Studierenden, ob/inwiefern Sie das gemeinsame Arbeiten fortsetzen wollen.

3. Wie schließe ich mich einer Gruppe an?

Interessierte Studierende und/oder Promovierende können sich als Einzelpersonen oder bereits formierte Gruppen gerne an Debora Niermann wenden: quasus@ph-freiburg.de. Bitte geben Sie Informationen zu a) Ihrem Forschungsprojekt (Erhebungsmethoden und aktueller Arbeitsstand), b) der evtl. bereits festgelegten Auswertungsmethode und c) dem Abgabedatum ihrer Qualifikationsarbeit an.

Literatur:

  • Dausien, Bettina (2007). Reflexivität, Vertrauen, Professionalität. Was Studierende in einer gemeinsamen Praxis qualitativer Forschung lernen können. Diskussionsbeitrag zur FQS-Debatte „Lehren und Lernen der Methoden qualitativer Sozialforschung“. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 8(1), http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0114-fqs0701D4Da3. Letzter Zugriff [04.012.2016].
  • Steinke, Ines (2010): Gütekriterien qualitativer Forschung. In: Uwe Flick, Ernst von Kardorff & Ines Steinke (Hrsg.): Qualitative Forschung. Ein Handbuch (9. Auflage, S. 319–331). Reinbek: Rowohlt.
  • Strauss, Anselm, L. (1987): Qualitative Analysis for Social Scientists. Cambridge University Press: Cambridge.
  • Reichertz, Jo (2013): Gemeinsam interpretieren. Die Gruppeninterpretation als kommunikativer Prozess. Wiesbaden: Springer VS.

Zur Online-Vernetzung in Interpretationsgruppen empfehlen wir:

NetzWerkstatt. Integrierte Methodenbegleitung für qualitative Qualifizierungsarbeiten

http://www.qualitative-forschung.de/netzwerkstatt/

Artikel verfasst von Debora Niermann 2016