1. Technische Vorbereitung der Transkription

Spracherkennungsprogramme sind bislang leider technisch noch immer  nicht so ausgereift, dass sie sich an jede beliebige Sprechperson anpassen können. Deshalb müssen Sie in der Regel Ihre per Video oder Audio aufgenommenen Daten selbst transkribieren. Dieser Arbeitsschritt hat den Vorteil, dass Sie Ihr Material bestens kenne und vertraut sind damit. Das wird Ihnen die Auswertung erheblich erleichtern.

Wichtig ist, dass Sie Ihre Audio-  und /oder Videodateien auf den PC überspielen und dann sowohl das Textprogramm öffnen, in dem Sie das Transkript erstellen, als auch das Audio bzw. Videoprogramm.

Hier finden Sie die kostenlose Transkriptionssoftware zum Download.

2. Welche Transkriptionsregeln „passen“ zum Projekt?

Unter Transkription versteht man die Verschriftlichung von Gesprächen, bei der im Gegensatz zur einfachen Niederschrift (etwa für ein journalistisches Interview) vor allem Phänomene der Mündlichkeit in systematischer Art und Weise mit beachtet werden können.Um eine gewisse Systematik in die wissenschaftliche Transkription hinein zu bringen, bedarf es deshalb klarer Transkriptionsregeln, die im Folgenden hauptsächlich am Beispiel verschiedener wissenschaftlicher Gesprächsformen (offenes Interview, autobiografisch- narratives Interview, Einzelinterview, Gruppendiskussion) aufgezeigt werden. Denkbar ist die Anwendung dieser Transkriptionsregeln sicherlich auch für die Analyse anderer qualitativer Daten, etwa auf Basis der Videographie. Unter Umständen müssen die Transkriptionsregeln in solchen Sonderfällen jedoch noch ausgeweitet werden.

Vorab noch eine Bemerkung zu unterschiedlichen Herangehensweisen an eine Transkription. Grundlegend gibt es zwei Formen der Transkription. Die Wörtliche Transkription und die Kommentierte Transkription. Charakteristisch für die wörtliche Transkription ist, dass

  • jedes gesprochene Wort sowie lautsprachliche Äußerungen bzw. Töne (z.B. „äh“, „also“, „eh“ oder „mhm“) im gebräuchlichen Alphabet wiedergegeben werden,
  • Dialekt nicht in Hochdeutsch gesetzt wird.

Die so genannte kommentierte Transkription erweitert dieses Wortprotokoll der wörtlichen Transkription mit zusätzlichen Kommentaren und Informationen zu Pausen, Betonungen und Sprachbesonderheiten der Sprecher mit vorher festgelegten Sonderzeichen / Kriterien.
Man sollte hierbei eine pragmatische Vorgehensweise wählen und für sich selbst entscheiden, ob eine aufwändige Transkription überhaupt einen Beitrag zum Erkenntnisgewinn leistet.

Zu den Transkriptionsregeln an sich gibt es verschiedene Ansätze (hier kann man eine Übersicht über vier Transkriptionssysteme herunterladen). Unabdingbar ist allerdings eine gewisse Einheitlichkeit.

Im Folgenden sollen zwei mögliche Wege im Transkriptionsvorgehen
vorgestellt werden:  die „Moderaten Grundregeln des Transkribierens“ nach
Kruse (2015) und das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem (GAT).

2.1 Drei moderate Grundregeln des Transkribierens nach Kruse (2015, 350-352)
  

a) Verschrifte weitgehend all das, was du hörst, weitgehend so, wie du es hörst.

Dies bedeutet, dass die konkreten Versprachlichungen nicht in die Formen der Standard- oder Schriftsprache transformiert werden, dass also umgangssprachliche Ausdrücke wie z.B. „haste“ anstatt „hast du“ oder dialektische Ausdrücke und Färbungen wiedergegeben werden. Das ist nicht einfach und mit zusätzlichem Zeitaufwand verbunden. Diese erste Grundregel bedeutet aber auch, dass die berühmt-berüchtigten „ähs“ und „hms“ ebenfalls verschriftet werden. Dies gilt genauso für Stottern, Poltern etc., insbesondere dann, wenn hier phänomenale Auffälligkeiten be- stehen im Vergleich zu anderen Textsequenzen: wenn also z.B. ein/e Sprecher/in sonst recht flüssig spricht und an einer Stelle auf einmal an- fängt zu Stottern und häufig „äh“ und dergleichen sagt – oder umgekehrt. Das Gleiche gilt für grammatikalisch ‚falsche‘ Konstruktionen: diese dürfen nicht korrigiert werden.

b) Verschrifte alles kleingeschrieben. Großgeschrieben werden nur die Wörter bzw. Silben, die der/die Sprecher/in betont.

Im Zusammenhang mit den prosodischen Merkmalen menschlicher Sprache wird kommunikativer Sinn neben Intonationen insbesondere über Betonungen, also Akzentuierungen konstruiert. Der sprachlich- kommunikative Sinn der semantischen Dimensionen wird durch die Akzentuierung markiert oder hervorgehoben. Betonungen sind also i.d.R. Hinweise des Sprechers bzw. der Sprecherin gegenüber seinem/ihrer Kommunikationspartner/in, welche Sinnmarkierungen für ihn/sie wichtig sind.

Insofern ist die Aufnahme von Akzentsetzungen in jedes Transkriptionssystem m.E. unerlässlich, genauso wie auch die Pausensetzung.

c) Betonungen und Pausen sind für die gesamte Transkription konstitutiv.

Mit Pausen markieren Sprecher/innen ebenfalls relevante Sinnbedeutungen: Es können bedächtige Pausen sein, verlegene Pausen, Pausen können für tiefe emotionale Bewegtheit usw. stehen. Mit Pausen sind unverzichtbar um Sinngehalt rekonstruieren zu können. Man denke nur an den Satz „Kommt Kinder wir essen Opa“. Satzzeichen wären in diesem Fall lebensrettend.

2.2  GAT: Das gesprächsanalytische Transkritionssystem

Eine Autorengruppe (Margret Selting, Peter Auer, Birgit Barden, Jörg Bergmann, Elizabeth Couper-Kuhlen, Susanne Günthner,Christoph Meier, Uta Quasthoff, Peter Schlobinski) entwickelte das GAT-System 1998 auf Grundlage verschiedener interner und externer Diskussionen und verarbeiteten dabei Vorschläge von zahlreichen Linguisten.
Da die Transkription immer von besonderern Analyseinteressen abhängt, gibt es im GAT zunächst einen Mindeststandard (Basistranskript) mit notwendigen Transkriptionszeichen, der dann noch nach speziellen Fragestellungen im Feintranskript erweitert werden kann (wie beispielsweise für die Prosodie). Das Transkriptionssystem enthält Notations-konventionen für nonverbale Kommunikation und Intonation.

Quelle: http://www.fbls.uni-hannover.de/sdls/schlobi/schrift/GAT

 

Charakteristische Merkmale des GAT (Die folgenden Regeln des GAT-Systems sind einem Papier entnommen, das unter diesem Link zu finden ist):

  • Ausbaubarkeit und Verfeinerbarkeit der Notation (”Zwiebelprinzip”)
    Ein Transkript einer bestimmten Detailliertheitsstufe soll ohne Revision der weniger differenzierten Version ausbaubar und verfeinerbar sein.
  • Lesbarkeit des Transkripts
    Die Transkription soll auch für Nicht-Linguisten lesbar sein. Für das Gesprächstranskript verbietet sich also eine Spezialdarstellungsweise wie z.B. eine phonetische Umschrift.
    Diese kann jedoch für bestimmte Zwecke ergänzt werden.
  • Ökonomie und Eindeutigkeit
    Jede darzustellende Kategorie erhält möglichst nur ein einziges, einfaches
    Transkriptionszeichen. Dieses ist eindeutig definiert.
  • Robustheit
    Das Basistranskript soll ohne Sonderzeichen auskommen, um über Texteditoren und Betriebssysteme hinweg verwendbar zu sein.
  • Ikonizität
    Transkriptionszeichen sollen nicht vollständig arbiträr sein, sondern ikonischen Prinzipien folgen.
  • Relevanz
    Es sollen die Phänomene erfaßbar und darstellbar gemacht werden, die sich entweder aufgrund bisheriger Forschung als relevant für die Interpretation und Analyse verbaler Interaktion erwiesen haben, oder die als relevant nachgewiesen werden sollen.
  • Formbezogene Parametrisierung
    Die Transkription soll die relevanten formbezogenen Einzelparameter und deren Kombination zu Merkmalsbündeln erfassen und explizieren. Dazu müssen neben interpretierenden Kommentaren wie z.B. ”erstaunt” möglichst auch die Einzelparameter, die dieser Interpretation zugrunde liegen, soweit wie möglich formbezogen und getrennt erfaßt werden, z.B. die Parameter ”lauter” und ”höher”, wenn diese die Grundlage unserer
    Interpretation bestimmter Fragen in bestimmten Sequenzpositionen als ”erstaunte Nachfragen” liefern.
  • Kompatibilität mit anderen üblichen Transkriptionssystemen
    Soweit wie möglich und nötig soll unsere Transkriptionsweise mit anderen international verbreiteten Transkriptionsweisen (etwa denen der ”conversation analysis”) kompatibel sein.

 

Zusammenstellung der GAT-Transkriptionskonventionen (Basistranskript)

Verlaufsstruktur
[   ]
[   ]
Überlappungen und Simultansprechen
 = schneller, unmittelbarer Anschluss neuer Einheiten
Pausen
(.) Mikropause
(-), (–), (—-) kurze, mittlere, längere Pause
(2.0) geschätzte Pause
(bei mehr als 1 Sek. Dauer)
(2.85) gemessene Pause
Sonstige segmentale Merkmale
und=äh Verschleifungen innerhalb einer Einheit
: Dehnung (Mehrfache Aufführung je nach Dauer möglich)
äh, öh, etc. Verzögerungssignale
Abbruch
Rezeptionssignale
hm, ja, nein, nee einsilbige Signale
hm=hm, ja=a zweisilbige Signale
hm’hm‘ Signale mit Glottalverschlüssen (meistens verneinend)
Akzentuierung
akZENT Primär- bzw. Hauptakzent
ak!ZENT! extra starker Akzent
Tonhöhenbewegungen
? hoch steigend
, mittel steigend
gleichbleibend
; mittel fallend
. tief fallend
Sonstige Konventionen
((hustet)) parasprachliche Handlungen und Ereignisse
<      > sprachbegleitende Handlungen und Ereignisse
<      > interpretierende Kommentare
(       ) unverständliche Passage je nach Länge
(solche) vermuteter Wortlaut
al(s)o vermuteter Laut / Silbe
(solche / welche) mögliche Alternativen
((…)) Auslassung im Transkript
–> Verweis auf im Text behandelte Transkriptzeile
Lachen
so(h)o Lachpartikeln beim Reden
haha hehe hihi silbisches Lachen
((lacht laut)) Beschreibung des Lachens

Aus Gründen des Datenschutzes sollten auf dem zu archivierenden Material keine Namen des Interviewten sein. Reale Namen auf dem Archivmaterial werden durch Code-Namen ersetzt.

Wegen Korrekturmöglichkeiten ist für die Erstellung des Transkripts die Verwendung eines Textverarbeitungsprogramms zu empfehlen. Für jedes zu transkribierende Dokument sollte im Rahmen des Textverarbeitungsprogramms (z.B. MS-Word) eine separate Datei angelegt werden. Das jeweilige Transkript besteht im Optimalfall erstens aus den verschriftlichten Gesprächsteilen und zweitens, aus dem ausgefüllten Postskript; das wie folgt aussehen könnte:

Empfohlener Link: 

 

Artikel verfasst von Alexander Linden (2007)