Da qualitative Forschung nicht prinzipiell darauf abzielt, verallgemeinerbare Aussagen über die untersuchten Personen hinaus zu treffen, sondern vielmehr das Ziel hat, komplexe Lebenswelten und Fragestellungen der Interaktion angemessen zu untersuchen und zu beschreiben, muss auch bei der Wahl der Stichprobe nicht unbedingt versucht werden, Repräsentativität für eine Grundgesamtheit zu erreichen (1) . Ziel des Stichprobensamplings sollte es vielmehr sein, eine möglichst heterogene, in den relevanten Merkmalen maximal kontrastierte und somit informative Gruppe von Personen für die Untersuchung zu gewinnen (Prinzip der Varianzmaximierung: Patton, 2002). Dadurch soll die Wahrscheinlichkeit, für die Untersuchung bedeutsame Informationen nicht erheben zu können, minimiert werden (Reinders, 2005, S. 134 ff.). Hierfür stehen dem qualitativen Forscher verschiedene Methoden der Stichprobengewinnung zur Verfügung.

Zentral für die Frage nach der richtigen Auswahlmethode ist das Verständnis für den Erkenntniszweck eines Forschungsunterfangens (Byrne, 2001). Vor der Untersuchung sollte festgelegt werden, wofür ein untersuchter Fall typisch sein soll. Fehlt diese Bestimmung des Rahmens bei der Untersuchung eines bestimmten Falls, „folgt daraus, dass der Fall nur noch als Fall untersucht wird und jegliche Form der Generalisierung auf andere Fälle nicht möglich ist“ (Merkens, 1997, S. 98).

Wie bei anderer Forschung auch, sollte der Weg zur Gewinnung der Stichprobe genau dokumentiert werden. Allgemein lassen sich Sampling-Techniken in der qualitativen Forschung in deduktive und induktive Verfahren unterteilen (Reinders, 2005, S. 136 ff.).

Überblick über den Beitrag:

Deduktive Stichprobenziehung (Inspektion)
Induktive Stichprobenziehung – Theoretical Sampling
Mögliche Samplingtechniken und was man beachten sollt

1 Deduktive Stichprobenziehung (Inspektion)

Bei dieser Form der Stichprobenziehung sind bereits Kenntnisse über Personen, die potentiell Informationen zur Fragestellung liefern könnten, vorhanden. Die Auswahl der Befragten wird aus dem theoretischen Vorwissen deduziert. So können gezielt die Personen ausgewählt werden, die dem Stichprobenplan optimal entsprechen und dem Prinzip der Varianzmaximierung am ehesten genügen. Aus diesem Vorgehen ergeben sich jedoch zwei bedeutende Nachteile. Erstens ist die Zusammenstellung der Stichprobe stark vom theoretischen Vorwissen abhängig. Werden aufgrund einer zu frühen Festlegung jedoch weitere relevante Kriterien übersehen, so kann ein maximaler Rahmen möglicher Informationen nicht erreicht werden. Zweitens tritt häufig ein Konflikt zwischen den Kriterien der Vollständigkeit und der Ökonomie auf. Je mehr relevante Kriterien für die Auswahl der Stichprobe aus dem Vorwissen abgeleitet werden, desto mehr steigt auch die Anzahl der zu untersuchenden Personen (Reinders, 2005, S. 136. f.; Merkens, 1997, S. 98).

2 Induktive Stichprobenziehung – Theoretical Sampling

Diese Form des Samplings wird vor allem im Rahmen der Grounded Theory (Glaser & Strauss, 1967) verwendet. Hier ist zu Beginn der Untersuchung noch nicht festgelegt, welche Personen relevante Informationen liefern können. Es wird mit der Befragung einer mehr oder weniger willkürlich ausgewählten Person begonnen und aus den Ergebnissen ermittelt, welche anderen Personen weitere Informationen zur Verfügung stellen könnten. Die bereits erhaltenen Informationen werden zu theoretischen Annahmen verdichtet und daraus Hypothesen für die Forschung generiert. Auf Basis dieser Hypothesen wird entschieden, welche weiteren Personen für die Untersuchung relevant sein könnten und in die Stichprobe einbezogen werden sollten. So kann gleichzeitig nach Fällen gesucht werden, welche die vorläufigen Forschungshypothesen bestätigen, und nach Fällen, die das Spektrum bisher vorhandener Informationen erweitern (Prinzip der Varianzmaximierung). Beim theoretical sampling kommt also ein zirkuläres Anwenden induktiver und deduktiver Prozesse zum Einsatz. Diese Vorgehensweise genügt in besonderem Maße dem Prinzip der Offenheit qualitativer Forschung, birgt jedoch die Gefahr einer selektiven Auswahl weiterer zu untersuchender Fälle (Reinders, 2005, S. 137 ff.).

3 Mögliche Samplingtechniken und was man beachten sollte

  • Sampling durch Gatekeeper:
    Bei der Stichprobenziehung durch so genannte Gatekeeper wird das Expertenwissen von in einem sozialen Feld tätigen Personen (beispielsweise eine Streetworkerin, die mit einer bestimmten Gruppe von Jugendlichen arbeitet) genutzt. Diese können zum einen helfen, einen Überblick über ein bestimmtes zu untersuchendes Feld zu gewinnen, und zum anderen konkrete Personen nennen, die untersucht werden könnten. Hierbei entsteht jedoch die Gefahr, dass die Auswahlkriterien der Gatekeeper selektiv sind und nicht so ohne weiteres durch den Untersucher hinterfragt werden können (Reinders, 2005, S. 139 ff.; Merkens, 1997, S. 101 f.).
  • Sampling durch Selbstaktivierung:
    Diese Form des Samplings wird auch als sekundäre Selektion bezeichnet. Die Fälle werden nicht vorab von den Forschenden ausgewählt (primäre Selektion), sondern die Auswahl hängt von der Bereitschaft zur Teilnahme der zu Untersuchenden ab. Sie werden beispielsweise durch Flyer oder Aushänge angeworben, (unter Umständen gezielt an Orten platziert, wo möglichst viele Personen aus einer bestimmten Zielgruppe erreicht werden können, oft verbunden mit einem finanziellen Anreiz). Der Vorteil dieser Methode liegt in der gesicherten Freiwilligkeit der Teilnahme. Diese führt in der Regel zu einer höheren Motivation. Aus der Selbstaktivierung ergeben sich jedoch automatisch Selektionsprozesse (Reinders, 2005, S. 141 f.).
  • Das Schneeballprinzip:
    Beim Sampling nach dem Schneeballprinzip werden erste befragte Personen nach weiteren möglichen Interviewpartnern gefragt. Dieses Vorgehen orientiert sich nicht am Prinzip der Varianzmaximierung, sondern an Strukturen des untersuchten Feldes (beispielsweise ein Netzwerk von Jugendlichen). Durch diese Technik können ohne großen Aufwand Stichproben zusammengestellt und erschöpfende, multiperspektivische Informationen zu einem Sachverhalt gewonnen werden. Es besteht jedoch die Gefahr, dass diese Informationen eine starke Homogenität aufweisen und somit weitere relevante Informationen nicht erfasst werden. Zudem ist zu erwarten, dass die Befragten sich untereinander über die Untersuchung informieren und dadurch die Varianz weiter einengen (Reinders, 2005, S. 141 f.; Merkens, 1997, S. 102).

Zusätzlich: Profil-Sampling:
Bei dieser Samplingtechnik werden die untersuchten Personen anhand bereits gewonnener Daten (beispielsweise aus einer vorangegangenen quantitativen Untersuchung oder aus einer Gruppendiskussion) ausgewählt. Aus den vorhandenen Daten werden Profile bezüglich für die Untersuchung relevanter Merkmale erstellt. Durch Auswahl maximal kontrastierter Profile kann eine starke Heterogenität an Informationen erreicht werden. Die Daten aus der qualitativen und der quantitativen Untersuchung können in Verbindung gebracht und Hypothesen abgeglichen werden (Datentriangulation). Das Profil-Sampling ist jedoch abhängig von Quantität und Qualität der erhobenen Profile (Reinders, 2005, S. 143 f.) (2).

Wer untersucht werden sollte und wer nicht

Morse (1994, nach Merkens 1997, S. 101) nennt als Merkmale guter Informanten:

  • Verfügen über Wissen, deren die Forscher bedürfen
  • Fähigkeit zu reflektieren
  • Zeit, untersucht zu werden
  • Bereitschaft, an der Untersuchung teilzunehmen

Nach Reinders (2005, S. 146 f.) sollten folgende Personen nicht in eine Untersuchung aufgenommen werden:

  • Personen, die keine relevanten Informationen besitzen
  • Nicht freiwillig Teilnehmende
  • Freunde, Bekannte und Verwandte der Forschenden (außer zu Testzwecken im Vorfeld)

Umfang der Stichprobe

Die Anzahl der untersuchten Fälle variiert stark mit der Methode, die zur Auswertung der Daten verwendet werden soll (3). Der Umfang der Stichprobe sollte jedoch so gewählt werden, dass eine möglichst große Varianz bezüglich der relevanten Merkmale erreicht wird. Zentral ist hier das Konzept der theoretischen Sättigung (Glaser & Strauss, 1967): Der untersuchte Gegenstandsbereich soll so weit erschlossen werden, dass (auch durch neue Daten) keine neuen Erkenntnisse mehr erwartet werden können. „An appropriate sample size for a qualitative study is one that adequately answers the research question” (Marshall, 1996, S.523). Die Planung und Erhebung sollte maximal ein Drittel der Zeit, die für eine Untersuchung zur Verfügung steht, beanspruchen.

 

(1) Marshall (1996) führt mehrere plausible Gründe an, warum das Ziehen von Zufallsstichproben in den meisten Fällen keine geeignete Samplingmethode für qualitative Untersuchungen darstellt.

(2) Patton (2002, Part 2, S. 207 ff.) gibt einen Überblick über weitere Methoden zur Stichprobengewinnung in der qualitativen Forschung

(3) Einen guten Überblick über Methoden und Verfahren in der qualitativen Forschung geben bspw. Flick et al. (2005) sowie Friebertshäuser und Prengel (1997)

 

Literatur:

  • Byrne, M. M. (2001). Sampling for qualitative research. AORN Journal, 73 (2), 494-498.
  • Glaser, B. G. & Strauss, A. L. (1967). The discovery of grounded theory. Chicago: Aldine.
  • Marshall, M. N. (1996). Sampling for qualitative research. Family Practice, 13, 522-525.
  • Merkens, H. (1997). Stichproben bei qualitativen Studien. In B. Friebertshäuser & A. Prengel (Hrsg.), Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft (S. 97-106). Weinheim, München: Juventa.
  • Patton, M. Q. (2002). Qualitative research and evaluation methods. Thousand Oaks, CA: Sage.
  • Reinders, H. (2005). Qualitative Interviews mit Jugendlichen führen. Ein Leitfaden. München: Oldenbourg.

 

Weiterführende Literatur:

  • Flick, U., von Kardorff, E. & Steinke, I. (Hrsg.) (2005). Qualitative Forschung: Ein Handbuch. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.
  • Friebertshäuser B. & Prengel A. (Hrsg.) (1997). Handbuch Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Weinheim, München: Juventa.

Englischsprachige Literatur:


 

Artikel verfasst von Marco Petrucci und Markus Wirtz (2007)