Man muss sich klarmachen, dass telefonische Interviews in der qualitativen Sozialforschung aus guten Gründen wenig verbreitet sind und in den meisten Fällen eher eine Notlösung darstellen. Deshalb werden sie auch in der Methodenliteratur selten behandelt. In qualitativen Interviews möchte man eine möglichst alltägliche und ungezwungene Gesprächssituation herstellen. Das gelingt am besten in einer direkten Begegnung von Angesicht zu Angesicht. Man kann unmittelbarer auf das Gegenüber reagieren, weil man auch die nonverbalen Elemente der Kommunikation wahrnimmt. (Für eine ausführlichere Diskussion der methodischen Vor- und Nachteile von qualitativen Telefoninterviews siehe Niederberger & Ruddat, 2012.)

Bei der Durchführung von qualitativen Interviews am Telefon gelten grundsätzlich dieselben Verhaltensregeln wie in einer face-to-face Situation. Sie können also die entsprechenden Hinweise aus der Methodenliteratur grösstenteils übernehmen. Darüber gilt es aber ein paar Dinge zu beachten. Dies betrifft einmal die technische Seite (Aufnahme), zum anderen die sozial-kommunikativen Besonderheiten eines Interviews am Telefon.

Aufzeichnung von Telefoninterviews

Bei der Aufzeichnung von Interviews per Telefon/Skype etc. stehen zwei wichtige Ziele im Zentrum:

  1. Sie brauchen eine möglichst gute Aufnahmequalität, sonst wird die spätere Transkription des Gesprächs extrem zeitaufwändig. Jede Minute, die Sie vorab in eine Verbesserung der Tonqualität investieren, sparen Sie später bei der Transkription mehrfach wieder ein.
  2. Die Technik soll während des Gesprächs möglichst wenig stören. Deshalb muss sie für Sie und Ihre Interviewpartner_innen einfach, zuverlässig und möglichst vertraut sein.

Allgemeine Tipps:

  •  Testen Sie Ihre Technik gründlich! Wenn ein tolles Interview nachher nicht verwendbar ist, ist das sehr schade.
  • Ihr Gegenüber sollte möglichst ein Headset benutzen oder das Smartphone direkt am Ohr haben. Die Tonqualität bei dem eingebauten Mikro des Computers oder bei einem auf Lautsprecher gestellten Smartphone ist meist sehr schlecht.
  • Sie selbst und Ihr Gegenüber sollten sich in einem ruhigen Raum ohne Nebengeräusche befinden, mit geschlossenen Fenstern.

Möglichkeiten zur Aufzeichnung:

Aufnahme direkt auf dem Smartphone

Die Aufnahme von Telefonaten auf dem Smartphone ist schwieriger als man denken könnte. Aufgrund der rechtlichen Probleme (Aufnahmen ohne Wissens des Gegenübers sind strafbar) wurden die technischen Möglichkeiten sehr eingeschränkt. Die verfügbaren Apps zur Aufnahme von Telefonaten funktionieren oft schlecht. Lesen Sie die Bewertungen, gerade auch die neuen. Manche Apps, die früher funktionierten, gehen heute nicht mehr. Viele funktionieren nur auf manchen Geräten, auf anderen nicht oder eingeschränkt.

App-Empfehlungen:

Android: Cube ACR (im Playstore, die kostenlose Version ist ausreichend)
Die Tonqualität ist akzeptabel, die Aufnahmen lassen sich aus der App über die Funktion „Teilen“ per Bluetooth oder Email an den Computer senden. Das Dateiformat ist AMR. Dieses gehört zwar nicht zu den offiziell unterstützen Formaten der von uns empfohlenen Transkriptionssoftware EasyTranscript, die Dateien ließen sich aber auf meinem Windows 10 PC trotzdem damit abspielen.

iPhone: Ohne Jailbreak gibt es im Moment offenbar keine kostenlosen Möglichkeiten. Es wird der kostenpflichtige Dienst TapeACall empfohlen: https://www.heise.de/mac-and-i/tipps/iPhone-Telefonate-aufnehmen-3840291.html
Aufnahme über den Lautsprecher des Smartphones

Vorgehen: Das eigene Smartphone wird auf Lautsprecher gestellt, der Ton mit einem Mikrofon auf dem Computer oder einem zweiten Smartphone aufgenommen. Wichtig ist eine sehr ruhige Umgebung ohne Nebengeräusche und die Platzierung des Aufnahmemikros möglichst nah am Lautsprecher.

Skype und andere Onlinedienste

Skype bietet eine eingebaute Aufnahmefunktion: https://support.skype.com/de/faq/FA12395/wie-zeichne-ich-skype-anrufe-auf. Die Tonqualität der Aufnahmen ist recht durchwachsen. Wenn die Internetverbindung gut ist und immer nur eine Person spricht, geht es. Sobald aber beide Seiten gleichzeitig reden oder Nebengeräusche von Ihrem Mikro übertragen werden, wird Ihr Gegenüber unverständlich. Die Nutzung über mobiles Internet ist nicht zu empfehlen. Sowohl Sie als auch Ihr Gegenüber sollte ein stabiles WLAN haben (oder noch besser: eine LAN-Verbindung per Kabel).

Cleanfeed (https://cleanfeed.net): Die kostenlose Online-App kommt aus der Podcast-Szene und ermöglicht hochwertige Aufnahmen direkt aus dem Browser. Sie schicken Ihrem Gegenüber einen Link, mit dem sie oder er teilnehmen kann. Einschränkung: Beide Seiten sollten den Google Chrome Browser verwenden – Sie selbst auf einem PC oder Mac, Ihr Gegenüber kann auch Chrome für iOS oder Android verwenden. Anleitung/Demo: https://www.youtube.com/watch?v=5zA_cd1P-Lw

Zencastr (https://zencastr.com/): Ähnlich wie Cleanfeed, ebenfalls kostenlos, keine bekannten Browsereinschränkungen. Allerdings berichten recht viele Nutzer_innen, dass längere Aufnahmen gegen Ende nicht mehr ganz synchron sind, dass also die Tonspuren Ihrer eigenen Stimme und die Ihres Gegenübers leicht auseinanderdriften können.

Vorbereitung und Durchführung von Telefoninterviews

Wenn Sie einen Termin für Ihr Telefoninterview ausmachen, bitten Sie die befragte Person,

  • sich ausreichend Zeit zu nehmen,
  • sich an einen ruhigen, ungestörten Ort zurückzuziehen – idealerweise zuhause in einem separaten Raum bei geschlossenen Fenstern,
  • der Aufnahme des Gesprächs zuzustimmen.
  • Besprechen Sie auch vorab die technischen Voraussetzungen – siehe dazu oben.

Zu Beginn des Gesprächs:

  • Halten Sie Papier, Stift und Leitfaden bereit.
  • Erinnern Sie nochmals daran, dass das Gespräch aufgezeichnet wird.
  • Es macht Sinn, die Aufnahme zu testen: Nehmen Sie eine kurze Sequenz auf und kontrollieren Sie, ob alles in Ordnung ist. Vergessen Sie nicht, die Aufnahme danach wieder zu starten!
  • Ein wenig Smalltalk vorab ist gut, um warm zu werden. Sie können dies bereits aufnehmen, müssen es aber später nicht transkribieren (es sei denn, es gibt interessante Inhalte zu Ihrem Thema).

Während des Gesprächs:

  • Wie in allen qualitativen Interviewsituationen gilt: Halten Sie sich selbst zurück, lassen Sie Ihr Gegenüber ausführlich erzählen. Wenn mal eine kurze Pause entsteht, ist das auch kein Problem; vielleicht denkt Ihr Gegenüber nur nach. Werden Sie nicht ungeduldig.
  • Wenn Ihnen eine gute Anschlussfrage in den Sinn kommt, machen Sie sich eine kurze Notiz. Unterbrechen Sie Ihr Gegenüber möglichst nicht. Bereits erledigte Themen/Fragen können Sie auf Ihrem Leitfaden durchstreichen.
  • Bestätigungsformeln wie „Hmm“ lassen die interviewte Person wissen, dass Sie noch da sind und aufmerksam zuhören. Das ist gut, er oder sie kann Sie ja nicht sehen. Allerdings kann es hier je nach Aufnahmemethode ein Problem geben: Insbesondere bei Skype wird Ihr Gegenüber weitgehend unverständlich, sobald von Ihrer Seite Töne übertragen werden. Andere Aufnahmemethoden sollten da unempfindlicher sein (vorher testen).

 Am Ende des Gesprächs:

  • Hier gibt es wenig Spezielles zu beachten, es gelten die allgemeinen Regeln:
    > Stellen Sie eine offene Abschlussfrage (z.B.: „Gibt es von deiner/ihrer Seite noch etwas zum Thema, das wir bisher noch nicht besprochen haben?“).
    > Danach sollten Sie noch Ihren Kurzfragebogen mit den soziodemographischen Angaben zur Person gemeinsam ausfüllen (oder Sie senden den Fragebogen schriftlich per Email).
    > Nachdem Sie das Telefonat beendet haben, kontrollieren und sichern Sie Ihre Aufnahme.

Literatur

Marlen Niederberger & Michael Ruddat. (2012). „Let’s talk about sex!“ Über die Eignung von Telefoninterviews in der qualitativen Sozialforschung. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research 13 (3). http://​nbn-resolving.de​/​urn:​nbn:​de:​0114-​fqs120329. Zugegriffen: 18. März 2020.

Artikel verfasst von Kai Dröge (2020)

Zitation:

Dröge, Kai (2020). Qualitative Interviews am Telefon oder online durchführen. QUASUS. Qualitatives Methodenportal zur Qualitativen Sozial-, Unterrichts- und Schulforschung. URL (https://quasus.ph-freiburg.de/qualitative-interviews-am-telefon-oder-online-durchfuehren/)