1. Entwicklung der Interviewformen

Die Entstehungsgeschichte des narrativen Interviews ist zu Beginn siebziger Jahre des 20. Jh. und noch unter dem Eindruck des Positivismusstreits in der deutschen Soziologie verortet. Im Vordergrund stand dabei die Unzufriedenheit mit fehlenden Übersetzungsregeln in der Beziehung von empirischer Forschung und Theoriebildung und die kritische Auseinandersetzung mit der fehlenden methodischen Kontrolle und der von den betroffenen Informanten so erlebten Fremdheit standardisierter Interviews (vgl. Riemann 2003). Vor diesem Hintergrund bestand Interesse an der Entwicklung von Datenerhebungsformen, in denen die unkontrollierbare, irritierende und für die Datenanalyse problematische Mischung verschiedener Kommunikationsschemata (Erzählung, Beschreibung, Argumentation) vermieden wurde und in denen Informanten ihre alltäglichen kommunikativen Fertigkeiten ungehindert entfalten konnten (vgl. Kallmeyer/Schütze 1997). Durch die Entwicklung narrativer Interviews gelang es unabhängig von einander entwickelte interpretative Forschungstraditionen zusammenzuführen: insbesondere den symbolischen Interaktionismus und die ethnomethodologische Konversationsanalyse. Während interaktionistische Feldforschung an den Erfahrungen von Gesellschaftsmitgliedern in einem bestimmten Untersuchungsfeld interessiert blieben – daran , was sie zu erzählen hatten – , richtete sich das Interesse ebenso auf formale Merkmale ihrer Erzählung, also darauf, wie sie ihre Geschichte erzählten (Schütze 1976). Die Vorstellung, die sich als realistische erwies, war die, dass man a) durch die systematische Fokussierung auf das Wie zu einem vertieften Verständnis des Was gelangen konnte: also der langfristigen Erfahrungen der Erzählenden und der von ihnen erlebten sozialen Prozesse, und dass man b) dadurch sein eigenes Analyseverständnis explizieren und intersubjektiv kontrollierbar machen konnte (vgl. Cicourel 1964).

2. Struktur narrativer Interviews

Das narrative Interview gliedert sich im wesentlichen in drei Teile: Die vom Interviewenden nicht unterbrochene Anfangserzählung, den auf die Erzählkoda folgenden narrativen Nachfragen und den anschließenden beschreibenden und theoretisch-argumentativen Fragen, die auf die Eigentheorien des Erzählers zielen. Das Handeln des Interviewenden lässt sich an dieser Phaseneinteilung ebenfalls ablesen: Zunächst sollte der Interviewende den in Gang geratenen Erzählfluss nicht durch Fragen unterbrechen um die Entwicklung und Entfaltung subjektiver Sinnstrukturen zu unterstützen – lediglich auf den roten Faden der Erzählung kann der Interviewer zurückführen, um beispielsweise die Vergleichbarkeit mit anderen Interviews zu gewährleisten. Nach der Berichtskoda besteht für den Interviewer die Möglichkeit, unklar gebliebene Aspekte der Erzählung durch Nachfragen aufzuklären und einzelne Punkte differenzierend herausarbeiten zu lassen. Am Schluss des Interviewprozesses stehen dann Fragen, die weniger auf die Erzählung an sich als vielmehr auf die Metaebene des Berichtes abzielen und nach Gründen suchen.

3. Zur spezifischen Perspektive der Interviewform

Voraussetzung für ein narratives Interview ist eine ausreichende Vertrauensgrundlage zwischen Forschenden und Informanten, dazu ist eine partielle narrative Selbstpräsentation des Forschenden, die Einstimmung in das Handlungsschema des Interviews und die Zusicherung von Vertraulichkeit notwendig. Eine eindeutig narrative Ausgangsfrage wird dann formuliert, um eine Stegreiferzählung über eigene Erfahrungen zu generieren, d.h. eine Ausgangsfrage, die die problematische Vermischung unterschiedlicher Kommunikationsschemata – insbesondere Erzählung und Argumentation – vermeidet. Das Verfahren des narrativen Interviews kann dann sinnvoll herangezogen werden, wenn der Forschungsgegenstand einen erzählenden Bericht ermöglicht und nahe legt – und man als Forschender Interviewpartner ausfindig machen kann, die eine solche Geschichte darbieten können. Sollten jedoch die beschriebenen Voraussetzungen erfüllt sein, macht es das narrative Interview möglich, tiefere Schichten der subjektiven Sinnkonstruktion für das Forschungsvorgehen zu erschließen, als es mit einem leitfadenartigen Erfragen je realisierbar wäre.

Literatur: 

  • Riemann, G. (2003). Narratives Interview. In: R. Bohnsack; W. Marotzki & M. Meuser (Hrsg.), Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Ein Wörterbuch. Opladen: Leske+Budrich.
  • Lucius-Hoene, G. & Deppermann, A. (2002). Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews. Opladen: Leske+Budrich.

Artikel verfasst von Regine Langenbacher-König (2004), Weiterentwicklung Debora Niermann (2013)