Für das konkrete Vorgehen bei der Textanalyse können hier nur einige Hinweise gegeben werden. Eine ausgezeichnete und praxisnahe Anleitung zur Analyse narrativer Interviews, die auch diesem Text zugrunde liegt, ist nachzulesen bei Lucius-Hoene & Deppermann (2002). Viele der dort beschriebenen Arbeitsschritte sind aber nicht nur beim narrativen Interview, sondern auch bei anderen Interviewformen und Texten sinnvoll einzusetzen.
Das narrative Interview, in dem eine autobiografische Gesamterzählung entfaltet wird, aber auch andere Formen der Datenerhebung müssen als Ganzes betrachtet und in ihrem Gesamtkontext gesehen werden. Deshalb sind bei der Auswertung zwei Ebenen zu untersscheiden:

1. Die Makrostruktur
Zunächst wird eine grobe Gliederung des Textes vorgenommen und dieser in Segmente (zeitliche, thematische pragmatische Grenzziehungen) aufgeteilt. Der Gesamttext wird untersucht in Hinsicht auf (a) den Umgang mit der Zeit: Wird aus der Erlebnissituation oder aus der Retrospektive erzählt?, (b) auf den Umgang mit dem Thema: Was wird als berichtenswert erachtet? Welche Darstellungsmuster sind erkennbar? (c) sowie auf die Wahl der Erzählerperspektive: Welche Haltung nimmt der Erzähler zur erzählten Geschichte und zu seiner eigenen Person ein?
Ebenfalls auf der Makroebene wird untersucht, welche Textsorten verwendet werden Dabei wird unterschieden zwischen Erzählen, Beschreiben, Argumentieren.

(a) Erzählen: Darunter wird das szenisch-episodische Erzählen im engeren Sinn gefasst, aber auch die zusammenfassend-berichtende Darstellung aus der Retrospektive und die chronikartige Aufzählung von Ereignissen.

(b) Beschreiben: Darunter wird eine zeitunabhängige Merkmalszuschreibung zu Objekten verstanden, mit deren Hilfe die Welt des Erzählers konstruiert und ausgestaltet wird. Auch während des Erzählens wird häufig beschrieben. Um eine unabhängige Textsorte handelt es sich dann, wenn in einer längeren Passage der temporale Zusammenhang keine Rolle mehr spielt und ganze Gegenstandsbereiche, Lebensphasen, Milieus oder Lebensstile charakterisiert werden.

(c) Argumentieren: Hierbei bemüht sich der Sprecher, seinen Standpunkt für die Zuhörerin akzeptabel zu machen. Das, was strittig sein könnte, wird näher ausgeführt. Positionen realer oder vermuteter Widersacher werden angegriffen, eigene Positionen werden verteidigt. Häufig verläuft das Argumentieren, indem Pro-Argumente vorgebracht, Contra-Argumente widerlegt werden und dann eine Konklusion gezogen wird.

2. Mikrostruktur
Bei der Betrachtung der Mikrostruktur geht es um die feinanalytische Auswertung ausgewählter Textpassagen. Das können Interviewausschnitte sein, oder Passagen aus einer Gruppendiskussion, eines Unterrichtsgesprächs oder aus schriftlichen Quellen. Beim konkreten Vorgehen ist dabei zwischen Heuristiken, die an diese Abschnitte angelegt werden, und der Analyse von Positionierungen zu unterscheiden.

(a) Heuristiken: Bei dieser Suchstrategie werden Fragen an das Material gestellt: Was wird dargestellt? Der Inhalt des Materials wird rekonstruiert, Mehrdeutiges wird entdeckt, Bezüge werden deutlich. Wie wird dargestellt? Die Gestaltungsmittel, die der Sprecher verwendet, werden herausgearbeitet. Wozu wird das jetzt so dargestellt? Dabei wird untersucht, warum dieser Inhalt und nicht ein anderer dargestellt wird, warum der Inhalt so und nicht anders dargestellt wird und warum der Inhalt an dieser Stelle und nicht an einer anderen dargestellt wird. Zur Beantwortung der Wozu-Fragen sind folgende Analysestrategien hilfreich: die Variationsanalyse, die Kontextanalyse, die Analyse der Folgeerwartungen und die Analyse der interaktiven Konsequenzen. Bei der Variationsanalyse werden gedankenexperimentell Alternativformulierungen eingesetzt: Wie klingt diese Äußerung, wenn ein anderer Begriff, eine andere Betonung eine andere grammatische Struktur verwendet wird? Variationen ergeben sich durch ersetzen, weglassen, umstellen und ergänzen. Bei der Kontextanalyse wird geprüft, in welchem Zusammenhang eine Äußerung steht, aber auch von welchen impliziten Voraussetzungen der Sprecher ausgeht. Die Folgeerwartungen, die der Sprecher direkt oder indirekt formuliert, sollten betrachtet und zudem die interaktiven Konsequenzen in der Interviewsituation analysiert werden.

(b) Analyse der sprachlich-kommunikativen Verfahren: Wer einen Text feinanalytisch auswerten will, sollte mit sprachlich –kommunikativen Verfahren zur Gestaltung von Kommunikation vertraut sein, um diese zu erkennen und im Sinne der Analysestrategien anwenden zu können. Welche Kategorisierungen werden vorgenommen?, welche rhetorischen Mittel werden eingesetzt (Metapher, Ironie, Extremformulierungen etc.) Welche Zeigewörter, die die raum-zeitliche Verortung des Sprechers deutlich machen, werden verwendet: Personalpronomen, Demonstrativpronomen? Wird vage und mit Andeutungen gesprochen? Welche Negationen und Konjunktionen werden verwendet?

(c) Positionierungsanalyse: Gespräche zeichnen sich auch dadurch aus, dass Gesprächspartner sich gegenseitig bestimmte Positionen und Identitäten zuweisen. Deshalb ist es besonders für die Rekonstruktion von Identitätshandlungen wichtig, diese Positionierungen zu analysieren. Sprechhandlungen beinhalten eine Botschaft, wie ich die Stellung meiner Zuhörerin in Bezug zu mir sehe. Solche Selbst- und Fremdcharakterisierungen, Rollenzuweisungen und Einordnungen in eine moralische Ordnung geschehen direkt oder indirekt. In jedem Fall enthalten sie bedeutsame Informationen über das Selbstbild des Sprechers, sowie über die Beziehung zu seinem Interaktionspartner oder auch den im Text erwähnten Personen.

Literatur:

  • Lucius-Hoene, G. & Deppermann, A. (2002). Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews. Opladen: Leske +Budrich.

 

Artikel verfasst von Hildegrd Wenzler-Cremer (2007)