Allgemeines zum Interview

Mit dem Interview werden Daten erhoben, die das Produkt verbaler Kommunikation sind, in welcher Aspekte von Wirklichkeit in der Regel nicht registriert, sondern rekonstruiert werden (vgl. Bergmann 1985). Das Interview ist typischerweise dadurch motiviert, dass einer der Beteiligten versucht, beim anderen Äußerungen über etwas hervorzulocken, das in der Interviewsituation selbst (so) nicht präsent ist; d.h. durch den anderen etwas Bestimmtes in Erfahrung zu bringen.

Das Interview ist eine Form des verbalen Kommunizierens, in welcher grundsätzlich dem Interviewten die Aufgabe zukommt, aktiv Ereignisse, Erfahrungen, Handlungen und Wissen zu rekonstruieren. Bei der Auswahl der zu Befragenden gehen die Forschenden davon aus, dass sie zum jeweiligen Forschungsinteresse in einer relevanten Beziehung stehen. Diese Feststellung gilt auch für die standardisierte Massenbefragung: Hier besteht die relevante Beziehung der ausgewählten Interviewpartner zum Forschungsthema eben in ihren repräsentativen Qualitäten in Relation zur Stichprobenkonstruktion. Diese Feststellung gilt aber natürlich vor allem für das nichtstandardisierte („qualitative“) Interview, bei dem die Interviewten eben nicht unter Aspekten statistischer Repräsentativität, sondern im Hinblick auf ihre – zunächst unterstellte, im Untersuchungsverlauf dann theoretisch begründete bzw. zu begründende – typischen Eigenschaften ausgewählt werden.

Das Interview lässt sich zunächst als zwar grundsätzlich asymmetrische Kommunikationsform bezeichnen, die aber gleichwohl immer von beiden Beteiligten gemeinsam hergestellt und unterhalten wird, weil z.B. beide nicht umhin können, während der Interviewsituation herauszufinden, was der jeweils andere „eigentlich will“.

Gegenüber standardisierten Befragungstechniken besteht das Grundprinzip nichtstandardisierter Interviewführung eben darin, so wenig direktiv wie irgend möglich zu verfahren, d. h. die Interviewten ihre eigenen Relevanzen entwickeln und formulieren zu lassen. Maßgeblich für das tatsächliche Maß an Affirmation und Direktivität ist das jeweilige Forschungsinteresse – klar muss dabei sein, dass Affirmation und Direktivität letztlich dazu beitragen, das offene Äußerungsverhalten des Interviewten einzuengen. Grundsätzlich aber ist im Design des nichtstandardisierten Interviews gerade das, was die Befragten selber als Rekonstruktionen ihrer thematisch einschlägigen Wissensbestände anbieten von besonderer Wichtigkeit. Die derart gestaltete Offenheit in der Interviewsituation bietet dem Interviewten die Möglichkeit, völlig frei antworten zu können – so werden für die Forschung Interpretationen und Sinnzusammenhänge in ihrer ursprünglichen Subjektivität offen gelegt und in der entsprechenden Situation authentisch durch den Interviewten entwickelt. Demgegenüber wird beim standardisierten Interview dem Befragten nicht nur ein externes Relevanzsystem auferlegt, darüber hinaus wird durch schematisierte Protokollierung auch ein gegenüber den fragebezogenen Gedankengängen der Interviewten künstlicher, vielfach gefilterter Text produziert.

Literatur:

  • Honer, A. (2003). Interview. In: R. Bohnsack; W. Marotzki & M. Meuser (Hrsg.), Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Ein Wörterbuch. Opladen: Leske+Budrich.

Hier kann man eine ausführliche Literaturliste zu Interviews mit Kindern von Dr. Maud Hietzge herunterladen.

Artikel verfasst von Regine Langenbacher-König (2004)

 

Zum Interview sind hier folgende Texte verfügbar:

Zu dem Interviewformen:

Zur Interviewdurchführung:

Außerdem kann man hier eine Hausarbeit von Sonja Grüttner, Barbara Egle und Lucy Urich zum Thema „Interview“ im pdf-Format downloaden.