Die Interaktionale Soziolinguistik¹ (auch Interpretative Soziolinguistik genannt) ist ein Forschungsparadigma, das versucht eine Brücke zu schlagen zwischen lokal-situierten Interaktionen und Texten und global-gesellschaftlichen Zusammenhängen (vgl. Gumperz 1999). Sie geht zurück auf die Arbeiten von John J. Gumperz (vgl. hierzu den Überblick über Gumperz‘ Forschungsarbeiten bei Knoblauch 1991: S. 450-453). Entwickelt wurde sie aus der Ethnographie der Kommunikation von Dell Hymes (1962) und John J. Gumperz (Gumperz/Hymes 1972, vgl. auch Kotthoff 1996). Die Ethnographie der Kommunikation wies korrelationistische Ansätze in der Soziolinguistik (vgl. z.B. Labov 1972) mit folgender Kritik zurück: Sprache werde in diesen Ansätzen analytisch so vom sozialen Handeln getrennt, dass „die soziale Wirklichkeit außersprachlich und […] die Sprache nicht sozial“ (Knoblauch 1991: 447) sei. Aufbauend auf dieser Kritik wollten sie zeigen, dass Sprache und ihr Gebrauch keine Funktion, sondern ein konstitutiver Teil sozialer Strukturen ist (vgl. ebd.). Unter Gumperz erweiterte sich dieser Ansatz noch mit einem stärker interaktionistisch verstandenen Begriff der Kommunikation. Gumperz versteht Kommunikation als gemeinsames, wechselseitig wirkendes Handeln (vgl. Gumperz 1982), womit dann der Fokus auf kommunikative Ereignisse zum einen und Kontexte als lokale soziale Strukturen, die durch die Kommunikation mit hervorgebracht werden, zum anderen gerichtet ist (vgl. Knoblauch 1991).

Die Interaktionale Soziolinguistik eignet sich also insbesondere zur Untersuchung von Situationen, in denen der Zusammenhang von Sprache, Gesellschaft und Kultur besonders zum Tragen kommt. Neben Gatekeeper-Situationen sind dies zumeist solche, in denen Geschlecht/gender, Klasse/Schicht und/oder Ethnie verhandelt werden. Ähnlich wie die Verstehende Soziologie (vgl. z.B. Schütz/Luckmann 1984) setzt sie gesellschaftliches Wissen um z.B. Normen und Konventionen zentral (vgl. Kotthoff 1996). Sie geht dabei methodisch zunächst ähnlich wie die ethnomethodologische Konversationsanalyse (vgl. Bergmann 1980) vor und unterzieht z.B. aufgenommene authentische Gespräche oder auch Chat-Interaktionen (vgl. hierzu z.B. Busch 2018) einer detaillierten sequenziellen Analyse, geht dabei jedoch über die Annahme hinaus, dass alles Relevante in irgendeiner Form in der Kommunikation bzw. Interaktion angezeigt würde (zur display-Konzeption der Konversationsanalyse siehe z.B. Deppermann 2000). Sie bezieht also auch ethnographisches Wissen über die Kommunikationssituationen, soziale, kulturelle und sprachliche Herkünfte und Wissen über kulturelle Normen und Konventionen mit in ihre Analyse ein (vgl. Hinnenkamp 2018).

In diesem Sinne ist der Ansatz auch offen für methodische Triangulation. Wie Hinnenkamp (2018) feststellt, kann er generell als „offenes Forschungsprogramm“ beschrieben werden, das in seiner empirischen und qualitativen Ausrichtung eklektizistisch ist (149f.). Wie man bei der Auswahl der Daten (d.h. welche authentischen Interaktionen sich für die Untersuchung eignen) und der anschließenden Datenerhebung vorgehen kann, beschreibt Gumperz selbst in seinem Aufsatz „On interactional sociolinguistic method“ (1999: 465, vgl. auch Knoblauch 1991: 458f.). Wie z.B. erhobene Gespräche dann in der Analyse interpretiert werden, wird im Folgenden an einem Beispiel aus dem DFG-Projekt „Interaktionale Soziolinguistik schulischer Sprechstunden“ verdeutlicht².

Beispiel: Lukas, 7. Klasse, Gymnasium, Elternsprechtag, L=Lehrerin, M=Mutter³

023 L:    also der lukas MACHT mir n bisschen sorgen;

024         er IS: !GA:NZ! schön verschlafen;

025         (–)

026 M:    EHRlich,=

027 L:      =m_ja_a:;

028           °hh der (.) DÖ::ST da so in seiner ecke,

029           deʔ=

030 M:      =obwohl DER so früh ins bett geht;

031            aber er BRAUCHT viel schlaf,

032            der GEHT zwische acht und halb neun ins bett;

033 L:        hm::

034             also (.) mit [verSCHLAfen

035 M:                            [vielleicht SITZT er auch falsch,

036             den MUSS man ma ganz vorsetze,

Das Beispiel entstammt einem klassischen Elternsprechtag an einem Gymnasium und es zeigt die erste Einschätzung des Schülers Hannes.

Die Lehrerin bekundet ihre Sorge, dass der Schüler sehr „verschlafen“ sei (Z. 023f.). Die Mutter reagiert mit Erstaunen (Z. 026). Nach einer Bestätigung (Z. 027) verschärft die Lehrerin ihre Einschätzung durch eine exemplarische, bildhafte Situationsbeschreibung (Z. 028). Daraufhin erklärt die Mutter (syntaktisch (Konzessivsatz) an die Äußerung der Lehrerin anschließend), dass er früh ins Bett gehe und viel Schlaf brauche (Z. 030ff.). Damit fokussiert sie eine buchstäbliche Lesart des Verbs verschlafen (dass ihr Sohn zuhause zu wenig schlafe) und verteidigt sich gegen die inferierte implizite Kritik, indem sie erklärt, dass sie ihrer Verantwortung nachkomme. Damit hat sie den Kontext so verändert, dass ihr Sohn nicht mehr (metaphorisch) als unmotiviert und langsam bewertet werden kann. Während des Versuchs der Lehrerin das Missverständnis aufzuklären (Z. 034), schreibt die Mutter (implizit) der Lehrerin die Verantwortung für die Müdigkeit ihres Sohnes zu (Z. 035f.). So schafft sie es (durch dieses (inszenierte) Missverständnis), die eher typischen Rollen im schulischen Elterngespräch regelrecht umzudrehen, sich von Verantwortung frei zu sprechen und gleichzeitig Erwartungen an das Handeln von Lehrkräften in der Schule zu formulieren. Dadurch wird eine Haltung der Mutter gegenüber der Schule emergent, die eher einer Familie aus der Mittelschicht entspricht (vgl. Lareau 2003). Durch (weitere) Vergleiche mit anderen schulischen Elterngesprächen können wir feststellen, inwiefern sich Eltern mit unterschiedlichem sozioökonomischen und kulturellen Hintergrund in den Gesprächen (sprachlich) unterschiedlich verhalten (vgl. u.a. Kotthoff 2012).

An dieser (kurzen und nicht voll erschöpften) Analyse können wir nun gut die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zur ethnomethodologisch-konversationsanalytischen Vorgehensweise beobachten. Interaktionale Soziolinguisten gehen bei der Analyse ebenfalls sequenziell vor, stellen aber andere leitende Fragen wie „Wer redet gerade mit wem (und in welcher Rolle, d.h. wie stehen die Beteiligten zueinander)?“, „Worüber reden die Beteiligten gerade? (Bewertung oder Verantwortung)“ (vgl. auch Auer 1986), die weniger auf strukturelle Phänomene des Gesprächs (z.B. die Organisation der Sprecherwechsel) abzielen. Sie beziehen wie im Beispiel ihr Wissen um Schule und schulische Verantwortlichkeiten explizit mit ein und interpretieren anhand von Vergleichen (ähnlich wie die Grounded Theory). Dabei stützen sie sich oft auch auf Analysen in Bezug auf Stil, Register oder Prosodie. So können sie analytisch eine Verbindung zwischen den soziologischen Kategorien auf der Makroebene, die sich im Sprachgebrauch einer Person widerspiegeln (können), und den lokal hergestellten Kontexten, die den Sprachgebrauch einer Person mit konstruieren, herstellen und Aussagen über das (sprachliche) Verhalten sozialer Gruppen in bestimmten Situationen treffen.

Als besondere Herausforderungen dieses empirischen Zugangs stellt sich die eklektizistische Ausrichtung dar. Die Methode schreibt schlicht keinen strikten Ablauf insgesamt oder für die einzelnen Schritte wie Datenerhebung oder –auswertung vor, sondern muss immer dem Untersuchungsgegenstand und der Forschungsfrage angepasst werden. Hierzu bedarf es fundiertes Wissen über die Methode und den Forschungsgegenstand. Gleichzeitig ermöglicht die Interaktionale Soziolinguistik Einblicke in Zusammenhänge, die anders schwer zu erreichen wären.

[1] Für kritische Kommentare und Anregungen danke ich Helga Kotthoff sowie den Verantwortlichen von QUASUS herzlich.

[2] Das Beispiel wird auch in Kotthoff/Röhrs (demn.) besprochen.

[3] Der Auschnitt ist nach dem Gesprächsanalystischem Transkriptionssystem 2 (GAT 2) transkribiert (Selting et al. 2009, s. hierzu auch die Kurzerläuterung zum Transkribieren nach GAT 2 von Hagemann und Henle (2014).

Literatur:

  • Auer, Peter (1986): Kontextualisierung. In: Studium Linguistik 19, 22-47.
  • Bergmann, Jörg (1980): Ethnomethodologische Konversationsanalyse. In: Schröder, Peter/Steger, Hugo (Hrsg.): Dialogforschung. Jahrbuch 1980 des Instituts für deutsche Sprache. Düsseldorf, 9-51.
  • Florian Busch (2018). Digitale Schreibregister von Jugendlichen Analysieren: Ein linguistisch-ethnographischer Zugang zu Praktiken des Alltagsschreibens. In: Ziegler, A. (Hrsg.), Jugendsprachen/Youth Languages: Aktuelle Perspektiven internationaler Forschung/Current Perspectives of International Research. Berlin, Boston, 829-858.
  • Deppermann, Arnulf (2000): Ethnographische Gesprächsanalyse: Zu Nutzen und Notwendigkeit von Ethnographie für die Konversationsanalyse. In: Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 1, 96-124.
  • Hagemann, Jörg/Henle, Julia (2014): Transkribieren nach GAT 2 (Minimal- und Basistranskript) – Schritt für Schritt. [https://www.ph-freiburg.de/fileadmin/dateien/mitarbeiter/hagemannfr/Transkribieren_nach_GAT_2.pdf]
  • Hinnenkamp, Volker (2018): Interaktionale Soziolinguistik. In. Liedtke, Frank/Tuchen, Astrid (Hrsg.): Handbuch Pragmatik. Stuttgart, 149-162.
  • Hymes, Dell (1962): The ethnography of speaking. In: Gladwin, T./Sturtevant, W. (Hrsg.): Anthropology and Human Behaviour. Washington.
  • Gumperz, John J. (1982): Discourse strategies. Cambridge.
  • Gumperz, John J. (1999): On interactional sociolinguistic method. In: Sarangi, Srikant/Roberts, Celia (Hrsg.): Talk, Work and Institutional Order. Berlin/New York, 453-472.
  • Gumperz, John J./Hymes, Dell (1972): Directions in Sociolinguistics. The Ethnography of Communication. New York.
  • Knoblauch, Hubert (1991): Kommunikation im Kontext: John. J. Gumperz und die Interaktionale Soziolinguistik. Zeitschrift für Soziologie, 20 (6), 446-462.
  • Kotthoff, Helga (1996): Preface to the Special Issue: Interactional Sociolinguistics. In: Folia Linguistica 30, 159-166.
  • Kotthoff, Helga (2012): Lehrer(inne)n und Eltern in Sprechstunden an Grund- und Förderschulen – Zur interaktionalen Soziolinguistik eines institutionellen Gesprächstyps. In: Gesprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion (13), 290-321.
  • Kotthoff, Helga/Röhrs, Falko (demn.): Mehr oder weniger ko-konstruierte Beratungsaktivitäten in schulischen Eltern-Lehrperson-Gesprächen. In: Heller, Vivien/Kotthoff, Helga (Hrsg.): Diskursive Passungen im schulischen Feld. Tübingen.
  • Labov, William (1972): Sociolinguistic patterns. Philadelphia.
  • Lareau, Annette (2003): Unequal childhoods. Class, race, and family life. Berkeley.
  • Schütz, Alfred/Luckmann, Thomas (1984): Strukturen der Lebenswerlt, Bd. 2. Frankfurt.
  • Selting, M. et al. (2009): Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2 (GAT 2). In: Ge-sprächsforschung – Online-Zeitschrift zur verbalen Interaktion 10, 353-402.
  • Weiterführende Literatur
  • Ergänzende Aufsätze (Auswahl):
  • Gordon, Cynthia (2011): Gumperz and Interactional Sociolinguistics. In: Wodak, Ruth/Johnstone, Barbara/Kerswill, Paul: The SAGE Handbook of Sociolinguistics. Washington, 67–84.
  • Gumperz, John J. (1986): Interactional sociolinguistics in the study of schooling. In: Cook-Gumperz, Jenny (Hrsg.): The social construction of literacy. Cambridge, 45-68.
  • Jaspers, Jürgen (2011): Interactional sociolinguistics and discourse analysis. In: Gee, James P./Handford, M. (Hrsg.): The Routledge Handbook of Discourse Analysis. London/New York, 135-146.
  • Kotthoff, Helga (2011): Sociolinguistic Potentials of Face-to-Face Interaction. In: Wodak, Ruth/Johnstone, Barbara/Kerswill, Paul: The SAGE Handbook of Sociolinguistics. Washington, 315-329.
  • Rampton, Ben (2017): Interactional Sociolinguistics. Working Papers in Urban Language and Literacies 205.
  • Beispielhafte Studien (kleine Auswahl):
  • Hinnenkamp, Volker (1989): Interaktionale Soziolinguistik und Interkulturelle Kommunikation. Gesprächsmanagement zwischen Deutschen und Türken. Tübingen.
  • Hinnenkamp, Volker (1998): Missverständnisse in Gesprächen. Eine empirische Untersuchung im Rahmen der Interpretativen Soziolinguistik. Wiesbaden.
  • Jacquemet, Marco (1996): Credibility in Court: Communicative Practices in the Camorra Trials. Cambridge.
  • Keim, Inken (2008): Die »türkischen Powergirls«: Lebenswelt und kommunikativer Stil einer Migrantinnengruppe in Mannheim. Tübingen.
  • Kotthoff, Helga/Wodak, Ruth (1997) (Hrsg.): Communicating gender in context. Amsterdam.
  • Schwitalla, Johannes (1995): Kommunikative Stilistik zweier sozialer Welten in Mannheim-Vogelstang. Kommunikation in der Stadt. Schriften des Instituts für deutsche Sprache, Bd. 4.4. Berlin.
  • Populärwissenschaftliche Literatur:
  • Tannen, Deborah (1986): That’s not What I Meant!: How Conversational Style Makes or Breaks Relationships. New York.
  • Tannen, Deborah (1990): You Just Don’t Understand: Women and Men in Conversation. New York.

Artikel verfasst von Falko Röhrs (2019)