Im quantitativen Forschungsparadigma wird aufgrund empirischer Daten eine Entscheidung darüber angestrebt, ob Ableitungen/Vorhersagen aus einer Theorie zutreffend sind (deduktiver Ansatz). Ziel ist es, durch die Überprüfungen zentraler Vorhersagen aus einem bereits vorhandenen Theoriemodell, die Gültigkeit oder den Gültigkeitsbereich der Theorie zu überprüfen. Idealerweise werden hierbei vom Untersucher Vergleichsbedingungen hergestellt (z.B. Realisation unterschiedlicher Lernbedingungen) oder nach genau definierten Merkmalen ausgewählt und es wird anschließend überprüft, welche Unterschiede in den Variablen, die durch die Untersuchungsbedingungen gezielt verändert werden sollen (z.B. Lernerfolg oder –Motivation der Lerner), für diese Vergleichsbedingungen nachweisbar sind bzw. bewirkt werden.

Charakteristisch ist hierbei, dass das Untersuchungsgeschehen nach vorher festgelegten Kriterien durch den Untersucher möglichst gut kontrolliert werden kann: Nur wenn der Untersucher die zu vergleichenden Untersuchungssituationen vollständig gestalten kann oder aber zumindest alle potentiellen Einflussgrößen kennt, können möglichst eindeutige Ursache-Wirkungsbeziehungen abgeleitet werden (interne Validität). Es wäre beispielsweise nicht zulässig, dass eine neue Lehrmethode durch besonders motivierte Lehrkräfte angeboten wird, und die Vergleichsmethode durch weniger motivierte Lehrkräfte angewandt wird. Es könnte dann nämlich nicht geklärt werden, ob nachweisbare Unterschiede durch die neue Lehrmethode oder durch die allgemein erhöhte Motivation der Lehrkräfte (Stör- oder konfundierte Variable) bedingt ist.

Neben der Kontrolle der Bedingungen unter denen die Vergleichsgruppen untersucht werden, zeichnen sich kontrollierte Studien im Allgemeinen dadurch aus, dass große Stichproben untersucht werden, die für eine bestimmte Allgemeinheit (Population) repräsentativ sind. Um gleiche Voraussetzungen für die Entstehung der Messwerte innerhalb einer Studie zu gewährleisten, sind die quantitativen Methoden meist voll standardisiert und strukturiert, d.h. die Auskünfte jedes Befragten entstehen nach möglichst exakt gleicher Instruktion und mittels derselben Frageformulierung und Antwortskalierung, um die Aussagen der Befragten untereinander vergleichbar zu machen. Bei Beobachtungsdaten verwendet jeder Beobachter das gleiche Beobachtungsschema und subjektive Interpretationen des Beobachters sollten möglichst vermieden werden.

Als Stärke des quantitativen Ansatzes kann also festgehalten werden, dass Aussagen über die Gültigkeit von Theorievorhersagen getroffen werden können. Es stehen Methoden zur Verfügung, durch die ausgeschlossen werden kann, dass die nachgewiesenen Befunde durch alternative Wirkzusammenhänge oder durch statistischen Zufall erklärt werden könnten (Kriterium der statistischen Signifikanz). Der Rezipient der Forschungsbefunde weiß, ob die aus der Theorie abgeleiteten Vorhersagen zutreffen (interne Validität/Gültigkeit), wie stark die nachweisbaren Effekte sind und für welche Personen und Situationen die nachgewiesene Wirksamkeit Gültigkeit besitzt (externe Validität/Gültigkeit).

Im qualitativen Forschungsparadigma steht nicht die Theorie am Beginn des Forschungsprozesses, sondern es wird angestrebt aufgrund empirischer Daten ein Theoriemodell zu entwickeln, das einen Themen-/Inhaltsbereich angemessen beschreibt (induktiver oder abduktiver Ansatz). Somit kommen diese Methoden vor allem dann zur Anwendung, wenn Forscher noch nicht über ein hinreichend konsistentes a priori Modell des Forschungsbereichs verfügen, sodass empirisch nachweisbare Phänomene zur Überprüfung der Modellgeltung herangezogen werden könnten. Durch die intensive Beschäftigung mit einzelnen Phänomenen oder Personen sollen individuell bedeutsame Prozesse explorativ erkundet werden. Im Verlauf des Forschungsprozesses werden dann in der Regel isolierte Wirkzusammenhänge oder Theoriefragmente identifiziert, die anschließend aufgrund gezielt ausgewählter neuer Beobachtungen (theoretical sampling) weiter differenziert oder validiert werden.

Hier werden also typischerweise bisher theoretisch wenig ausgearbeitete Bereiche erforscht: Beginnend mit mehr oder weniger präzisen Fragestellungen (z.B. Weshalb erkranken Lehrkräfte an Burn-out?) wird die Strukturierung und Modellierung des Forschungsbereichs angestrebt (Fragestellungen anstatt Annahmen). Zu diesem Zweck tritt der Forscher in den direkten Dialog mit dem zu Erforschenden: Durch Kommunikation soll dessen Sicht der Dinge nachvollziehbar werden. Nicht die Welt wie sie der Forscher konzipiert, sondern so, wie sie der Beforschte sieht, ist wesentlich zum Verständnis für dessen Handeln, Denken und Fühlen. Damit die Subjektivität des Individuums erhalten bleibt, muss hierbei die inhaltliche Ganzheit der Informationen berücksichtigt werden. Dies erfolgt vor allem, indem Beziehungen zwischen z.B. Textpassagen identifiziert werden, Textmaterial verdichtet und konzentriert wird, um anschließend latente Bedeutungsgehalte (z.B. Frustrationserleben) extrahieren zu können, die die Basis eines Theoriemodells darstellen können. Hierbei ist der direkte persönliche Kontakt wesentlicher Teil des Forschungsprozesses (anstatt standardisierter, objektiver Erhebungsbedingungen). Zentral ist hierbei, dass der Untersucher durch das Verständnis der individuellen Situation des/der Befragten das weitere Vorgehen  im Rahmen der Studie (z.B. Datenquellen und -methoden, Stichprobenmitglieder) optimal an die bereits vorhandenen Informationen und Theoriefragmente adaptiert.

Als Stärke des qualitativen Ansatzes kann formuliert werden, dass die Grundlagen einer Theorie unvoreingenommen aus der Empirie heraus entwickelt werden können. Dies wird dadurch möglich, dass man – ohne theoretische Vorannahmen – menschliches Erleben möglichst ganzheitlich und von innen heraus („subjektiv“) erfahren und verstehen möchte. Dadurch, dass man sich dabei offener, nicht standardisierter Erhebungsverfahren und interpretativer Auswertungsmethoden bedient, kann man diesem Anspruch optimal gerecht werden. Am Ende des Forschungsprozesses stehen nicht allgemein gültige, generalisierbare Aussagen, sondern eine Repräsentation, die die individuellen Situationen der untersuchten Fälle angemessen beschreibt.

Der Stellenwert qualitativer und quantitativer Forschungsmethoden im Rahmen eines umfassenden Modells empirischer Forschung

Ein Modell eines mehrphasigen Forschungsprozesses, das qualitative und quantitative Forschungsansätze integrativ berücksichtigt

Modelle der Methodenintegration nach Mayring (2001)

 

Artikel verfasst von Markus Wirtz und Marco Petrucci (2007)