Der folgende Artikel erläutert Hintergründe zur von Adele Clarke ausgearbeiteten Situationsanalyse, die sich als Grounded Theory nach dem postmodern turn bzw. der interpretativen Wende versteht. Wer sich bei der Durchführung qualitativer Sozialforschung nicht zwischen interaktions- und diskurstheoretischen Zugängen entscheiden, sondern beide verbinden möchte, findet in der Situationsanalyse ein zwar anspruchsvolles aber auch lohnenswertes Forschungsprogramm, das ähnliche Ziele verfolgt wie etwa wissenssoziologische Diskursanalysen. Im Folgenden erfahren Sie mehr über Entstehungshintergründe und praktische Vorgehensweisen von Situationsanalysen.

Schon bald nach Erscheinen der ersten Texte über den Forschungsstil der Grounded Theory in den 1960er Jahren wurde deutlich, dass Barney Glaser und Anselm Strauss in einigen wesentlichen Fragen unterschiedliche Positionen vertraten. In der Folge wurden diese nicht zuletzt auf ihre erkenntnistheoretischen Prämissen hin befragt, und dass hier Unvereinbarkeiten bestehen, gilt hierzulande inzwischen als weitreichender Konsens. So wird die in der Vergangenheit von Glaser geäußerte Idee, dass Ergebnisse, Befunde oder Theorien „wie von selbst“ aus den Daten emergieren könnten, weithin als erkenntnistheoretisch nicht haltbar verworfen (z.B. Breuer, Muckel und Dieris 2019: 54; Kelle 2011; Strübing 2011).

Für die Genealogie der Grounded Theory beginnt an dieser Stelle die Ausdifferenzierung verschiedener Versionen von Grounded Theory, welche sich bis heute fortsetzt. Die gegenwärtige nordamerikanische Debatte wird stark geprägt von einer Gruppe von Personen, die direkt mit Glaser und Strauss zusammengearbeitet, sich forschungspraktisch und theoretisch mit der Grounded Theory auseinandergesetzt und sie dabei spezifisch weiterentwickelt haben. Im September 2007 fand in Banff im kanadischen Alberta ein Symposium statt, bei dem sich Vertreterinnen dieser „2. Generation“ von Grounded Theorists trafen, um über Entwicklungen, Kontroversen und Ausprägungen von Grounded Theorizing zu diskutieren (Morse et al. 2009). Als verschiedene Varianten von US-Grounded Theory werden insbesondere unterschieden:

  • Die Glasersche, empiristisch-induktiv orientierte,
  • Die Strauss’sche, pragmatistisch-interaktionistisch ausgerichtete,
  • Die codeorientierte, die einer stärkeren Didaktisierung und Standardisierung   verpflichtet ist (Anselm Strauss und Juliet Corbin),
  • Constructivist Grounded Theory (Kathy Charmaz), die die Bedeutung von Subjektivität und Selbstreflexivität hervorhebt,
  • Situational Analysis, die unter Rückgriff auf poststrukturalistische Theorien den analytischen Fokus ausweitet auf Artefakte, Praktiken und Diskurse.

Mit Blick auf den deutschen Sprachraum ist der Ansatz der «Reflexiven Grounded Theory» zu ergänzen (Breuer, Muckel und Dieris 2019; siehe auch die Rezension von Offenberger 2020), welcher mit den beiden letztgenannten die Gemeinsamkeit teilt, dass die Bedeutung von (Selbst-)Reflexivität als entscheidendes Merkmal von Grounded-Theory-Studien hervorgehoben wird. Insgesamt gilt, dass methodologische Reflexionen über die feld- und forschungssituationsbezogene Angemessenheit von grounded-theory-orientierten Praktiken unterschiedliche Ausprägungen annehmen, so dass die Diversifizierung von Grounded Theory-Versionen nicht weiter Wunder nimmt (für weitere Einschätzungen zur Ausdifferenzierung von Grounded-Theory-Versionen vgl. z.B. Breuer et al. 2019; Morse et al. 2009; Mey und Mruck 2011).

Adele Clarkes Auseinandersetzung mit den Schriften von Anselm Strauss kommt aufgrund seines umfassenden Anspruchs einer Neuausrichtung von Grounded Theory eine besondere Bedeutung zu (für die folgenden Ausführungen vgl. auch Offenberger 2019). Ihr Entwurf der Situationsanalyse (Clarke 2005 und 2012; Clarke, Friese und Washburn 2015 und 2018) liefert nicht zuletzt einen Schlüssel für das Verständnis der Generationenfolge von US-Grounded Theorists. Clarke argumentiert in den methodologischen Schriften zur Situationsanalyse zentral wissenschafts- und theoriehistorisch, indem sie von veränderten Theoriegrundlagen für die empirische Sozialforschung ausgeht. Sie beruft sich gleichermaßen auf feministische, postkoloniale, antirassistische und andere kritische Wissenschaftsprojekte, die sie in den größeren Zusammenhang interpretativer, postmoderner und poststrukturalistischer Wenden der Sozialforschung stellt (vgl. auch Clarke, Friese und Washburn 2015). Soziale Bewegungen wie die Bürgerrechts-, die Antikriegs- und die feministische bzw. Frauenbewegung haben infolge Clarkes entscheidenden Einfluss auf Entwicklungen wie diejenigen der Cultural Studies, der kritischen Theorie und der Women/Gender Studies ausgeübt: Die politischen Anliegen der jeweiligen Bewegungen wurden dabei zum Ausgangspunkt genommen, um die eigenen Praktiken der wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion auf ihre Verstrickung in Ungleichheitsregime hin zu befragen, und normative Konzeptionen von sozialer Ungleichheit fanden Eingang in die entsprechenden Programmatiken von Sozialforschung. Der Beitrag von Sozialforschung zu mehr sozialer Gerechtigkeit ist seitdem ein wesentliches Element, mit dem (nicht nur) in den USA Forschung legitimiert wird; so lässt sich die entsprechende Emphase im Ansatz der „Constructivist Grounded Theory“ von Kathy Charmaz (2011; 2014) verstehen, und auch die Situationsanalyse verschreibt sich einer machtkritischen und emanzipatorischen Agenda.

Welche Konsequenzen für die Situationsanalyse zieht nun Clarke aus ihrem Hinweis auf die Bedeutung sozialer Ungleichheit? Die zentralen Arbeitsschritte der GTM (und Clarke schließt hierbei an Strauss und Corbin sowie an Charmaz an) werden in der Situationsanalyse um dreierlei Arten von Maps bzw. Karten ergänzt, die zusammengenommen „a relational ecology of the situation“ (Clarke, Friese und Washburn 2018, S.104) bilden und damit Folgendes bezwecken:

„The main work they do is to provide what Park (1952) called ‚the big picture‘ or ‚the big news‘ about the situation under study. They portray the assemblage of elements and the ecology of relations among them, major collective actors and fundamental issues and debates in the broad situation you have chosen to study“ (a.a.O.).

Situations-Maps und die damit verbundenen, für die empirische Analyse zentralen relationalen Maps und Memos sollen alle Elemente einer Situation und ihre Beziehung untereinander spezifizieren. Soziale-Welten-/Arenen-Maps basieren auf der von Anselm Strauss (1978) ausgearbeiteten Theorie sozialer Welten und Arenen, einer organisationstheoretischen Perspektive zur Analyse kollektiver Verpflichtungen und „going concerns“ (Hughes 1984 [1971]) verschiedener sozialer Welten, zentraler Handlungsschauplätze und den in solchen Arenen ausagierten Kontroversen und Debatten. In der dritten Kartierungstechnik, den Positions-Maps, wird die Handlungssituation nach in Diskursen zur Sprache und nicht zur Sprache gebrachten Positionen geordnet.

Derart erzeugte Situationsanalysen sind explizit darauf ausgerichtet, Analysen von Macht zu ermöglichen (Clarke 2005). Clarke verknüpft zu diesem Zweck die Theorie sozialer Welten und Arenen bzw. allgemeiner das interaktionistische Projekt mit den Arbeiten von Michel Foucault. Dabei werden der Fokus auf implizierte oder stumme AkteurInnen oder Aktanten sowie die Frage nach den „positions not taken in the data“ (Clarke, Friese und Washburn 2018, S.172), nach den Orten des Schweigens im Diskurs, zu zwei zentralen situations- und machtanalytischen Vorgehensweisen, mit denen Adele Clarke, Carrie Friese und Rachel Washburn methodisch den von ihnen aufgeführten Veränderungen der sozialwissenschaftlichen Theorielandschaft seit den 1970er Jahren gerecht zu werden versuchen. Als implizierte oder stumme AkteurInnen oder Aktanten gelten solche menschlichen oder nichtmenschlichen Bestandteile von Situationen, die nicht aktiv in Aushandlungsprozesse einbezogen, sondern zum Gegenstand von diskursiven Konstruktionen anderer AkteurInnengruppen werden (etwa in Form von Stereotypisierungen). In solche diskursiven Konstruktionen fließen die Ziele und Absichten der KonstrukteurInnen ein, die sich nicht mit den je eigenen Perspektiven der implizierten AkteurInnen decken müssen, die aber vor allem dann für Situationen verhältnismäßig bedeutsam werden können, wenn diese eigenen Perspektiven gar nicht artikuliert werden (können). Die Aufmerksamkeit darauf, wer wie spricht und wer nicht, macht die Kategorie der implizierten AkteurInnen zu einem hilfreichen Mittel – einem sensibilisierenden Konzept –, um Hierarchisierungen analytisch in den Blick zu nehmen. Denn diese etablieren sich ja häufig gerade dadurch, dass die Chance, die eigene Deutung als die richtige oder die gültige durchzusetzen, ungleich verteilt ist.

Mit der Heuristik der positions not taken in the data richtet sich die Aufmerksamkeit nicht darauf, wer (nicht) spricht, sondern darauf, was nicht gesagt wird oder nicht sagbar ist, weil die Bedingungen der Möglichkeit dazu nicht gegeben sind. Ein Beispiel hierfür sind Tabuisierungen oder der sprichwörtliche elephant in the room: Manches konstituiert sich eben dadurch, dass beharrlich darüber geschwiegen wird. Eine solche Perspektive lädt zunächst zu weiterem theoretischen Sampling ein und ermöglicht bei hinreichender theoretischer Sättigung die Analyse machtvoller Bedeutungskonstitutionen durch diskursive Ein- und Ausschlüsse (Clarke, Friese und Washburn 2018, S.172ff.). Eingelassen in die verschiedenen Kartierungsstrategien leisten die beiden Heuristiken wesentliche Beiträge, um empirische Befunde über Macht als Effekt von Praktiken des Organisierens in und durch soziale(n) Welten und Arenen zu erarbeiten, und um damit auch soziale Ungleichheitsdynamiken zum Gegenstand von Theoriebildung zu machen.

Insgesamt wird die Situationsanalyse im deutschen Sprachraum derzeit als wegweisender Beitrag diskutiert, um zwei der einflussreichsten sozialwissenschaftlichen Paradigmen miteinander zu verschränken, nämlich den amerikanischen Pragmatismus und den französischen (Post-)Strukturalismus. Der Ansatz der Situationsanalyse, Macht als einen Effekt von Praktiken des Organisierens in und durch soziale Welten in den Blick zu nehmen, weist Ähnlichkeiten zur Feldanalyse von Pierre Bourdieu auf sowie zur strukturalen Semantik von Algirdas Greimas (1971) (Diaz-Bone 2013). Nicht zu leugnen ist, dass sich Situationsanalysen nur bedingt für Neulinge in der qualitativen Forschung eignen: Das Selbstverständnis als „Theorie-Methoden-Paket“ sowie die komplexe Verschränkung interaktions- und diskursanalytischer Perspektiven erfordert Vorwissen und Erfahrung im methodenpraktischen Arbeiten sowie im Umgang mit zeitgenössischer Sozialtheorie.

Literatur:

  • Breuer, Franz; Muckel, Petra & Dieris, Barbara (2019). Reflexive Grounded Theory. Eine Einführung für die Forschungspraxis (3., vollst. überarb. Aufl.). Wiesbaden: Springer VS.
  • Charmaz, Kathy (2011). Grounded theory methods in social justice research. In Norman Denzin & Yvonna S. Lincoln (Hrsg.), Handbook of qualitative research (4. Aufl., S.359-380). Thousand Oaks, CA: Sage.
  • Charmaz, Kathy (2014). Constructing grounded theory (2. Aufl.). Los Angeles, CA: Sage.
  • Clarke, Adele E. (2005). Situational analysis. Grounded theory after the postmodern turn. London: Sage.
  • Clarke, Adele E. (2012). Situationsanalyse: Grounded Theory nach dem Postmodern Turn. Wiesbaden: Springer VS.
  • Clarke, Adele E.; Friese, Carrie & Washburn, Rachel (Hrsg.) (2015). Situational analysis in practice: Mapping research with grounded theory. Walnut Creek, CA: Left Coast Press.
  • Clarke, Adele E.; Friese, Carrie & Washburn, Rachel (2018). Situational analysis: Grounded theory after the interpretive turn (2. Aufl.). London: Sage.
  • Diaz-Bone, Rainer (2013). Review Essay: Situationsanalyse – Strauss meets Foucault?. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research, 14(1), Art. 11, http://dx.doi.org/10.17169/fqs-14.1.1928 [Zugriff: 6. Februar 2019].
    Greimas, Algirdas Julien (1971). Strukturale Semantik. Braunschweig: Vieweg.
    Hughes, Everett C. (1984 [1971]). The sociological eye: Selected papers. New Brunswick, NJ: Transaction Books.
  • Kelle, Udo (2011). „Emergence“ oder „Forcing“? Einige methodologische Überlegungen zu einem zentralen Problem der Grounded Theory. In Günter Mey & Katja Mruck (Hrsg.), Grounded Theory Reader (S.235-260). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Mey, Günter, und Mruck, Katja. 2011. Grounded-Theory-Methodology: Entwicklung, Stand, Perspektiven. In Grounded Theory Reader., Hrsg. Mey, Günter und Katja Mruck, 11–50. Wiesbaden: VS.
  • Morse, Janice M.; Noerager Stern, Phyllis; Corbin, Juliet; Bowers, Barbara; Charmaz, Kathy & Clarke, Adele E. (2009). Developing grounded theory. The second generation. Walnut Creek, CA: Left Coast Press.
  • Offenberger, Ursula (2019). Anselm Strauss, Adele Clarke und die feministische Gretchenfrage. Zum Verhältnis von Grouded-Theory-Methodologie und Situationsanaylse. /Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research/, (Art. 6).
  • Offenberger, Ursula (2020). Book Review: Franz Breuer, Petra Muckel, Barbara Dieris: „Reflexive Grounded Theory. Eine Einführung für die Forschungspraxis“. /Sozialer Sinn. Zeitschrift für hermeneutische Sozialforschung/, 309-315.
  • Strauss, Anselm L. (1978). A social world perspective. In Norman K. Denzin (Hrsg.), Studies in symbolic interaction. An annual compilation of research (S.119-128). Greenwich, CT: JAI Press.
  • Strübing, Jörg. 2011. Zwei Varianten von Grounded Theory? Zu den methodologischen und methodischen Differenzen zwischen Barney Glaser und Anselm Strauss. In Grounded Theory Reader., Hrsg. Mey, Günter und Katja Mruck, 261–278. Wiesbaden: VS.

Weiterführende Hinweise:

Artikel verfasst von Ursula Offenberger (2019)

Zitation:
Offenberger, Ursula (2019). Grounded Theory und Situationsanalyse: Die zweite Generation. QUASUS. Qualitatives Methodenportal zur Qualitativen Sozial-, Unterrichts- und Schulforschung. URL (https://quasussite.wordpress.com/grounded-theory-und-situationsanalyse-die-zweite-generation/)