Die Grounded Theory versteht sich als ein methodologisches Rahmenkonzept, dessen zentrales Anliegen es ist,  die Phasen im Forschungsprozess (Planung, Datenerhebung, Datenanalyse, Theoriebildung) nicht als getrennte Arbeitsphasen zu verstehen, die nacheinander zu durchlaufen sind. Vielmehr sollte ein ständiger Wechsel zwischen den Phasen stattfinden, zu jedem Zeitpunkt sollte gegebenenfalls zu den Daten zurückgekehrt werden, um auf diese Weise zu einer gegenstandsbegründeten Theorie zu kommen (Mey & Mruck, 2007 S. 12 ff.). Um aber in der Struktur des Internetportals von QUASUS zu bleiben,  wird im Folgenden trotzdem das spezifische Vorgehen  der Grounded Theory bei der Auswertung von Daten getrennt behandelt und hier vorgestellt.

Der permanente Vergleich ist in der Grounded Theory das zentrale Prinzip der Auswertung. Konkret heißt das, dass Phänomene, die sich in einzelnen Textstellen zeigen,  mit einem Kode gekennzeichnet werden und dann gezielt nach anderen Textstellen gesucht wird, die ähnliche oder kontrastierende Phänomene aufweisen.

„Durch diese Zuweisung werden  Daten  zu „Indikatoren“ für ein dahinter liegendes Konzept, das durch den Kode bezeichnet werden soll. Im Zuge der weiteren Kodierarbeit und durch weitere Vergleiche sollen Kodes dann zu theoretisch relevanten Konzepten verdichtet werden, die ihrerseits im Zuge des Kodierens zu Kategorien werden (können), wobei am Ende der Kodierschritte eine Kernkategorie herausgebildet wird, die in zu definierenden Beziehungen zu allen anderen herausgearbeiteten Kategorien steht.“ (Mey und Mruck, 2007, S. 25).

Hierbei spricht man vom Konzept-Indikator-Modell, das  auf dem Induktionsprinzip basiert (methodenkritische Anmerkungen dazu sind zu finden bei Kelle, 1997 S. 318).

Die Begründer der Grounded Theory, Glaser und Strauss, sind  mehr und mehr getrennte Wege gegangen und es haben sich verschiedene Richtungen herausgebildet. Die Kontroverse Glaser vs. Strauss und Corbin wird zusammenfassend dargestellt von  Mey & Mruck (2007). Besonders  hinsichtlich der  Auswertungsprozeduren unterscheiden sich die hier genannten Verfahren.

(a) Die Arbeit mit einem Kodierparadigma, wie es Strauss & Corbin (1996) vorschlagen oder (b) die Arbeit mit Kodierfamilien wie es Glaser empfiehlt,

(c) aber auch das Zirkuläre Dekonstruieren  wie  Jaeggi, Faas & Mruck, (1998)  ihr Vorgehen benennen,

(d) sowie die Dokumentarische Analyse (Bohnsack)

sind Auswertungsverfahren, die ihren Ursprung in der Grounded Theory haben.

Im Folgenden werden ausgewählte  zwei zentrale Auswertungsschritte (das offene Kodieren; die Verwendung von Suchheuristiken), die in den genannten Richtungen (a-d)  vorgenommen, aber teilweise unterschiedlich bezeichnet werden,  kurz skizziert. Es wird aber nur teilweise auf die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Verfahren eingegangen.

Das offene Kodieren

Im Prozess des „offenen Kodierens“   werden  dem Datenmaterial  Konzepte  (=Kodes) zugewiesen. Wichtig ist, dass die Forschenden eine Haltung der Offenheit einnehmen.

Eine Anweisung an die Forscherin würde ungefähr folgendermaßen lauten (Muckel, 2007, S. 220 ff. und Böhm, Legewie & Muhr 1992 S. 30 – 45):

  1. Wählen Sie  das Transkript eines Interviews oder eine längere Textpassage aus und segmentieren Sie diese in sinnvolle Analyseeinheiten.
  2. Gehen Sie eine solche Einheit Zeile für Zeile durch und stellen Sie  theoriegenerierende W-Fragen an den Text:  WAS? Worum geht es hier? WER? Welche Personen und Akteure sind beteiligt? Welche Rollen spielen sie dabei? Wie interagieren Sie? WIE? Welche Aspekte des Phänomens werden angesprochen oder nicht angesprochen? WANN? Wie lange? WO? Was wird über Zeit, Verlauf und Ort gesagt?  WIE VIEL? Welche Aussagen werden zur Intensität und Stärke gemacht? WARUM? Welche Begründungen werden gegeben oder lassen sich erschließen? WOZU? Mit welcher Absicht und zu welchem Zweck? WOMIT? Welche Mittel, Taktiken und Strategien werden zum Erreichen des Ziels erwähnt oder verwendet? ACHTUNG: Welche Fragen sinnvoll sind, ist vom Phänomen abhängig! Zur Beantwortung der Fragen wird nicht nur das Segment sondern auch der Kontext berücksichtigt! Die Interpretin bezieht ihr Hintergrundwissen mit ein!  Freies Assoziieren ist in dieser Phase zielführend!
  3. Suchen Sie  nach In-vivo-Kodes, d.h. Originalzitaten und Formulierungen zur umgangssprachlichen Deutung der Phänomene. Übernehmen Sie dafür die Begriffe, die Ihre Untersuchungspartner verwenden.
  4. „Stop and Memo!“ Unterbrechen Sie das Kodieren regelmäßig und notieren Sie  alle methodischen und theoretischen Überlegungen und Einfälle zu den Texten. Auch die Antworten auf die Fragen halten Sie in Memos fest, indem Sie Notizzettel an die entsprechenden Stellen heften oder mit Hilfe eine PC-Programms (z.B. MaxQda) die Memos am Textrand platzieren.
  5. Formulieren Sie nun Kodes, d.h. abstrahierende Bezeichnungen zu den bearbeiteten Textstellen und erläutern Sie diese in Kodenotizen.
  6. Erstellen sie eine Kodeliste.
  7. Nehmen Sie sich weitere Textstellen vor und  gehen Sie  nach demselben Prozedere vor.
  8. Dimensionalisieren Sie die Phänomene,  d.h. Sie machen Aussagen zur Ausprägung und Variabilität des Phänomens (Beispiel:  Dauer und Intensität von Schmerz).
  9. Wenden Sie die Flip-Flop-Technik an: Stellen Sie  gefundene Konzepte „auf den Kopf“ (Strauss & Corbin 1997, S. 64) und suchen Sie nach kontrastierenden Kontexten.
  10. Die genannten Arbeitsschritte sind nicht nach einem Durchgang erledigt, sondern bei jedem nochmaligen Durchgehen des Materials können neue Ideen dazu kommen, mit denen Sie ihre Memos erweitern.

„Schwenken der roten Fahne“, d.h. Sie  suchen in der Textstelle nach Signalen für Fragwürdiges und Ungewöhnliches.

Die Verwendung und Entwicklung von Suchheuristiken und Kodierschemata

In dieser Phase des Forschungsprozesses sollte auch theoretisches Vorwissen miteinbezogen werden.  Abstrakte, empirisch nicht gefüllte Konzepte, die aus soziologischen oder psychologischen Theorien abgeleitet werden, macht sich der Forscher hier zu nutze. Ziel ist es das Datenmaterial zu strukturieren, Beziehungen zwischen den Konzepten herzustellen  und zu einer gegenstandsbegründeten Theorie zu kommen.

Das Kodierparadigma als Suchheuristik

Strauss und Corbin (1996) verwenden für den  Schritt des axialen Kodierens, also für den Teil des Forschungsprozesses, in dem Kodes verdichtet und  reduziert werden zu abstrakteren Kernkategorien und in dem die Beziehungen zwischen den Konzepten in den Mittelpunkt rücken,  ein Kodierparadigma. Mit Hilfe dieser Suchheuristik werden die Kategorien darauf hin untersucht, ob es sich dabei (1.) um Phänomene, auf die das Handeln gerichtet ist, (2.) um Kausale Bedingungen für diese Phänomene, (3.) um Eigenschaften des Handlungskontextes, (4.) um intervenierende Bedingungen , (5.) um Handlungs- und Interaktionsstrategien oder (6.) um deren Konsequenzen handelt. (Kelle, 1998, S. 328)

Kodierfamilien als Suchheuristiken

Theoretisches Vorwissen hat die Forscherin in der Regel als Hintergrundwissen verfügbar. Damit dieses die Interpretation nicht zu schnell in eine bestimmte Richtung lenkt, schlägt Glaser (1978 nach Kelle, 1998 S. 319 ff.) eine Liste von theoretischen Kodes vor, die aus verschiedenen Wissenskontexten stammen und die er als Kodierfamilien bezeichnet. Er unterscheidet dabei formale Kodierfamilien, das sind Begriffe wie Merkmalsausprägung, Verhältnis zwischen den Elementen; Typen, Wechselwirkungen; Schnittpunkte;   und inhaltliche Kodierfamilien wie kulturelle Phänomene, Selbstkonzept, Handlungsstrategien, sozialer Konsens, soziale Integration, grundlegende Einheiten sozialen Lebens. Mit Hilfe dieser heuristischen Konzepte entwickelt der Forscher theoretische Sensibilität und verwendet sie zur Ordnung  und weiteren Konzeptualisierung seines Datenmaterials.

Konstruktion einer dem Forschungsgegenstand und der Forschungsfrage angemessenen Suchheuristik

In dieser Phase  sollte ein theoretisches Raster konstruiert werden, das hilft, die bisher gefundenen Kategorien und Kodes zu ordnen und  das geeignet ist,  weitere Fragen an das Material zu stellen. Neben den von Strauss/Corbin und Glaser vorgeschalgenen Möglichkeiten  empfehlen Kluge und Kelle (1999)  abstrakte, allgemeine und empirisch nicht gefüllte Suchheuristiken zu verwenden. Diese werden wie Gefäße  verwendet, die dann mit empirischen Befunden gefüllt werden.  Ein solches  dem Forschungsgegenstand und der Fragestellung angepasstes,  selbst entwickeltes  Kodierschema erlaubt,  das Datenmaterial durch eine bestimmte Linse zu betrachten. Es handelt sich dabei um sensibilisierende theoretische Konzepte von einem solchen Allgemeinheits- und Abstraktionsgrad. Sie sind gerade deshalb ideal als Heuristiken  bei der Hypothesengenerierung einsetzbar, da sie als Strukturierungshilfe für das überbordende Datenmaterial genutzt werden können. Dabei können  sowohl Konzepte, wie sie Glaser (Kodierfamilien) und Strauss (Kodierparadigma) vorschlagen, verwendet werden, wie auch andere allgemeine Konstrukte aus den sozialwissenschaftlichen Theorien. Gegebenenfalls können auch spezifische Theorien (Kluge& Kelle, 1999 S. 65) verwendet werden, diese bergen allerdings die Gefahr, dass sie den Blick verengen  und bestimmte Deutungsmuster nicht untergebracht werden können.

Entwicklung einer Suchheuristik

Dies ist ein Beispiel für die Entwicklung einer Suchheuristik im Verlauf des Forschungsprozesses.

In der hier zitierten Arbeit wurden die Interviews nach der Grounded Theory und mit Hilfe der Textanalyse ausgewertet. Aus dem Datenmaterial wurde dann eine  Suchheuristik entwickelt, mit deren Hilfe Leitfragen formuliert wurden. Anschließend wurden die gesamten Transkripte nochmals durchgegangen und die bisher erarbeiteten Kategorien wurden zusammengefasst, verworfen oder zueinander in Beziehung gesetzt.

Wenzler-Cremer, H. (2006). Bikulturelle Sozialisation als Herausforderung und Chance. Verfügbar über: www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/2267/ [29.6.2008].

Fragestellung: Wie erleben junge Menschen in Familien, in denen die Eltern aus zwei sehr unterschiedlichen Kulturen kommen, ihre Sozialisation?

Literatur:

  • Böhm, Andreas, Legewie, Heiner,& Muhr, Thomas  (1992). Kursus Textinterpretation: Grounded Theory. Textinterpretation und Theoriebildung in den Sozialwissenschaften. Lehr- und Arbeitsmaterialien zur Grounded Theory. Bericht aus dem interdisziplinären Forschungsprojekt  ATLAS. Forschungsbericht Nr. 92-3.
  • Glaser, Barney (2001). The Grounded Theory Perspective: Conceptualization Contrasted with Description. Mill Valley . CA: Sociology Press.
  • Jaeggi, Eva., Faas, Angelika. & Mruck, Katja. (1998). Denkverbote gibt es nicht! Vorschlag zur interpretativen Auswertung kommunikativ gewonnener Daten. Forschungsbericht NR. 2-98 Berlin: Veröffentlichungsreihe der Technischen Universität Berlin: Forschungsbericht aus der Abteilung Psychologie im Institut für Sozialwissenschaften (ISS 1433-9218).
  • Kelle, Udo (1998²) Empirisch begründete Theoriebildung. Zur Logik und Methodologie interpretativer Sozialforschung. Weinheim: PVU.
  • Kluge, Susanne. & Kelle, Udo. (1999). Vom Einzelfall zum Typus: Fallvergleich und Fallkontrastierung in der qualitativen Sozialforschung. Opladen: Leske+Budrich.
  • Maxqda Professionelle Textanalyse und Wissensmanagement. www.maxqda.de [26.6.2008]
  • Mey, Günter & Mruck, Katja (2007). Grounded Theory Methodologie – Bemerkungen zu einem prominenten Forschungsstil. S. 11-42  In Günter Mey & Katja Mruck (Eds.) Grounded Theory Reader Köln: Zentrum für Historische Sozialforschung.
  • Muckel, Petra (2007) Die Entwicklung von Kategorien mit der Methode der Grounded Theory  S. 211-231 In Günter Mey & Katja Mruck (Eds.) Grounded Theory Reader Köln: Zentrum für Historische Sozialforschung.
  • Strauss, Anselm & Corbin, Juliet. (1996). Grounded Theory. Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Weinheim: Beltz.

Artikel verfasst von Hildegard Wenzler-Cremer (2008)