Die Fall- bzw. Einzelfallstudie findet in der qualitativen Forschung ihren Platz als Untersuchungsplan ( auch als „design“ oder Forschungsansatz ( Lamneck, 2005, S.4) bezeichnet ), der Ziel, Ablauf, Rahmenbedingungen und Regeln für die Untersuchung beinhaltet, aber die verwendeten Untersuchungsverfahren, also die Methoden der Datenerhebung und Auswertung nicht von vorneherein festlegt. (vgl. Mayring, 1997, S. 28)

Die Einzelfallanalyse ist nach Mayring (vgl. S. 28) ein bedeutender Ansatz in der qualitativen Forschung, die bemüht ist, den Menschen oder auch ein soziales System – Lamneck (2005, S. 5) nennt in diesem Zusammenhang soziale Einheiten wie Gruppen, Kulturen, Organisationen, und Verhaltensmuster- als untersuchtes Objekt in seiner Individualität zu verstehen. Fallanalysen beleuchten „ die Zusammenhänge der Funktions- und Lebensbereiche in der Ganzheit der Person“ und deren historischen sowie lebensgeschichtlichen Hintergrund. (Mayring, 1997, S.28) In diesem Forschungsansatz werden besonders interessante Fälle, die typisch oder extrem sind, in allen für die Fragestellung der Untersuchung wichtigen Dimensionen beschrieben und analysiert. Ziel ist „ ein ganzheitliches und nur damit realistisches Bild der sozialen Wirklichkeit zu zeichnen“. ( Lamneck, 2005 S. 5) Einzelfallbezogenes Vorgehen bedarf nach Bude einer „analytischen Intuition“, die besagt, dass man hier auf etwas gestoßen ist, das Ideen, Kategorien und Formeln für unbeachtete soziale Sachverhalte und unbedachte gesellschaftliche Zusammenhänge liefern kann.

Das verwendete Material kann vielfältig sein (neben den gängigen Quellen qualitativer Forschung wie z.B. Interviews und teilnehmender Beobachtung auch Daten aus Archiven, Fotos, Zeichnungen, Schulhefte,Tagebücher usw.), allerdings ist eine bestimmte Vorgehensweise erforderlich, um die wissenschaftliche Verwendbarkeit der Daten zu gewährleisten. (vgl. Mayring 1997, S. 29) Mayring nennt hierzu fünf zentrale Aspekte:

  1. Fragestellung (Was wird untersucht?)
  2. Falldefinition ( Was ist ein Fall, wer wird untersucht?)
  3. Materialsammlung ( Welche ( für die Fragestellung aussagekräftigen) Quellen, welche (qualitativen) Methoden kommen zum Einsatz?
  4. Aufbereitung (Wie wird das Material dokumentiert/fixiert? Wie kommentiert? Wie werden die Daten zusammengefasst, strukturiert und wie Kategorien gebildet?)
  5. Falleinordnung ( Wie lässt sich der Fall einordnen in einen Zusammenhang, wie vergleichen mit anderen Fällen?)

Fallstudien ermöglichen tiefergehende Erkenntnisse über schwer zugängliche Forschungsfelder (vgl. Mayring 1997, S.32, Lamneck 2005, S.6) und lassen durch ihre vielschichtige, offene Herangehensweise Erkenntnisse über Zusammenhänge und typische Vorgänge zu. Sie ermöglichen auch die Überprüfung von Ergebnissen, die mit einer bestimmten Erhebungsmethode gewonnen wurden. Damit können auch einzelne Methoden überprüft werden. ( vgl. Mayring 1997, S.32)

Literatur:

  • Mayring, Philipp: Einführung in die qualitative Sozialforschung : eine Anleitung zu qualitativem Denken. 3., überarbeitete Auflage. Weinheim, Beltz 1996.
  • Lamnek, Siegfried: Qualitative Sozialforschung. 3. korrigierte Auflage, Band 2 Methoden und Techniken. Beltz; Psychologie Verlags Union, 1995.
  • Bude, Heinz: Fallrekonstruktion. In: Ralf Bohnsack, Winfried Marotzki, Michael Meuser (Hg.). Hauptbegriffe Qualitativer Sozialforschung. Ein Wörterbuch. Opladen: Leske+Budrich 2003.

Weiterführende Literatur:

  • Bude, Heinz: Das Prinzip der Verallgemeinerung. In: Bude, Heinz: Lebenskonstruktionen. Für eine neue Sozialforschung. Frankfurt: Suhrkamp 2002.

Artikel verfasst von Sandra Tell (2007)