Der Einsatz einer Videokamera im Rahmen einer qualitativen Beobachtung sozialer Situationen ermöglicht es, Handlungen zu erfassen, die sich auf den ersten Blick vielleicht nicht erkennen ließen, da parallel andere Handlungen stattfinden oder sie eher unscheinbar sind, da sie zum Bestandteil zur Routine gehören oder nur kurz und nebenbei erfolgen. Videoaufnahmen eröffnen es durch die Möglichkeiten des Vor- und Zurückspulens und der wiederholten Betrachtung sowohl, solche Details zu erkennen, als auch Zusammenhänge zwischen diesen Details zu rekonstruieren, weshalb sie auch als eine Art „Mikroskop“ des Sozialen verstanden werden (Knoblauch 2004: 131).

Im bildungswissenschaftlichen Kontext lassen sich Dinkelaker und Herrle (2009: 10f.) zufolge drei Varianten empirischer Studien, die Videodaten nutzen, unterscheiden: 1. Filmanalysen, die sowohl künstlerische als auch von Laien erstellte Filme und Videos zum Gegenstand haben, und das in diesen produzierte pädagogische Wissen untersuchen. 2. Die videogestützte Unterrichtsqualitätsforschung, die Videodaten nutzt, um Effekte bestimmter Unterrichtsmerkmale auf das Lehren und Lernen untersuchen und 3. die Erziehungswissenschaftliche Videographie, die videographische Daten erhebt, um die vielfältigen, die Interaktion prägenden Prozesse und Muster des Lehr-Lern-Geschehens in ihrer Komplexität zu rekonstruieren.

Die Bezeichnung Videographie verweist dabei auf die Ethnographie, in diesem Sinne wird Videographie auch als Ethnographie, die Videoaufnahmen nutzt, um soziale Interaktionen zu untersuchen, bezeichnet. (Knoblauch u.a. 2009: 69ff.)

In der deutschsprachigen Erziehungswissenschaft sind videographische Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten in verschiedenen Bereichen und mit unterschiedlichen methodologischen Bezügen eingesetzt worden, von denen nun einige ausgewählte beispielhaft genannt werden sollen: Im Bereich der Erwachsenenbildung liegen mittlerweile zahlreiche interaktionsanalytische videographische Untersuchungen zu Lehr-Lerninteraktionen vor (Kade/Nolde 2007; Dinkelaker/Herrle 2009; Dinkelaker 2010; Herrle 2013). In der Schul- und Unterrichtsforschung entstanden zu Beginn der 2000er Jahre mehrere videographische Studien zur Bedeutung von Ritualen (u.a. Wulf u.a. 2007; Wagner-Willi 2005). Die Untersuchung von Monika Wagner-Willi zu den rituellen Übergängen zwischen Pause und Unterricht (2005) erfolgte mit der Dokumentarischen Methode und war Auftakt zu zahlreichen weiteren biographischen Forschungen, die methodologisch in der dokumentarischen Methode begründet waren (für einen Überblick vgl. Bohnsack/Fritzsche/Wagner-Willi 2014). Sowohl in der Kulturanthropologie als auch in der Soziologie ist das Verfahren der Kamera-Ethnographie verwurzelt, das sich mit dem Sehen im Rahmen der Kommunikation ethnographischer Erfahrung befasst und dessen wissenschaftliche Ergebnisse, die sich oftmals auf Praktiken von Schüler_innen beziehen, über Filme dargestellt werden (Mohn 2008; 2011). Pädagogische Praktiken sind ebenfalls Gegenstand unter anderem die videographisch angelegter Untersuchungen von pädagogischen Praktiken in Ganztagsschulen, die methodologisch an die Kamera-Ethnographie anschließen. In diesem Forschungskontext wird mit der Unterstellung gearbeitet, es würden sich im Feld Geschichten bzw. Episoden auffinden lassen, d.h. Prozesse, die eine narrative Struktur besitzen (vgl. Rabenstein/Reh 2009).

Gründe, die dafür sprechen, sich für ein videographisches Forschungsdesign zu entscheiden:

Wie bereits angedeutet, eignet sich der Einsatz von Video insbesondere, um Teile von Interaktionen zu erfassen und analysieren zu können, die bei einer Beobachtung ohne Kameraunterstützung vermutlich nicht auffallen würden. Insbesondere bei der Beobachtung von Unterrichtssituationen, die oftmals davon geprägt sind, dass viele Interaktionen simultan ablaufen, kann der Einsatz einer Videokamera insofern hilfreich sein. In der Vergangenheit sind Videoaufnahmen in der Unterrichtsforschung oftmals genutzt worden, um sprachliche Interaktionszüge zu rekonstruieren (für einen Überblick siehe Fritzsche/Wagner-Willi 2014, 131). Hierfür kann der Einsatz von Video hilfreich sein, allerdings wird dessen Potenzial somit nicht vollständig ausgeschöpft. Denn Videographie ermöglicht es gerade, einen über Sprache hinausgehenden empirischen Zugang zur Körperlichkeit und Visualität sozialer Situationen zu finden (ebd.: 132). Ihre große Stärke liegt darin, dass sie es erlaubt, die räumliche, körperliche, materielle und visuelle Ebene des beobachteten Geschehens in einem hohen Detaillierungsgrad zu erfassen. Dadurch, dass Videofilme die Möglichkeit bergen, wieder und wieder angesehen zu werden und durch die technischen Potenziale der Aufarbeitung von Videomaterial (Vor- und Zurückspulen, langsamer/schneller Abspielen, step-by-step-Funktion, Standbilder erstellen, Szenen zusammen schneiden, etc.) gibt es gegenüber auf der Grundlage von Feldnotizen erstellten Beobachtungsprotokollen von sozialer Situationen eine enorme Steigerung von Beobachtungsmöglichkeiten.

Herausforderungen, die mit der erziehungswissenschaftlichen Videographie verknüpft sind:

Videographische Studien sind sowohl in der Vorbereitung als auch in der Auswertung sehr voraussetzungsvoll. Der Einsatz von Video wird von vielen Menschen als sehr invasiv empfunden, weshalb es oftmals nicht einfach ist, Akteure zu finden, die bereit sind, sich videographisch filmen zu lassen. Der Einsatz von Videokameras sollte stets gut begründet sein, eine größtmögliche Transparenz gegenüber den Beforschten ist ebenso wichtig wie klare Regelungen über die Verwendung und Archivierung der Videodaten.
Beim Einsatz der Kamera(s) ist es notwendig, sinnvolle Fokussierungen zu entwickeln, damit wirklich verwertbares Material entsteht. Videoaufnahmen sind notwendig immer selektiv, die jeweils gewählte Selektivität sollte begründet werden können. Gleichzeitig sollte beim Filmen darauf geachtet werden, dass der Kontakt zu den Beforschten nicht verloren wird. Herausfordernd ist es auch oft, verständliche Tonaufnahmen zu erstellen. (Hier bietet sich der zusätzliche Einsatz von Diktiergeräten an.)
Bei der Auswertung von Videodaten sollte beachtet werden, dass visuelle Informationen andere sind, als textbasierte Informationen, hier müssen also Übersetzungsleistungen vollzogen werden. Auch beinhaltet Videomaterial stets sowohl eine simultane als auch eine sequenzielle Ebene, was bei der Auswertung Berücksichtigung finden sollte. Insgesamt sind Videoausschnittschritte sehr reich an Informationen, was die Auswertung sehr aufwendig macht.

Grenzen videographischer Aufzeichnungen:

Videographische Aufzeichnungen sind geeignet für eine detaillierte Analyse von Interaktionen, sie eröffnen jedoch keinen Zugang zum subjektiven Erleben der erforschten oder der Forschenden. Die über Video erfassten sozialen Situationen sind stets ausschnitthaft, die von der Kamerafrau oder den Kameramann getroffenen Entscheidungen sind nicht mehr rückgängig zu machen. Schließlich können Videoaufzeichnungen immer nur die auditive und visuelle Ebene des Geschehens erfassen, andere sinnliche Wahrnehmungen, die in Beobachtungsprotokolle notiert werden könnten, werden in Videofilmen nicht reproduziert, auch die visuelle Ebene ist lediglich zweidimensional.

Entscheidungen, die im Zuge einer erziehungswissenschaftlichen Videographie getroffen werden sollten:

In Abhängigkeit von dem jeweils Forschungsgegenstand, der Forschungsfrage und auch der methodologischen Ausrichtung eine Videographie ist die Durchführung einer erziehungswissenschaftlichen Videographie mit den folgenden Entscheidungen verbunden, die gegebenenfalls auch immer wieder neu überdacht werden sollten:

  • Ist Videographie ein geeigneter Zugang zur Beantwortung der Forschungsfrage?
  • Lassen sich im interessierenden Feld Akteure finden, die damit einverstanden sind, videographiert zu werden?
  • Wie viele Kameras sollten eingesetzt werden, sollen dies Handkameras oder Stadtkameras sein?
  • Welche und wie viele Mikrofone (bzw. auch Diktiergeräte) werden benötigt?
    Welcher Ort im zu beobachtenden Feld ist geeignet für die Positionierung der Kamera(s), bzw. der Aufnahmegeräte? Welche Fokussierungen sollen vorgenommen werden?
  • Wie viele Videoaufnahmen sollen erstellt werden, so dass deren Auswertung noch realistisch ist?
  • Wie soll das Videomaterial aufbereitet werden, sollen Transkripte erstellt werden und wenn ja, welche Sorte von Transkripte käme hierfür infrage? (Hier noch mehr zu Videotranskription)
  • Auf welcher Weise soll das videographierte Material ausgewertet werden? (Hier noch mehr zu Auswertungsmethoden)

 

Literatur:

  • Aufschnaiter, Stefan von/Welzel, Manuela (Hg.) (2001): Nutzung von Videodaten zur Unter-suchung von Lehr-Lernprozessen. Münster u.a.
  • Bohnsack, Ralf (2009): Qualitative Bild- und Videointerpretation. Die dokumentarische Methode. Opladen, Farmington Hills.
  • Bohnsack, Ralf; Fritzsche, Bettina; Wagner-Willi, Monika (Hrsg.) (2014): Dokumentarische Video- und Filminterpretation. Wiesbaden.
  • Brandt, Birgit/Krummheuer, Götz/Naujok, Natascha (2001): Zur Methodologie kontextbezogener Theoriebildung im Rahmen von interpretativer Grundschulforschung. In: Aufschnaiter, St. V./Welzel, M. (Hg.): Nutzung von Videodaten zur Untersuchung von Lehr-Lern-Prozessen. Aktuelle Methoden empirischer pädagogischer Forschung. Münster u.a., S. 17-40.
  • Corsten, Michael/Krug, Melanie/Moritz, Christine (Hg.) (2010): Videographie praktizieren. Herangehensweisen, Möglichkeiten und Grenzen. Wiesbaden.
    Dinkelaker, Jörg/Herrle, Matthias (2009): Erziehungswissenschaftliche Videographie. Eine Einführung. Wiesbaden.
  • Dinkelaker, Jörg (2010): Simultane Sequentialität. Zur Verschränkung von Aktivitätssträngen in Lehr-Lernveranstaltungen und zu ihrer Analyse. In: Corsten, M./Krug, M./Moritz, C. (Hrsg.) (2010): Videographie praktizieren. Herangehensweisen, Möglichkeiten und Grenzen. Wiesbaden.
  • Verlag für Sozialwissenschaften, S. 91–118.Fritzsche, Bettina; Wagner-Willi, Monika (2014): Dokumentarische Interpretation von Unterrichtsvideografien. In: Bohnsack, Ralf; Baltruschat, Astrid; Fritzsche, Bettina; Wagner-Willi, Monika (Hrsg.): Dokumentarische Video- und Filminterpretation. Wiesbaden, S.131-152.
  • Forum Qualitative Sozialforschung Vol 9, No 3 (2008): Visual Methods. Herausgegeben von: Knoblauch, H./Baer,A./Laurier, E./Petschke, B./Schnettler, B.
  • Hecht, Michael (2009): Selbsttätigkeit im Unterricht. Empirische Untersuchungen in Deutschland und Kanada zur Paradoxie pädagogischen Handelns. Wiesbaden.
  • Herrle, Matthias (2013): Mikroethnographische Interaktionsforschung. In: Friebertshäuser, B./Seichter, S. (2013): Qualitative Forschungsmethoden in der Erziehungswissenschaft. Eine praxisorientierte Einführung. Weinheim und Basel., S. 119–152.
  • Huhn, Norbert/Dittrich, Gisela/Dörfler, Mechthild/Schneider, Kornelia (2000): Videografieren als Beobachtungsmethode in der Sozialforschung am Beispiel eines Feldforschungsprojekts zum Konfliktverhalten von Kindern. In: Heinzel, F. (Hg.): Methoden der Kindheitsforschung. Ein Überblick über Forschungszugänge zur kindlichen Perspektive. Weinheim/München, S. 185-202.
  • Kade, Jochen/Nolda, Sigrid (2007): Das Bild als Kommentar und Irritation. Zur Analyse von Kursen der Erwachsenenbildung/Weiterbildung auf der Basis von Videodokumentationen. In: Friebertshäuser, B./Felden, H. v./Schäffer, B. (Hg.): Bild und Text. Methoden und Methodologien visueller Sozialforschung in der Erziehungswissenschaft, Leverkusen, S. 159-119.
  • Kissmann, Ulrike Tikvah (Hg.) (2009): Video interaction analysis, Frankfurt a.M. u.a.
    Knoblauch, Hubert (2001): Fokussierte Ethnographie. In: Sozialersinn, 1/2001, S. 123-141.
  • Knoblauch, Hubert (2004): Die Video-Interaktions-Analyse. In: Sozialer Sinn, 5(1): 2004, 123-138 (online unter: http://www.ssoar.info/ssoar/bitstream/handle/document/757/ssoar-sozsinn-2004-1-knoblauch-die_video-interaktions-analyse.pdf?sequence=1).
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  • Loer, Thomas (2010): Videoaufzeichnungen in der interpretativen Sozialforschung, in: Sozialer Sinn 11 (2), S. 319-352..
  • Mohn, Bina Elisabeth (2008): Im Denkvergleich entstanden: Die Kamera-Ethnographie. In: Graf, E. O./Griesecke, B. (Hg.): Ludwig Flecks vergleichende Erkenntnistheorie. Fleck Studien, Band 1., S.211-234. (Online verfügbar unter: http://www.kamera-ethnographie.de).
  • Mohn, Bina Elisabeth (2011): Methodologie des forschenden Blicks. Die vier Spielarten des Dokumentierens beim ethnographischen Forschen. In: Cloos, P. / Schulz, M. (Hg.): Kindliches Tun beobachten und dokumentieren. Juventa, 79-98. (Online verfügbar unter: http://www.kamera-ethnographie.de).
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  • Rabenstein, Kerstin; Reh, Sabine (2008): Über die Emergenz von Sinn in pädagogischen Praktiken. Möglichkeit der Videographie im offenen Unterricht. In: Koller, H.-Chr. (Hg.): Sinnkonstruktion und Bildungsgang. Zur Bedeutung individueller Sinnzuschreibungen im Kontext schulischer Lehr-Lern-Prozesse. Studie zur Bildungsgangforschung, Band 254, Opladen, Farmington Hills, S. 137-156.
  • Udo Rauin, Matthias Herrle und Tim Engartner (2016) Videoanalysen in der Unterrichtsforschung. Methodische Vorgehensweisen und Anwendungsbeispiele. Beltz Juventa.
  • Reichertz, Jo/Englert, Carina Jasmin (2011): Einführung in die qualitative Videoanalyse. Eine hermeneutisch-wissenssoziologische Fallanalyse. Wiesbaden.
    Schluss, Henning, Jehle, May (2013): Videodokumentation von Unterricht. Zugänge zu einer neuen Quellengattung der Unterrichtsforschung. VS Verlag.
  • Wagner-Willi, Monika (2005): Kinder-Rituale zwischen Vorder- und Hinterbühne – Der Über-gang von der Pause zum Unterricht. Wiesbaden.
  • Wulf, C./Althans, B./Blaschke, G./Ferrin, N./Göhlich, M./Jörissen, B./Mattig, R./Nentwig-Gesemann,I./Schinkel, S./Tervooren, A./Wagner-Willi, M./Zirfas, J. (Hrsg.) (2007): Lernkulturen imUmbruch. Rituelle Praktiken in Schule, Medien, Familie und Jugend. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

 

Weiterführender Link:

 

Artikel verfasst von Bettina Fritzsche (2017)

Zitation:
Fritzsche, Bettina (2017). Erziehungswissenschaftliche Videographie. QUASUS. Qualitatives Methodenportal zur Qualitativen Sozial-, Unterrichts- und Schulforschung. URL (https://quasus.ph-freiburg.de/erziehungswissenschaftliche-videographie/)