Das Ziel von Forschung besteht in der Regel darin, Modelle und Theorien zu entwickeln und zu überprüfen, die das Erleben und Verhalten erklärbar und vorhersagbar machen. In der Lehr-Lern-Forschung möchte man typischerweise Theoriemodelle identifizieren und validieren, die beschreiben, von welchen Lernermerkmalen, Lehrermerkmalen, situativen Merkmalen, Rahmenbedingungen, didaktischen Methoden/Strategien usw. Lernerfolge der Lerner abhängen. Wie oben dargestellt stehen Theorien oder theoretische Modelle sowohl im Rahmen des qualitativen, als auch im quantitativen Forschungsparadigma im Zentrum des Erkenntnisprozesses.

Im qualitativen Paradigma wird die Entwicklung einer Theorie auf Basis von Daten angestrebt, im quantitativen Paradigma wird die Gültigkeit und der Gültigkeitsbereich einer Theorie auf Basis von Daten überprüft.

In Abbildung 1 werden in einem vereinfachten Ablaufschema eines komplexen Forschungsprozesses der zentrale Stellenwert und die verbindende Funktion der Theorie dargestellt. Möchte man eine Theorie zu einem bisher wenig beforschten Bereich entwickeln, so bilden – neben einem umfassenden Literaturstudium – qualitative Methoden hierfür einen optimalen Ausgangspunkt. Im Rahmen des qualitativen Forschungsprozesses sollte man sich zunächst alle impliziten Vorannahmen und Einstellungen zum Forschungsgegenstand bewusst machen. Dann beginnt man mit der Sammlung relevanter Daten, strukturiert und interpretiert sie. Hierbei möchte man typische Phänomene und wesentliche Beziehungen identifizieren, die im Anfangsstadium des qualitativen Forschungsprozesses als Vermutungen formuliert werden. Ausgehend von diesen Vermutungen versucht man weitere, maximal informative Dateninformationen zu sammeln, die zur Validierung und Differenzierung der bestehenden Vermutungen herangezogen werde. Es ergibt sich also ein kreisförmiger oder besser spiralförmiger Verlauf des Forschungsprozesses. Mit jedem Durchlauf durch den Zyklus sollte das gewonnene Wissen anwachsen. Optimalerweise sollte am Ende dieses Prozesses auf diese Weise genügend empirische Evidenz bestehen, dass ein geschlossenes, widerspruchsfreies Theoriegebilde postuliert werden kann.

Eine so gewonnene Theorie kann aber noch nicht als hinreichend validiert gelten. Betrachtet man Gültigkeitskriterien für eine Theorie (vgl. Rost, 2005), so können diese nämlich bis zu diesem Stadium nur zum Teil erfüllt sein:

  • Innere Konsistenz: Bestehen insbesondere keine logischen Widersprüche im Theoriegefüge?
  • Einfachheit: Erklärt eine Theorie z.B. mit weniger Variablen, Beziehungen oder relevanten Randbedingungen dieselben Phänomene in gleicher Güte wie eine komplexere Theorie, so ist die einfachere Theorie zu bevorzugen.
  • Relevanz: Erklärt eine Theorie diejenigen Phänomen, die für den betreffenden Forschungsbereich wesentlich sind?
  • Geltungsbereich: Für welche Personen und für welche Situationen können die Theorievorhersagen als gültig angenommen werden?
  • Brauchbarkeit: Ist die Theorie in der Praxis nützlich und können die Ableitungen der Theorie in der Praxis verwertet werden.
  • Empirischer Bestätigungsgrad: Können die aus einer Theorie abgeleiteten Hypothesen bestätigt werden?

Ein rein qualitatives Vorgehen hat aufgrund der im Allgemeinen kleinen und theorieabhängig gewonnenen Stichproben und des insgesamt an die spezifische Situation einzelner Individuen adaptierten Forschungsprozesses/-designs die Einschränkung, dass insbesondere die Fragen nach dem Geltungsbereich (Frage der externen Validität) und dem empirische Bestätigungsgrad nicht adäquat beantwortet werden können. Hierzu bedarf es hypothesenprüfender quantitativer Verfahren und Forschungsdesigns, die die durch die Theorie vorhergesagten Beziehungen und Wirkungen an hinreichend großen, repräsentativen Stichproben untersuchen.

In Abbildung 1 wird deutlich, dass der quantitative Forschungsprozess dort startet, wo der qualitative Forschungsprozess endet: Bei der Theorie. Wenn die zentralen Annahmen aus den abgeleiteten Hypothesen bestätigt werden, kann das als Evidenz für die Theoriegültigkeit gewertet werden (Empirischer Bestätigungsgrad). Werden die Hypothesen nicht bestätigt, so bedarf es wieder eines qualitativen und literaturbasierten Vorgehens, um die entsprechenden Theorieelemente zu optimieren. Dadurch dass kritische Personenmerkmale und Situationsmerkmale in kontrollierten Studien systematisch auf ihre moderierende Funktion hin überprüft werden, kann der Geltungsbereich empirisch bestimmt werden. Die Theorie stellt somit die Schnittstelle der beiden Forschungsparadigmen dar: Ohne eine gut fundierte Theorie fehlt die Basis für eine solide, hypothesenprüfende quantitative Studie. Ohne eine statistisch abgesicherte Überprüfung von Theorievorhersagen, können die Fragen der Gültigkeit und Generalisierbarkeit nicht beantwortet werden.

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Abbildung 1: Ein vereinfachtes Schema eines komplexen Forschungsprozesses, in dem eine Theorie mittels qualitativer Methoden entwickelt/optimiert wird und mittels quantiativer Methoden überprüft wird.

In der Literatur zum quantitativen Forschungsparadigma wird der Prozess der Gewinnung innovativer Theorien oder Modelle nahezu ausgeblendet. Man gewinnt den Eindruck, dass Theoriepostulate deduktiv aus anderen Theorieelementen abgleitet werden. Tatsächlich sind hierbei aber in der Regel die Kreativität des Forschers, (zumindest zum Teil) unsystematische Einzelbeobachtungen und implizite, subjektive Annahme des Forschers mit beteiligt. Dies sind Erkenntnisgrundlagen, die von quantitativ orientierten Forschern ansonsten explizit nicht akzeptiert werden. Qualitative Forschung kann somit dazu beitragen, den quantitativen Forschungsprozess auf eine systematischere Basis zu stellen: Diese intransparente ‚Black Box’, in der neue Theorieelemente emergieren, kann durch einen strukturierten qualitativen Forschungsprozess transparenter gemacht werden. Hierdurch kann es besser gelingen, ein hinreichend differenziertes Bild des Forschungsbereiches zu zeichnen, das den empirischen Phänomenen gerechter wird, die die Theorie erklären können muss.

Bei der Anwendung qualitativer Forschungsmethoden wird häufig das Problem ausgeblendet, dass Generalisierungen höchstens eingeschränkt erfolgen können. Am Ende des qualitativen Forschungsprozesses kann nicht begründet davon ausgegangen werden, dass die gefundenen Strukturen oder Zusammenhänge Gültigkeit für Personen oder Situationen besitzen, die nicht tatsächlich untersucht wurden. Forschungsergebnisse sind aber nutzlos, wenn sie keinen verwertbaren Erkenntniswert über die konkrete Untersuchungssituation hinaus erbringen. Die Interpretation von Forschungsbefunden muss notwendigerweise vom Individuum und den konkreten Rahmenbedingungen einer Untersuchung abstrahieren, um zu generalisierenden Aussagen kommen zu können. Der Rezipient von Forschungsbefunden möchte für das eigenen Handeln und die eigene Praxis Erkenntnisse ableiten, von denen er begründet davon ausgehen kann, dass durch die Theorie postulierte Effekt auch tatsächlich erwartet werden können.

Literatur:

  • Rost, J. (2005). Differentielle Indikation und gemeinsame Qualitätskriterien als Probleme der Integration von qualitativen und quantitativen Methoden. Symposium: Qualitative und quantitative Methoden in der Sozialforschung: Differenz und/oder Einheit? 1. Berliner Methodentreffen Qualitative Forschung, 24.-25. Juni 2005. Verfügbar über: http://www.berlinermethodentreffen.de/material/2005/rost.pdf [1.5.2007].

 

Artikel verfasst von Markus Wirtz und Marco Petrucci (2007)