„Als wichtigste Quelle für Hypothesen […] gilt die Primärerfahrung des Forschers.“
(LAMNEK, Bd. 1, 1995, S. 97)

Das Forschungstagebuch als Methode einer formativen Selbstevaluation wird vornehmlich zur Prozessanalyse, besonders hinsichtlich sich möglicherweise ändernder Strategien im Forschungshandeln und der damit verbundenen Änderung der phasenhaften Arbeitshypothesen, genutzt. In ihm werden die Erfahrungen des Forschenden von ihm selbst abgebildet und zur Optimierung der Angebote / der Arbeitsinhalte herangezogen.

Ziel des Einsatzes dieser Methode ist die aussagekräftige Bewertung des Forschungsprozesses und seiner Teilschritte z.B. bei der formativ angelegten Entwicklung eines didaktischen Konzepts für den Unterricht.

Forschungstagebücher werden als Begleiter des eigenen Forschungs- und Entwicklungsprozesses, indem alle Forschungs- und Veränderungsaktivitäten zusammengefasst sind, verwendet, um Zusammenhänge erfassbar, interpretierbar und bewertbar zu machen. Aus ihnen „ist die Entwicklung der Vorstellungen und Einsichten über die verschiedenen Phasen des Forschungsprozesses hinweg dokumentiert […] so können die Wege und Irrwege des Lernens erschlossen werden.“ (ALTRICHTER 1998, 26f)

Ziel ist die Förderung der Selbstreflexivität des Forschenden durch Anwendung selbstevaluativer Fähigkeiten, um Freiraum für neue Handlungsweisen und Abkehr von einer Routine, Struktur oder Strategie zu ermöglichen. Die Haltung der Selbstevaluation grenzt sich so von einem Alltagshandeln ab und macht einen qualitativ evaluierenden Zugang zum pädagogischen Handeln möglich.

Im Rahmen der qualitativen Evaluationsforschung hat das Forschungstagebuch einen festen Platz, um die Praxisveränderungen wissenschaftlich zu begleiten und auf ihre Wirkung hin einschätzen zu können. Die ablaufenden Praxisprozesse werden dabei offen, einzelfall-intensiv und subjektorientiert beschrieben (vgl. MAYRING 1999, S.46) Ausgehend von einer Problem- und Zieldefinition beginnt eine zyklische Entwicklung zwischen Informationssammlung, Diskurs mit den Betroffenen und praktischen Handlungen. Diese Art Forschung ist geeignet, um an konkreten Praxisproblemen anzusetzen und die Veränderungsmöglichkeiten strukturiert zu erarbeiten.

ALTRICHTER (ALTRICHTER 1998, S. 103-120) beschreibt einen Reflexions-Aktions-Kreislauf qualitativer Selbstevaluation (siehe Abb. 1), der das Ziel einer reflektierten Handlungsleitung des Forschenden abbildet. Die erfassten Erfahrungen werden dabei in sich ändernde Konzeptionen umgesetzt.

Abb. 1: Zyklus der formativen Selbstevaluation im Projektverlauf

Die Anwendung eines Forschungstagebuchs ist – wie für qualitative Evaluation generell gültig – besonders dort interessant, wo die zu beobachtenden Veränderungen in einem komplexen, sich verändernden Praxisfeld stattfinden und sich keine klaren Effizienzkriterien aufstellen lassen (MAYRING 1999, S.47). Die Form des Forschungstagebuchs ist meist halb-strukturiert. Qualitative, offen beschreibende wie auch quantitative Elemente werden darin zusammengeführt.
Wichtige Kriterien bei der Erstellung eines Forschungstagebuchs sind
• Genauigkeit der Notizen,
• Regelmäßigkeit der Eintragungen,
• Übersichtlichkeit und Gliederung,
• Nachvollziehbarkeit.
Das Forschungstagebuch ist eine introspektive wie eine retrospektive Methode. Sie ist introspektiv, weil die Forschende ihre eigenen Gedanken, Gefühle, Ideen und Beobachtungen notiert, sie ist retrospektiv, weil das zumeist nicht unmittelbar, sondern im Anschluss an das Erlebte/ Durchgeführte geschieht. Die Eintragungen sind nicht nur eine Rekapitulation eines objektivierten Handelns, sie sind kein „Ablaufplan“, sondern beinhalten auch persönliche und reflexive Aspekte, wie die emotionale Befindlichkeit der Forschenden, neue Ideen und persönlich gewichtete Erfahrungen.
Die für das spezielle Vorhaben erstellte halbstrukturierte Vorlage für die Eintragungen in das Forschungstagebuch bietet eine gute Möglichkeit, den Ablauf der Forschungshandlungen festzuhalten und die Kriterien zu erfüllen. Ein Beispiel für den Aufbau eines halbstrukturierten Forschungstagebuch zeigt die folgende Abbildung (siehe Abb. 2).

Abb. 2: Beispiel für ein Forschungstagebuch (aus Kohl, K.E. , 2004, S. 171)

Literatur:

  • Altrichter, H. et al.(1998): Lehrer erforschen ihren Unterricht : eine Einführung in die Methoden der Aktionsforschung, Bad Heilbrunn: Klinkhardt.
  • Kohl, K.E. (2004): Entwicklung einer Strategie für die didaktische Begleitung von E-Learning-Vorhaben zur Virtualisierung der Hochschullehre am Beispiel des Forschungsprojekts ITO. Dissertation. Onlineveröffentlichung unter: elib.uni-stuttgart.de/opus/volltexte/2004/2148/
  • Mayring, P. (1997/2002): Einführung in die qualitative Sozialforschung :eine Anleitung zu qualitativem Denken, Weinheim Beltz.

Artikel verfasst von Kerstin Eleonora Kohl (2007)