Bildhermeneutik: Fotografie als Forschungsmethode

Hermeneutik ist die Kunst des Verstehens eines einzelnen Textes oder eines Bildes aus einem Kontext heraus. Bei literarischen Texten kann als Interpretationskontext etwa die Biografie eines Autors oder auch zeitspezifische Themen der literarischen Epoche dienen, aus der der Text stammt. Bei Bildern gilt in gleicher Weise, dass die Bedeutung eines einzelnen Fotos umso eher erschlossen werden kann, je mehr man über den biografischen, soziokulturellen, historischen oder auch situativen Kontext seiner Entstehung weiß. Umgekehrt gilt, dass das Wissen über diese Kontexte umfassender und komplexer wird, wenn man möglichst viele Einzelobjekte verstanden und eingeordnet hat.

Bildhermeneutik ist eine Methode, mit der Schüler/innen Fotos lesen und verstehen lernen, sie ist der Kern von „visual literacy“. Darüber hinaus kennzeichnet pädagogische Professionalität, wenn Lehrer/innen die fotografische Praxis von Kindern und Jugendlichen verstehen und wertschätzen können. Die Bildhermeneutik im Genre der Kinder- und Jugendfotografie kann also zu einem Konzept werden, die Kommunikationsabsichten der jungen Fotografen zu erforschen und forschend Lehren zu lernen.

Fotos von Kindern und Jugendlichen sind Spiegel der Zeit und zugleich der alterstypischen Entwicklungsaufgaben der Akteure. Die Bildarchive des Deutschen Jugendfotopreises zeigen im Rückblick auf 50 Jahre, dass Kinder und Jugendliche sehr genau und sensibel ihre Zeit, ihre Gesellschaft und Lebenswelt wahrnehmen (Pschichholz/Vorsteher-Seiler 2011). Es sind historische Dokumente, die deutlich machen, dass jedes Foto immer auch den spezifischen Blick des Fotografen auf die Gesellschaft enthält, ein Blick, der geprägt ist von der historischen Epoche, seinem soziokulturellen Milieu und seiner spezifischen Wahrnehmung der Welt und des Selbst. Daraus folgt, dass Forschungsmethoden entwickelt werden müssen, die diese unterschiedlichen Perspektiven einzeln und in ihrem Zusammenwirken erkennbar machen.

Doch zunächst ein Überblick über die aktuellen Interpretationsansätze: Zu den bildsprachlich-analytischen Konzepten, die meist im Anschluss an Panofsky strikt von der Interpretation des Fotos ausgehen, gehören in Deutschland die dokumentarische Methode (Bohnsack 2006), die objektiv hermeneutische Bildanalyse (Peez 2006) und die ikonografisch-ikonologische Perspektive (Pilarczyk/Mietzner 2005). Gemeinsam ist diesen Ansätzen, dass zunächst eine Beschreibung und Analyse der Formelemente erfolgt und auf dieser Grundlage eine reflektierende Interpretation, die auch nach dem Prozess der Entstehung des Fotos fragt.

Dokumentarische Methode (Bohnsack)

Für Bohnsack folgen die Arbeitsschritte der Bildinterpretation ebenso wie die der Textinterpretation

„der Leitdifferenz von immanentem und dokumentarischem Sinngehalt und der resultierenden Differenzierung von formulierender und reflektierender Interpretation. Die auf den immanenten Sinngehalt bezogene formulierende Interpretation fragt danach, was auf dem Bild bzw. im Text dargestellt wird. Die reflektierende Interpretation fragt nach dem Wie der Herstellung der Darstellung, nach dem modus operandi“ (Bohnsack 2003: 87-107).

D.h. auf eine Beschreibung der dargestellten Situation (vor-ikonografische Ebene) und eine Analyse der formalen Bildkomposition folgt eine Interpretation aus der Sicht des abbildenden Bildproduzenten in Relation zu den abgebildeten Personen bzw. Objekten, um eine reflektierte Interpretation des Fotos leisten zu können. Dem schließt sich die Phase der komparativen Analyse und Typenbildung an, in der ein verallgemeinerbarer Sinn konstituiert wird.

Objektiv hermeneutische Bildanalyse (Peez)

Georg Peez versucht, das vor allem bei Textanalysen verbreitete Konzept der Objektiven Hermeneutik auf die Bildanalyse zu übertragen, wobei er als größte Herausforderung die Differenz zwischen Text und Bild als Untersuchungsobjekt darin sieht, dass ein Text in Sequenzen zerlegt und untersucht werden kann, dagegen ein Foto sich grundsätzlich durch seine Simultaneität auszeichnet. Peez nutzt daher die Sequenzialität der Blickbewegungen, wie sie im Blicklabor empirisch analysiert werden kann (vgl. Peez 2006: 37).

„Auf diesen ‚ikonischen Pfaden‘ […], die demnach formal vorgegeben sind und auf denen das Auge ‚wandert‘, die zum Teil zu ‚ikonischen Zentren‘ […] hinführen, ergeben sich erste Deutungen, die sich Stück für Stück im Schreiben zu abgewogeneren Interpretationen verdichten. Die Beschreibung tritt zum Ende in den Hintergrund; lediglich Einzelheiten, die der Wahrnehmung bisher entgingen, fließen in die Analyse weiter ein. Da ein Foto über mehrere Blickrichtungen zu erschließen ist […], wird nicht von einem einzig richtigen Bildpfad ausgegangen“ (Peez 2006: 36).

Da die Objektive Hermeneutik davon ausgeht, dass soziales Handeln regelgeleitet ist, sei das Ziel, „diese das Handeln bestimmenden Regeln und ihre latenten Sinnstrukturen zu erfassen“ (Peez 2006: 33).

Ikonografisch-ikonologische Perspektive (Mietzner/ Pilarczyk)

Für die Analyse von Kinder- und Jugendfotografie sind die Arbeiten von Ulrike Mietzner und  Ulrike Pilarczyk in besonderer Weise adaptiert. Die Autorinnen haben größere Bildbestände des Deutschen Jugendfotopreises analysiert und einen Ansatz entwickelt, der es ermöglicht, über qualitative und quantitative Verfahren die für eine historische Epoche „typischen“ bzw. exemplarischen Bildmotive herauszuarbeiten und mit den für die Kinder- und Jugendforschung zentralen Anliegen zu verknüpfen: Geht es doch darum herauszufinden, wie Kinder und Jugendliche sich selbst in ihrer Lebenswelt sehen, also um ihre Selbst- und Weltwahrnehmung in der durch bestimmte Zeitsignaturen geprägten Gesellschaft. Der ikonografisch-ikonologische Ansatz von Pilarczyk/Mietzner beinhaltet daher über die Interpretation von Einzelbildern hinaus die serielle Analyse. Die ikonografisch-ikonologische Einzelbildinterpretation beinhaltet die Schritte der Vergewisserung der Bildinhalte und des zentralen Bildmotivs, darauf folgt die Klärung der Bildintention des Fotografen, schließlich die Identifizierung der Mittel, mit denen sie ihre Intentionen bildlich umsetzen (Bildausschnitt, Kameraperspektive und –einstellung). Untersucht werden dann dominante Bildlinien, Bildräume und Atmosphäre, Bildsymbolik und die Rolle der Rezipienten. Bei der ikonologischen Interpretation der Einzelfotos wie auch der seriellen Analyse dienen soziologische Ansätze wie etwa die Habitus-Theorie von Bourdieu bzw. – auch kontrastierend – Stilrichtungen der zeitgenössischen Werbe- oder Modefotografie. Mietzner und Pilarczyk betonen dabei die Notwendigkeit multiperspektivischer Betrachtungsweisen, „nachträglicher Kontexterhebungen“ sowie zusätzlicher Bild- und Text-Quellen für die Verifizierung der Analyse. Sie verweisen ebenso wie Peez in ihren Ansätzen immer auch auf nicht bildwissenschaftlich zu erfassende Kontexte, die ein umfassenderes Verständnis eines Fotos erst ermöglichen.

Während die bisher vorgestellten bildwissenschaftlichen Analyseansätze als primär objektorientiert zu klassifizieren sind, d.h. das fotografische Produkt in seiner visuellen Eigen-Logik in den Mittelpunkt stellen, soll im Folgenden die Subjektperspektive als deren Gegenpol profiliert werden, mit dem Ziel, weitere Lesarten zu generieren (vgl. Holzbrecher 2012).

Die Arbeit der Jugendlichen an ihren Entwicklungsaufgaben (Havighurst), etwa die Ablösung von den Eltern, die Suche nach einer Geschlechtsidentität oder die Entwicklung von Wert- und Zukunftsvorstellungen, spiegelt sich in den inneren Bildern, an denen und mit denen spielerisch-leicht, mühsam-verkrampft oder auch suchend und tastend gearbeitet wird. In Fotoprojekten zeigt sich diese Dynamik, wenn Jugendliche sich in ihrer Körperlichkeit vor der Kamera inszenieren, d.h. in der Gestaltung des Körpers das Selbst modellieren und sich damit als handlungsmächtiges Subjekt zu konstruieren versuchen. Die Analyseperspektive der Entwicklungsaufgaben erscheint bei der Interpretation von Kinder- und Jugendfotos hilfreich und notwendig, eröffnet sie doch auf der Grundlage der Entwicklungspsychologie soziokulturelle, geschlechtsspezifische und auch historisch-gesellschaftliche Interpretationshorizonte. Der Blick in die Geschichte der Kinder- und Jugendfotografie zeigt zum einen die Konstante der alterstypischen Entwicklungsaufgaben, die allerdings vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen immer wieder neu interpretiert werden. Zum anderen spiegeln die Fotos die jeweils historisch spezifischen gesellschaftlichen Themen, z.B. das der ökologischen Bedrohung oder der Friedensthematik Anfang der 1980-er Jahre.

Systematisch betrachtet lassen sich beim Blick auf das fotografierende Subjekt folgende Dimensionen unterscheiden:

  • Die „inneren Bilder“ als symbolische Verdichtungen des aktuellen Lebensgefühls
  • Entwicklungspsychologischer Kontext: Entwicklungsalter/-aufgaben
  • Biografisch-lebensweltlicher Kontext
  • Jugendkultureller Kontext: Verarbeitung altersspezifischer jugendkultureller Symbolwelten aus der globalisierten Medien-/Kulturindustrie (Musik, Bildwelten etc.)
  • Soziokultureller Kontext: milieuspezifische Erfahrungen und Deutungsmuster, spezifische kulturelle Praktiken in ihrer Beziehung und Begrenzung durch soziale Strukturen (vgl. cultural studies, Kindheits- und Jugendforschung)
  • Historisch-gesellschaftlicher Kontext (vgl. Wirkmacht von Ambivalenzerfahrungen in der globalisierten Gesellschaft, politische Groß-Themen etc.)
  • Situativer bzw. Kommunikationskontext (vgl. Entstehungsprozess der Fotos vor dem Hintergrund der Kommunikation mit den Gleichaltrigen)

Um Kinder- und Jugendfotos verstehen zu können, ist ein mehrperspektivischer Analyseansatz notwendig, der die soziale, ästhetische und kreative Praxis des Fotografierens als sichtbar werdende Zeichen für den Habitus (Bourdieu) der Kinder und Jugendlichen, für ihren Blick auf sich selbst und die Welt konzeptualisiert. Mit dem folgenden Konzept der Bildhermeneutik, den wir in Freiburg entwickelt haben, könnte es gelingen, ihre Fotografierabsichten und damit ihre Selbst- und Welt-Bilder zu erschließen (vgl. Holzbrecher/Tell 2006).

In Anlehnung an F. Schulz-von Thuns kommunikationspsychologisches Modell (1981) beinhaltet jede Nachricht, also jeder Satz, jede Körperhaltung und auch jedes Foto, vier Dimensionen:

Sachlicher Inhalt: Was ist das Thema des Fotos, die Situation, die Zeit/Epoche? Mit welchen fotoästhetischen Mitteln wird gearbeitet?

Beziehung: Wie lässt sich die Haltung der fotografierten Personen beschreiben? Wie wird die Beziehung zwischen dem Fotografen und den Fotografierten gestaltet?

Selbstoffenbarung: Was sagt der jugendliche Fotograf über sich selbst aus? Welches Lebensgefühl, welches Bild von sich selbst möchte er ausdrücken? Welche Entwicklungsaufgabe wird damit sichtbar?

Appell: Zu welchen Handlungen und Haltungen werden die Rezipienten des Fotos aufgefordert?

Dieses kommunikationspsychologisch fundierte Modell eignet sich erfahrungsgemäß sehr gut, um in der Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen zu zeigen, dass man Fotos aus sehr unterschiedlichen Perspektiven „lesen“ lernen kann. Je nach Akzentuierung der vier Dimensionen ermöglicht es auch, sich der eigenen Fotografierabsichten und der Genres der Fotografie bewusster zu werden: Will ich eher etwas zeigen (Dokumentarfotografie)? oder Beziehungen zeigen (Personen-, Familienfotografie)? ein Lebensgefühl ausdrücken (künstlerische Fotografie)? Etwas kritisieren und zu einer veränderten Haltung auffordern (Sozialdokumentarische Fotografie)? Darüber hinaus sensibilisiert dieses Konzept Lehrer/innen und Medienpädagog/innen für einen subjektorientierten Blick auf die Lernenden.

Literatur

  • Bohnsack, Ralf (2003): Die dokumentarische Methode in der Bild- und Fotointerpretation, in: Yvonne Ehrenspeck / Burkhard Schäffer (Hrsg.): Film- und Fotoanalyse in der Erziehungswissenschaft. Ein Handbuch, Opladen: Lesker + Budrich, S. 87-107.
  • Bohnsack, Ralf (2006): Die dokumentarische Methode der Bildinterpretation in der Forschungspraxis, in: Marotzki, Winfried; Niesyto, Horst (Hg.), Bildinterpretation und Bildverstehen. Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive, Wiesbaden (VS Verlag), S. 45-75
  • Holzbrecher, Alfred; Oomen-Welke, Ingelore; Schmolling, Jan (Hg.) (2006): Foto + Text. Handbuch für die Bildungsarbeit, Wiesbaden 2006 (VS-Verlag)
  • Holzbrecher, Alfred, Schmolling, Jan (Hg.)(2004): Imaging. Digitale Fotografie in Schule und Jugendarbeit, Wiesbaden 2004 (VS-Verlag)
  • Holzbrecher, Alfred (2012): Lesarten generieren. Zur Hermeneutik der Kinder- und Jugendfotografie, in: Ingelore Oomen-Welke; Michael Staiger (Hg.), Bilder in Medien, Kunst, Literatur, Sprache, Didaktik (Festschrift für Adalbert Wichert), Freiburg (Filibach Verlag), S.121-128
  • Holzbrecher, Alfred (2013): Fotografie und kulturelle Bildung, in: Tobias Braune-Krickau u.a. (Hg.), Handbuch Kulturpädagogik für benachteiligte Jugendliche, Weinheim und Basel (Beltz), S. 860-881
  • Holzbrecher, Alfred (2015): La fotografía en educación visual. Su papel en la labor educativa (extra)académica, Profesorado: Revista de curriculum y formación del profesorado, ISSN-e 1138-414X, 19, Nº 1, 2015, págs. 438-452 https://dialnet.unirioja.es/servlet/articulo?codigo=5096850
  • Holzbrecher, Alfred; Tell, Sandra (2006): Jugendfotos verstehen. Bildhermeneutik in der medienpädagogischen Arbeit, in: Winfried Marotzki; Horst Niesyto (Hg.), Bildinterpretation und Bildverstehen. Methodische Ansätze aus sozialwissenschaftlicher, kunst- und medienpädagogischer Perspektive, Wiesbaden (VS Verlag), S. 107-119
  • Peez, Georg (2006): Fotografien in pädagogischen Fallstudien. Sieben qualitativ-empirische Analyseverfahren zur ästhetischen Bildung – Theorie und Forschungspraxis, München (kopaed)
  • Pilarczyk, Ulrike / Mietzner, Ulrike (2005): Die seriell-ikonografische Fotoanalyse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Bad Heilbrunn (Klinkhardt)
  • Pschichholz, Christin; Vorsteher-Seiler, Dieter (Hg.) (2011): Für immer jung. 50 Jahre Deutscher Jugendfotopreis (im Auftrag der Stiftung Deutsches Historisches Museum und des Kinder- und Jugendfilmzentrums in Deutschland), Berlin: dhm
  • Schulz von Thun, Friedemann (1981): Miteinander reden: Störungen und Klärungen. Psychologie der zwischenmenschlichen Kommunikation, Reinbek (Rowohlt)

Artikel verfasst von Alfred Holzbrecher (2018)

Weiterführende Artikel:

  1. Bildhermeneutik in der Erziehungswissenschaft
  2. Methoden der Bildinterpretation in der erziehungswissenschaftlichen Forschung
  3. Kommunikationspsychologischen Ansatz der Analyse von Fotografien
  4. Analyse von Kinderzeichnungen