Die quantitative Inhaltsanalyse ist durch die Attribute „objektiv, systematisch, quantitativ und manifest“ (Lamnek, 2005, S. 494) gekennzeichnet. Besonders hervorzuheben sind in dieser Beschreibung die letzten beiden Charakteristika – die ersteren fordert auch Mayring in seinem qualitativen Paradigma ein, sie sind davon abgesehen ohnehin den grundlegenden Ansprüchen der Wissenschaftlichkeit geschuldet. Im klassischen Sinne zielt die quantitative Inhaltsanalyse auf Quantifizierung ab, um dem entsprechenden Anspruch an Wissenschaftlichkeit gerecht zu werden. Nach einer solchen Auffassung muss Inhaltsanalyse mithin auf Auszählungsvorgängen beruhen – genau dies wird aber nur möglich, wenn die quantitative Inhaltsanalyse ausschließlich manifeste Inhalte in den Blick nimmt. Bei einem solchen Vorgehen muss dem Forscher durchaus bewusst sein, welche Aussparung vorgenommen wird: Insbesondere in soziologischen Untersuchungen sind die Kontexte der Kommunikanten und der Kommunikationsprozesse von entscheidender Bedeutung. Ob jedoch gerade diese Kontextinformationen in den manifesten Kommunikationsinhalten ausgedrückt werden, erscheint fraglich. Aus diesem Grund muss die Entscheidung für ein quantitatives inhaltsanalytisches Vorgehen stets mit dem Bewusstsein getroffen werden, dass eine Beschränkung auf manifeste Informationen gerade diejenigen Inhalte der Forschungsarbeit vorenthält, die in den latenten Kommunikationsfunktionen enthalten sind. Ein griffiges Beispiel für die Durchführung einer quantitativen Inhaltsanalyse in Form einer Frequenzanalyse bietet eine Untersuchung dem Jahr 1949 (vgl. Lamnek, 2005, S. 502): In der Untersuchung wurde die Herkunft von Protagonisten in Zeitungskurzgeschichten betrachtet und auszählend erfasst. Im Anschluss sollte die Frage beantwortet werden, inwiefern die Ergebnisse der Auszählung – also die Darstellung der einbezogenen Kurzgeschichten – die reale Zusammensetzung der Bevölkerung widerspiegeln.

Ebenso wie die quantitative, beansprucht auch die qualitative Inhaltsanalyse in der sozialwissenschaftlichen Anwendung die Attribute der Systematik und Objektivität. Unterschiede in der Definition ergeben sich jedoch beim Blick auf die Quantifizierung und die Behandlung von latenten Kommunikationsinhalten. Als grobes und pauschalisiertes Unterscheidungskriterium kann vorab gelten, dass qualitative Inhaltsanalyse nicht oder höchstens teilweise auf auszählende Verfahren zurückgreift. Vielmehr versteht sich die qualitative Inhaltsanalyse als Auswertungsverfahren, das gerade nicht vorab festgelegte Hypothesen widerlegen oder bestätigen will, sondern den individuellen Fall in seiner vollen Authentizität ganzheitlich analysiert und abschließend Erkenntnisse formuliert. Insgesamt ist die qualitative Inhaltsanalyse freilich durch jene Eigenschaften geprägt, welche für die qualitative Sozialforschung im Allgemeinen kennzeichnend sind: Die soeben angeführte Offenheit besteht aus einem aufmerksamen Nachvollzug des einzelnen Fallmaterials, bei dem der Blick nicht durch ein a priori festgesetztes Hypothesenkonstrukt auf eine bestimmte Perspektive eingeschränkt wird. In einer qualitativen Inhaltsanalyse soll das Material für sich sprechen und damit das Fragekonzept aus sich selbst heraus entfalten. Dabei ist es das Ziel von qualitativer Inhaltsanalyse, kommunikative Akte möglichst ganzheitlich erfassend zu untersuchen. Das bedeutet wiederum, dass nicht nur bestimmte Merkmale der Kommunikation dokumentiert und in statistischen Verfahren ausgewertet werden, sondern dass der komplexe Kommunikationsvorgang möglichst umfassend in seinen Zusammenhängen ergründet und im Hinblick auf Bedeutungsgehalte ausgedeutet wird. Voraussetzung für ein solches explikatives Vorgehen sind Erhebungsverfahren, die Offenheit für die Entfaltung möglichst natürlicher Kommunikationsvorgänge schaffen und diese unter Beibehaltung maximaler Authentizität einfangen. Im vollen Gegensatz zur quantitativen Inhaltsanalyse steht der interpretative Ausdeutungscharakter bei der qualitativen Inhaltsanalyse im Zentrum der Analysearbeit. Allerdings wird diese Form der Interpretation vermittels einer strengen Regelgeleitetheit wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht.


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Literatur: 

  • Lamnek. S. (2005). Qualitative Sozialforschung. Lehrbuch. Weinheim: Beltz.
  • Mayring, P. (2003). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. Weinheim: Beltz.

Artikel verfasst von Jens Jenkner (2007)